Flug MH370

„Es war der Pilot“

Von Till Fähnders, Singapur
06.03.2015
, 13:18
Kein Wrackteil zu finden: Eine P 3 Orion der königlich-neuseeländischen Luftwaffe ist im März 2014 auf Suchflug über dem Indischen Ozean.
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Auch ein Jahr nach dem Verschwinden von Flug MH370 gibt es nur Hypothesen über die Ursache. War es „Cyberhijacking“? Eine Entführung? Die CIA oder gar Putin? Glaubwürdig sind die meisten Erklärungen nicht, aber eine von ihnen hat viel für sich.

Am Samstag, dem 8. März 2014, um 00.41:43 Uhr malaysischer Zeit hob der Linienflug MH370 der Malaysia Airlines nach Peking von der Rollbahn 32R am Internationalen Flughafen Kuala Lumpur ab. An Bord der Boeing 777-200ER waren 227 Passagiere und zwölf Besatzungsmitglieder. Um 01.19:24 Uhr gab die Luftraumüberwachung von Kuala Lumpur dem Piloten die Anweisung, sich beim Luftverkehrskontrollzentrum von Ho-Tschi-Minh-Stadt zu melden. Aus dem Cockpit wurde dies mit dem Ausspruch „Good night Malaysian Three Seven Zero“ beantwortet. Um 01.21:13 Uhr verschwand das Flugzeug vom Radar der Zentrale in Kuala Lumpur.

Das Flugzeug erschien nie im vietnamesischen Luftraum. Sämtliche Kommunikationssysteme (Transponder und ACARS-System), die eine Ortung des Flugzeugs erlaubt hätten, funktionierten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Es gibt deshalb nur noch einige Hinweise auf die Route, die das Flugzeug danach genommen haben soll. So will das malaysische Militär mit Primärradar ein Flugzeug beobachtet haben, das über dem Südchinesischen Meer eine Kehrtwende machte und über das malaysische Festland in die Straße von Malakka flog. Die Firma Inmarsat berechnete außerdem aufgrund der „Handshakes“ (rudimentärer Kontaktaufnahmen des Flugzeugsystems mit einem Kommunikationssatelliten), dass das Flugzeug noch etwa sieben Stunden lang in Richtung des südlichen Indischen Ozeans geflogen war.

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Flug MH370
Australien stellt Suche nach abgestürztem Flugzeug ein

Was genau passiert ist, bleibt aber auch noch fast genau zwölf Monate nach dem Verschwinden von MH370 eines der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte. Bis heute wurde kein Wrackteil gefunden. Das gibt viel Raum für Spekulationen. Unter vielen Fachleuten gilt zurzeit die Variante als wahrscheinlich, dass einer der beiden Piloten, womöglich der erfahrenere Flugkapitän Zaharie Ahmad Shah, das Flugzeug absichtlich vom Kurs abgebracht hat. Einiges spricht dafür: Die offenbar absichtlich veränderte Flugroute mit mehreren Wendemanövern und das offenbar manuell vorgenommene Abschalten der Kommunikationssysteme deuten darauf hin, dass die Person über profunde Kenntnisse verfügt haben muss. Außerdem fehlt jeder Hinweis auf andere mögliche Täter.

Bild: DPA

Dass es der Pilot war, ist auch die Hypothese einer neuen Dokumentation des Senders „National Geographic“. Demnach muss ein Kenner das Flugzeug gelenkt haben. So könnte der damals 52 Jahre alte Pilot seinen Kopiloten Fariq Abdul Hamid etwa zum Kaffeeholen aus dem Cockpit geschickt haben. Dann könnte er sich selbst eine Sauerstoffmaske aufgesetzt und den Druck in der Kabine manuell gesenkt haben. Spätestens nachdem die Sauerstoffnotversorgung der Passagiere nach etwa zwölf Minuten zur Neige gegangen wäre, wären die Insassen ins Koma gefallen.

Beweise dafür gibt es allerdings nicht. Die malaysische Polizei hat bislang keine Details aus ihren Ermittlungen veröffentlicht, in deren Verlauf auch der Flugsimulator aus dem Haus des Piloten untersucht worden war. Daher blühen auch andere Theorien. So glaubt der Autor Jeff Wise, das Flugzeug sei nicht, wie von Inmarsat dargestellt, entlang des südlichen von zwei berechneten möglichen Korridoren geflogen, sondern entlang des nördlichen. Er tippt deshalb darauf, dass der russische Präsident Putin etwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnte. Ausgerechnet! Der Autor gibt sogar einen potentiellen Landungsort an einem Flughafen in Kasachstan an. Eines seiner Argumente: Dass nur vier Monate nach Verschwinden von MH370 ein Flugzeug der Malaysia Airlines über der Ostukraine abgeschossen wurde, nämlich Flug MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur, könne kein Zufall sein.

