Bahnchaos durch Sturmtief

Umgeknickte Bäume versperren Straßen und beschädigen Autos

21.10.2021
, 18:54
Ein durch Sturmböen umgeknickter Baum ist in Görlitz auf ein Auto gefallen.
Deutschland erlebt den ersten Herbststurm des Jahres: Zeitweise wurde in mehreren Bundesländern der Bahnverkehr eingestellt, allmählich rollen die Züge aber wieder. In Baden-Württemberg wurde ein Mann von einem umstürzenden Baum lebensgefährlich verletzt.

Das Sturmtief über Deutschland hat am Donnerstag zu starken Einschränkungen im Bahnverkehr geführt. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt wurde der Zugverkehr der DB Regio am Mittag zeitweise komplett eingestellt, der Fernverkehr lief unter unter erschwerten Bedingungen weiter. Zunächst war die Höchstgeschwindigkeit auf allen Strecken in Thüringen auf 80 Kilometer pro Stunde gesenkt worden. Am Nachmittag teilte das Unternehmen dann mit, dass der Bahnverkehr schrittweise wieder hochgefahren werde: „Bis sich der Verkehr normalisiert hat, dauert es noch. Aber wir fahren wieder“, sagte ein Bahn-Sprecher.

Auch in NRW lief der Fernverkehr nach einer zeitweisen Einstellung am Vormittag allmählich wieder an. Wie die Deutsche Bahn am Mittag mitteilte, werde der Zugverkehr auf ersten Strecken nach und nach wieder aufgenommen. Es komme jedoch weiter zu Ausfällen und Verspätungen in weiten Teilen Deutschlands. Wie lange die Behinderungen andauerten, sei noch nicht abzusehen. So dauern die Aufräumarbeiten auf der Strecke Düsseldorf und Köln weiter an, auch sei die ICE-Strecke nach Wuppertal noch nicht befahrbar, sagte ein Sprecher. Auch im Regionalverkehr sorgten umgestürzte Bäume und auf die Gleise und in die Oberleitungen gewehte Äste oder Gegenstände für Zugausfälle und zum Teil erhebliche Verspätungen.

Besonders betroffen seien auch das Saarland, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern. Es komme zu Zugausfällen und Verspätungen. Im Laufe des Tages rechnete der Deutsche Wetterdienst (DWD) in einem Streifen über die Mitte bis in den Osten und Nordosten Deutschlands mit schweren Sturmböen und teilweise orkanartigen Böen.

„Hunderte Mitarbeitende sind im Einsatz, um Bäume und andere Hindernisse aus den Gleisen zu räumen, Oberleitungen zu reparieren und Schäden aufzunehmen“, teilte eine Sprecherin mit. Fahrgäste, die aufgrund des Unwetters ihre Reise verschieben wollen, könnten ihr gebuchtes Ticket ab sofort bis einschließlich sieben Tage nach dem Ende der Störungen einlösen.

Warnung vor Sturmflut

Für den Donnerstagnachmittag und -abend warnte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie vor einer Sturmflut an der Nordsee sowie im Weser- und Elbegebiet. Das Hochwasser werde an der Nordseeküste 1,00 bis 1,50 Meter und im Weser- und Elbegebiet etwa 1,50 Meter über dem Mittleren Hochwasser betragen, hieß es. Weitere Sturmfluten am Freitag seien nicht ausgeschlossen. Der Scheitelpunkt in Hamburg-St.-Pauli soll am Donnerstag um kurz nach 18.00 Uhr erreicht werden.

Vielerorts rückten die Feuerwehren wegen umgestürzter Bäume, herabgefallener Äste und Teile von Dächern aus. Im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg kollidierte in der Nacht ein Güterzug mit einem herabgefallenen Ast auf dem Gleis. In Hamburg-Ohlsdorf stürzten zwei etwa 15 Meter hohe Bäume auf ein Auto und ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus. Verletzt wurde dabei niemand. Im Windpark Nattheim (Kreis Heidenheim) zerstörte der Sturm eine Windkraftanlage, wie die Stadtwerke Heidenheim mitteilten.

In Völkersbach in Baden-Württemberg fiel ein Baum an einem Waldrand auf einen 64-Jährigen und verletzte ihn lebensgefährlich, wie die Polizei berichtete. Auf der Autobahn 31 nahe Wietmarschen, Niedersachsen, verunglückte eine 22-Jährige im Sturm mit ihrem Auto. Eine Polizeisprecherin sagte am Donnerstag, die Frau habe angegeben, ihr Wagen sei von einer Windböe erfasst worden. Daraufhin verlor die Fahrerin die Kontrolle und kam nach rechts von der Fahrbahn ab. Sie kam schwer verletzt in eine Klinik.

Die Berliner Feuerwehr rief den Ausnahmezustand Wetter aus. „Wir sind nahezu am Limit“, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Zwischen 8.00 Uhr und 12.00 Uhr rückte die Feuerwehr demnach zu 164 wetterbedingten Einsätzen aus. Nach Angaben des Sprechers wurde eine Frau in Prenzlauer Berg von herabfallenden Ästen leicht verletzt. Auch gab es erhebliche Sachschäden an parkenden Autos.

Wirbelsturm bei Kiel

In Schwentinental bei Kiel hat ein Wirbelsturm am Donnerstagmorgen schwere Schäden angerichtet. Feuerwehr-Einsatzleiter Kai Lässig berichtete, er habe den Rüssel des Sturms selbst gesehen. Der Sturm habe im Ort eine „Schneise der Verwüstung“ auf etwa 100 Metern Breite hinterlassen. Mehrere Häuser seien schwer beschädigt worden, berichtete Lässig weiter. Bäume seien umgestürzt und hätten Autos unter sich begraben. Verletzte gab es nach seinen Angaben nicht. Der Sturm sei gegen 7.30 Uhr aus Richtung Kiel durch den Ort gezogen. Er habe unter anderem Gartenhäuser, Wintergärten und Gewächshäuser zerstört. Ob es sich wie zunächst berichtet tatsächlich um einen Tornado handelte, werde geprüft, wenn Meldungen dazu eingegangen seien, sagte ein Sprecher des DWD.

Aus Nordrhein-Westfalen meldete die Landesregierung in einer ersten Bilanz rund 370 Einsätze der Feuerwehr und 36 Verkehrsunfälle mit vier Leichtverletzten. Aus verschiedenen Bundesländern meldeten Energieversorger darüber hinaus Stromausfälle durch beschädigte Leitungen. In vielen Regionen waren zeitweise Straßen durch Bäume blockiert.

Auf der Mosel bei Koblenz in Rheinland-Pfalz drückte eine Böe am Donnerstagmorgen ein Flusskreuzfahrtschiff gegen den Pfeiler einer Eisenbahnbrücke. Schiff und Brücke wurden nach Angaben der Polizei beschädigt, die 180 Passagiere und Besatzungsmitglieder blieben unverletzt. Das Schiff konnte seine Fahrt fortsetzen. Bei Cochem an der Mosel riss der Sturm ein Rotorblatt einer Windkraftanlage ab. Die Trümmer verteilten sich laut Polizei in einem Umkreis von 150 Metern um die in einem Wald erbaute Anlage. Verletzte gab es auch bei diesem Vorfall nicht.

Umgestürzte Bäume und herabfallende Äste beschädigten Stromleitungen und sorgten so für einen Stromausfall. Etwa 50.000 Kunden seien ohne Strom, teilte ein Sprecher der Mitteldeutschen Netzgesellschaft Strom am Nachmittag mit. Der Ausfall betreffe Teile Brandenburgs, Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens. So waren unter anderem Menschen in Meißen, Riesa und Radeburg zeitweise ohne Strom, wie SachsenEnergie am Donnerstag mitteilte.

Alle verfügbaren Kräfte seien im Einsatz, um Leitungen zu reparieren und betroffene Kunden durch Umschaltungen wieder ans Netz zu bringen, hieß es. Bis die komplette Versorgung wieder hergestellt sei, könne es aber noch bis zu den Abendstunden oder bis zum Freitag dauern.

„Jetzt in den Wald zu gehen, ist absolut unverantwortlich“

Auch in Bayern verursachte der Sturm erste Schäden. Die Polizei meldete Dutzende Einsätze. Teilweise kam es auch zu Stromausfällen. In Düsseldorf rückte die Feuerwehr meist wegen loser Äste, umgekippter Bäume oder Absperrungen an Baustellen aus. In mehreren Orten in der Pfalz sowie in Koblenz fiel am Vormittag der Strom aus.

In Thüringen wurden zahlreiche Einrichtungen wie der Zoopark Erfurt und der Tierpark Suhl geschlossen. Auch städtische Friedhöfe in Erfurt wurden geschlossen, sodass geplante Bestattungen und Trauerfeiern ausfielen. In Rheinland-Pfalz wurde die Rheinbrücke bei Speyer, die Teil der Bundesautobahn 61 ist, wegen querstehenden Lastwagen gesperrt. Derzeit geht die Polizei davon aus, dass Sturmböen den Anhänger eines Lastwagens erfassten und dieser so umstürzte.

Im Harz kippten zahlreiche Bäume um und versperrten auch einige Straßen, wie der Nationalpark und die Polizei mitteilten. Die Landesforsten und der Nationalpark warnten davor, Wälder zu betreten. „Jetzt in den Wald zu gehen, ist absolut unverantwortlich. Auch wenn der Sturm abgeflaut ist, dann können Bäume noch jederzeit umfallen“, warnte Friedhart Knolle vom Nationalpark Harz am Donnerstagvormittag.

In tieferen Lagen knickten Bäume ab und fielen vereinzelt auf Straßen und Autos. In Wittenberg wurde ein Fahrradfahrer von einem umstürzenden Baum verletzt und musste stationär behandelt werden. Ein umstürzender Baum verletzte einen 59 Jahre alten Autofahrer schwer. Der Baum habe am Donnerstagmorgen den Wagen des Mannes bei Elend unter sich begraben, sagte ein Sprecher der Polizei. Der eingeklemmte Fahrer wurde anschließend von der Feuerwehr aus dem Auto befreit und mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

Auf dem Brocken sei die Lage bereits am Mittwoch dramatisch gewesen, sagte Knolle. Besonders Touristen seien unverantwortlich gewesen. Bilder vom Gipfel zeigten demnach Kinder, die dort herumwirbelten und sich nicht mehr hätten halten können, sowie Erwachsene mit Kinderwagen. Die Harzer Schmalspurbahnen hatten den Verkehr auf der Brockenstrecke zwischen Schierke und dem Brocken bereits am Mittwochnachmittag eingestellt.

Der DWD ging von schweren Sturmböen und teilweise orkanartigen Böen von bis zu 105 Kilometern pro Stunde aus. Im Bergland könne es sogar Orkanböen mit bis zu 120 Kilometern pro Stunde geben. In der Nordhälfte Deutschlands seien auch „kurzlebige Tornados“ nicht ausgeschlossen, hieß es. Im Laufe des Nachmittags sollte der Wind den DWD-Angaben zufolge von Westen her wieder nachlassen. Es wird insgesamt kühler.

Quelle: jant./marw./dpa
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