Vulkanausbruch auf La Palma

Das quälende Warten wird noch Wochen dauern

Von Hans-Christian Rößler
23.09.2021
, 16:46

              Hören zu: König Felipe VI. und seine Frau  Letizia am Donnerstag
Auf den Ausbruch des Vulkans auf La Palma folgt eine Welle der Solidarität und königlicher Besuch. Es wird Monate dauern, bis das vulkanische Gestein abkühlt – und Jahre, bis der Boden stabil genug ist, um wieder darauf zu bauen.

Für das Königspaar öffnet sich sofort das große Tor der Kaserne von El Fuerte auf den schwarzen Felsen über der Atlantikküste. Seit Sonntag ist das weiße Militär­gebäude die streng abgeschirmte Zuflucht für einige der gut 6000 Menschen, die vor den Lavamassen des Vulkans auf der anderen Seite der Insel geflohen sind. Am Donnerstagnachmittag sind Felipe und Letizia vom Flughafen von La Palma dorthin gefahren, um mit den Menschen zu sprechen, die obdachlos geworden sind. Die Katastrophe hat vielen von ihnen auch psychisch sehr zugesetzt, weshalb Besucher normalerweise ferngehalten werden. Eine überraschte alte Frau erkennt den König erst, als er kurz seine FFP2-Maske abnimmt.

Bald werden die letzten Vertriebenen die Evakuierungszentren verlassen haben, die die Behörden bei Santa Cruz und in Los Llanos de Aridane eingerichtet haben. Am Donnerstag zogen mehr als 100 in ein Hotel an der Südspitze der Insel um. Doch die Ferienunterkünfte mit insgesamt 17.000 Betten, in denen auch Rettungskräfte untergekommen sind, sind ausgebucht. Am Donnerstag war in El Paso online nur noch ein einziges Hostel-Bett zu reservieren. Die meisten sind deshalb erst einmal bei Angehörigen und Freunden untergekommen. Das ist jedoch keine dauerhafte Lösung. Die kanarische Regionalregierung hat schon 280 Wohnungen gekauft. Banken und Privatleute haben weitere Immobilien bereitgestellt.

Aber es fehlt nicht nur an einem Dach über dem Kopf. In der Sporthalle Severo Rodríguez in Los Llanos sind die Schuhe ordentlich nach Größen auf den Sitzen der Zuschauerränge aufgereiht. Abgesehen von neuer Unterwäsche gibt es mehr Kleidung als genug. Vor dem modernen Gebäude in der größten Stadt im Westen der Insel bringen Einheimische weiterhin säckeweise Hilfsgüter vorbei. „Irgendwas muss man doch tun, wenn man selbst verschont blieb. Man fühlt sich so hilflos“, sagt ein Einwohner von Llanos. Zur Zeit mangele es vor allem an Körperpflegeprodukten, Handtüchern, glutenfreien Lebens­mitteln, Babynahrung und Gesichtsmasken, sagt eine Freiwillige.

Nächtliches Spektakel: Der Vulkan spuckt Lava aus.
Nächtliches Spektakel: Der Vulkan spuckt Lava aus. Bild: EPA

Auch Unternehmer, Supermärkte, Telefongesellschaften und Banken tragen dazu bei, ein Hilfsnetzwerk zu knüpfen – mit Futter und Ställen für die Tiere, bis zum Spielzeug für die Kinder. Spendenkonten wurden eingerichtet. Der Ausbruch hat eine Welle der Solidarität ausgelöst, die längst über die Insel hinausreicht. Am Donnerstag kam Sternekoch José Andrés mit seiner Initiative World Central Kitchen auf die Insel, um für hunderte Rettungskräfte und Vertriebene einen festlichen Eintopf zu kochen.

In Llanos warten die Bananenbauern ungeduldig an einer Polizeisperre, bis sie endlich wieder auf ihre Plantagen dürfen. „Das ist vielleicht die letzte Ernte. Was danach kommt, weiß kein Mensch“, sagt einer von ihnen. Andere berichteten, dass die Bewässerung nicht mehr richtig funktioniere. Normalerweise schauen die Bauern täglich nach ihren Felder, aber bald könnten die Lavamassen auch die Zufahrtsstraßen blockieren. Mehr als zwei Drittel der Arbeitsplätze hängen in der Gegend von den kleinen, aromatischen Bananen ab, rechnet man bei der Cupalma-Kooperative vor. Seit Mittwoch bewegt sich die Lava langsamer als zuvor auf das „Meer der Bananen“ am Atlantikufer zu, eines der fruchtbarsten und ertragreichsten Anbaugebiete auf der Insel.

Einige Wissenschaftler halten es für möglich, dass die zerstörerische Flut noch vor der Küste stoppt. Doch das hängt davon ab, ob die Eruptionen abnehmen und sich die Lava keine neuen Wege sucht. Weiter oberhalb in Todoque versuchen Feuerwehrleute mit schwerem Gerät, es umzuleiten, als wäre es nur ein reißender Sturzbach. Das quälende Warten, ob sie alles verlieren oder mit kleineren Verlusten davonkommen, wird für viele noch Wochen dauern. Danach ist noch größere Geduld nötig. Fachleute weisen darauf hin, dass es Monate dauern wird, bis das vulkanische Gestein abkühlt und Jahre, bis der Boden stabil genug ist, um wieder darauf zu bauen und zu pflanzen. In vielen Fällen wird es billiger sein, die Häuser an anderer Stelle neu zu errichten, als die erkaltete Lava mühsam abzutragen. 15 bis 20 Jahre könnten vergehen, bis auf den Geröll­feldern die Vegetation zurückkehrt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot