Seilbahn-Unglück in Italien

Sie starben, als das Land wieder zum Leben erwachte

Von Matthias Rüb, Rom
24.05.2021
, 11:25
Die Kabine stürzte etwa 15 Meter in die Tiefe, prallte auf steilem Gelände in der Schneise unter der Seilbahn auf den Boden, überschlug sich mehrfach und blieb schließlich im dichten Baumbestand liegen.
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Das Seilbahn-Unglück in Italien nahe des Lago Maggiore riss vierzehn Menschen in den Tod. Der einzige Überlebende der Katastrophe ist ein fünf Jahre alter Junge. Er verlor seine Eltern und seine Großeltern.

Es war schönstes Ausflugswetter zu Pfingsten in ganz Italien, vom Brenner bis nach Sizilien. Es war, als vernehme man einen kollektiven Seufzer der Erleichterung: der dunkle Schleier der Pandemie fortgerissen, alle zwanzig Regionen des Landes soeben von der Regierung zur „gelben Zone“ deklariert, mit geringem Infektionsrisiko und geringen Einschränkungen.

Aber Pfingstsonntag 2021 wird in Italien nicht als Auftakt zu einem Sommer „jenseits des Virus“ in Erinnerung bleiben, sondern als Tag der Tragödie von Stresa am Lago Maggiore. Von dort, jenem von der Schönheit der Natur besonders gesegneten Flecken des Belpaese, kamen am Sonntag und tags darauf, von Ermittlern und Augenzeugen, die noch disparaten Nachrichten von Hergang und Ursache der Katastrophe.

Die bergfahrende Kabine war mit 15 Personen besetzt, unter ihnen zwei Buben im Alter von fünf und sechs Jahren sowie ein zwei Jahre altes Kleinkind, und befand sich kaum noch hundert Meter von der Bergstation der Seilbahn Stresa-Mottarone entfernt. Aus bisher ungeklärter Ursache riss, kurz vor 13 Uhr, mit einem lauten Knall das Tragseil. Die Kabine raste talwärts. Mit abermals ohrenbetäubendem Lärm schlug die Kabine, nach wiederum kaum hundert Metern, gegen den letzten Betonpfeiler der Seilbahn, den sie kurz zuvor passiert hatte. Danach stürzte die Kabine etwa 15 Meter in die Tiefe, prallte auf steilem Gelände in der Schneise unter der Seilbahn auf den Boden, überschlug sich mehrfach und blieb schließlich im dichten Baumbestand liegen, der die etwa zwanzig Meter breite Schneise säumt. Nach Schätzungen eines Helfers, der an der Bergung der Opfer beteiligt war, vergingen vom Augenblick des Seilrisses bis zum Aufprall der Kabine an dem Pfeiler und auf dem Boden acht bis allenfalls zehn Sekunden.

Die fünf und sechs Jahre alten Jungen atmeten noch

Die sterblichen Überreste von acht Opfern fanden die Einsatzkräfte in dem schwer zugänglichen Waldstück, manche von ihnen 40 Meter von der zerstörten Kabine entfernt. Aus den Trümmern wurden fünf weitere Todesopfer geborgen, unter ihnen das zweijährige Kleinkind. Die beiden fünf und sechs Jahre alten Jungen in den Kabinentrümmern atmeten noch, sie wurden, mit lebensgefährlichen Verletzungen, ins Krankenhaus Regina Margherita nach Turin geflogen. Der sechs Jahre alte Mattia P. starb am Sonntagabend in der Klinik.

Der einzige Überlebende der Katastrophe war am Montag der fünf Jahre alte Eitan Moshe B. Er hatte Frakturen an beiden Beinen und weitere Knochenbrüche erlitten, seinen Zustand konnten die Ärzte nach einer Notoperation stabilisieren. Eitans Eltern waren 2018 aus Israel nach Italien gekommen. In Pavia hatte Eitans Vater Amit B., 30 Jahre alt, sein Medizinstudium abgeschlossen. Er und seine 27 Jahre alte Ehefrau Tal überlebten das Unglück nicht. Ebenso wenig wie ihr kleiner Sohn Tom B., mit zwei Jahren das jüngste Opfer der Katastrophe. Gestorben sind bei dem Unglück auch Eitans Großeltern, 83 und 71 Jahre alt. Sie waren zu einem Frühjahrsbesuch aus Israel nach Italien gekommen.

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Mehrere Tote
Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore
Video: Reuters, Bild: AFP

Neben der israelischen Familie, fast vollständig ausgelöscht bei einem Ausflug an den Lago Maggiore, gehört ein 27 Jahre alter Iraner, der seit mehreren Jahre in Kalabrien gelebt hatte, zu den ausländischen Opfern. Entgegen ersten Berichten vom Sonntagnachmittag befanden sich keine Deutschen in der Seilbahn. Die weiteren Opfer waren zwei Paare Ende zwanzig und eines Ende Mitte vierzig aus der Lombardei und aus Kalabrien sowie eine dreiköpfige Familie aus der Emilia-Romagna, unter ihnen der sechs Jahre alte Junge.

Die Seilbahn Stresa-Mottarone verkehrt vom Lido di Stresa am Westufer des Lago Maggiore auf 205 Metern Meereshöhe bis zum Monte Mottarone auf 1385 Metern; die Mittelstation Alpino liegt 805 Meter hoch. Von der Bergstation Mottarone führt ein Sessellift bis zur die Gipfelstation Mottarone Vetta auf knapp 1500 Meter hinauf. Zwischen Tal- und Mittelstation sowie zwischen Mittel- und Bergstation verkehren jeweils nur zwei Kabinengondeln, eine berg- und eine talfahrende. Die Kabinen sind für 35 Passagiere zugelassen. Wegen der Hygiene- und Abstandsmaßnahmen ist die Kapazität auf höchstens 50 Prozent reduziert. Während die Unglückskabine nach dem Riss des Tragseils nahe der Bergstation Mottarone talwärts raste und gegen den Betonpfeiler prallte, blieb die talfahrende Gondel etwa hundert Meter vor der Mittelstation Alpino stehen. Die Passagiere der talfahrenden Gondel konnten unverletzt geborgen werden. Auch die beiden Gondeln zwischen Talstation Lido di Stresa und Mittelstation Alpino kamen im Augenblick des Seilrisses mit einem Ruck zum Stehen.

Die Seilbahn wird sommers von Ausflüglern und Wanderern, im Winter zusammen mit dem Sessellift von der Berg- zur Gipfelstation von Skisportlern genutzt. Von den Kabinen der Seilbahn aus und zumal von der Berg- und Gipfelstation bietet sich ein atemberaubender Blick auf den Lago Maggiore und auf die Borromäischen Inseln. Am Pfingstsonntag war bei Sonne und klarer Luft die Vista besonders schön. Ausflügler von nah und fern kamen zum „Großen See“, über dem die derzeit saftig grünen Berge in den stahlblauen Himmel ragen. Die Gondelbahn wurde in diesem Jahr erst am 24. April wieder in Betrieb genommen. Zuvor stand die Bahn wegen der Pandemiemaßnahmen monatelang still. Die Skisaison war auf Geheiß der Regierung in Rom vollständig abgesagt worden.

Die Seilbahn wurde vor gut einem halben Jahrhundert von der damaligen Betreibergesellschaft „Piemonte Funivie“ erbaut und 1970 in Betrieb genommen. Später wurde die Gesellschaft aufgelöst, heute wird die Bahn von den „Ferrovie del Mottarone“ betrieben. Während einer Generalüberholung zwischen 2014 bis 2016 verkehrte die Seilbahn nicht. Für die regelmäßige Wartung der Anlage ist seit 2016 das Unternehmen Leitner aus Sterzing in Südtirol zuständig. Nach der Generalüberholung der Seilbahn von 2016 seien „elektronische Bestandteile sowohl an der Kabine als auch am Fahrgestell ausgetauscht“ worden, sagte Leitner-Geschäftsführer Anton Seeber am Sonntag. Am Seil seien seinerzeit keine Arbeiten vorgenommen worden. Die Trag- und Zugseile seien aber jedes Jahr im November geprüft worden. „Die Überprüfung ist immer positiv ausgefallen“, versicherte Seeber und fuhrt fort: „Wir stehen jetzt den Ermittlungsbehörden zur Verfügung, damit dieses Unglück so schnell wie möglich aufgeklärt werden kann. Wir sprechen den Angehörigen unser tiefstes Mitgefühl aus.“

Bekundungen der Bestürzung und des Beileids kamen nach der Tragödie von Stresa auch aus der Hauptstadt sowie aus dem dem Ausland. „Mit großer Trauer habe ich von dem tragischen Unfall der Stresa-Mottarone-Seilbahn erfahren“, teilte Ministerpräsident Mario Draghi mit. Er sprach den Familien der Opfer sein Beileid aus. Staatspräsident Sergio Mattarella teilte mit, das Unglück habe im ganzen Land „tiefen Schmerz“ ausgelöst. EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen sprach den Familien der Opfer „Europas tiefes Mitgefühl“ aus. In der Zeitung „La Repubblica“ beklagte der Leitartikler am Montag, dass 14 Menschen ihr Leben ausgerechnet in dem Augenblick verloren haben, da das Land wieder zum Leben erwachte: „Die Gondel ist in jene Tiefe gestürzt, aus der wir alle gerade emporsteigen.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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