Glaubwürdig ist das nicht - dabei klingt diese Überlegung weniger verrückt als viele andere Verschwörungstheorien. Demnach wurde MH370 von Außerirdischen entführt, von der CIA auf der Insel Diego Garcia versteckt oder ist womöglich sogar nie gestartet. Ebenfalls weit hergeholt dürfte die Erklärung sein, dass MH370 Opfer des ersten Falls von „Cyberhijacking“ geworden sein soll, der drei amerikanische Autoren in ihrem neuen Buch „Somebody is hiding something“ anhängen. Aus der Luft gegriffen erscheint auch die Idee, die der Autor Nigel Cawthorne im ersten der vielen MH370-Bücher dargelegt hat. Demnach wurde die Boeing - wohl während einer amerikanisch-thailändischen Militärübung - versehentlich abgeschossen.

Als Kronzeuge für diese Theorie musste damals Mike McKay herhalten, der Mitarbeiter einer Ölfirma, der an dem Morgen von seiner Bohrinsel aus ein brennendes Flugzeug über dem Südchinesischen Meer vor der Küste Vietnams gesehen hatte. Der Neuseeländer hatte seine Beobachtung in einer Mail an die Behörden geschildert und soll daraufhin entlassen worden sein. Angeblich geht der mysteriöse Neuseeländer immer noch davon aus, dass er damals Flug MH370 gesehen haben könnte.

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Flug MH370
Angehörige können sich nicht abfinden

Es bleibt ein ungutes Gefühl. Angehörige wie Sarah Bajc, deren Lebensgefährte Philip Wood an Bord war, zweifeln sogar daran, dass überhaupt an der richtigen Stelle gesucht wird - und dass die malaysischen Behörden genug tun. Bis heute ist vor allem die Frage nicht beantwortet, warum das malaysische Militär keine Kampfflieger in die Luft geschickt hatte, nachdem es per Radar ein Flugzeug über seinem Territorium entdeckt hatte, das nicht auf korrekter Flugroute unterwegs war.

Der ehemalige Verteidigungs- und Verkehrsminister Hishammudin Hussein hatte dies nur damit begründet, dass das Flugzeug als „freundlich“ eingestuft wurde. Wie die Luftwaffe zu diesem Urteil gelangte, erklärte er jedoch nicht. Schließlich wäre es ja nicht das erste Mal, dass ein Passagierflugzeug entführt und zu einer Waffe umfunktioniert worden wäre. „Warum sonst“, fragt Sarah Bajc, „sollte ein Flugzeug von seiner Flugroute abweichen?“ Wollte das malaysische Militär einen Schnitzer überspielen? Oder etwas verheimlichen?

Viele Angehörige haben Malaysia darüber hinaus dafür kritisiert, dass die dortigen Behörden das Verschwinden des Flugzeugs vor kurzem zu einem „Unfall“ deklariert und die Insassen für tot erklärt haben. Die Luftfahrtbehörde teilte mit, so werde es den Angehörigen einfacher gemacht, Entschädigungen einzufordern. Die Angehörigen befürchten aber, dass die Behörden es vor allem sich selbst einfacher machen wollten. Einige chinesische Angehörige reisten sogar aus Peking nach Kuala Lumpur, um vor den Büros der Malaysia Airlines gegen den Schritt zu protestieren.

Ungeachtet dieser Kontroversen laufen die Sucharbeiten im Süden des Indischen Ozeans weiter. Nachdem zwischen Mai und Dezember 2014 die Beschaffenheit des Meeresbodens auf 208 000 Quadratkilometern untersucht worden war, sind dort nun vier Schiffe im Einsatz. Die Fugro Discovery, Fugro Equator und Fugro Supporter des niederländischen Unternehmens Fugro sowie das australische Schiff GO Phoenix haben fast die Hälfte des 60 000 Quadratkilometer großen primären Suchgebiets durchforstet. Die Schiffe benutzen dafür Unterwassergefährte, die mit Sonargeräten, Echolot und Videokameras ausgestattet sind. Das Areal liegt etwa 1800 Kilometer westlich der Stadt Perth an der Westküste Australiens. Es ist für seine schwierigen Wetterverhältnisse bekannt. Mehrfach mussten die Arbeiten wegen rauher See unterbrochen werden. Die Suche im Meer, das an dieser Stelle bis zu 6000 Meter tief ist, hat immerhin schon faszinierende Erkenntnisse über die bislang kaum erforschte Region ergeben, darunter solche über unbekannte Unterwassergebirge. Es wurden auch Hunderte von Menschen gemachte Objekte gefunden. Allerdings keine Wrackteile, sondern zum Beispiel Reste versunkener Schiffscontainer.

Die australische Suchbehörde zeigt sich dennoch „vorsichtig optimistisch“, dass das Wrack gefunden werden kann. Die Australier geben sich noch bis zum Mai Zeit, um das komplette Suchgebiet zu durchforsten. Am Donnerstag ließ Premierminister Tony Abbott bei einer Gedenkstunde im Parlament in Canberra durchblicken, dass die Suche irgendwann zurückgefahren werden könnte. „Ich kann nicht versprechen, dass sie in dieser Intensität auf ewig weitergeführt werden kann. Aber wir werden unser Bestes tun, um Antworten zu finden.“ Angehörige der sechs Australier an Bord waren im Parlament anwesend. Das Warten auf Antworten ist für sie auch nach zwölf Monaten noch eine Qual.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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