Vulkanausbruch auf St. Vincent

Wie eine Karibik-Insel unter Asche begraben wird

Von Horst Rademacher, San Francisco
12.04.2021
, 20:12
Auf der Karibikinsel St. Vincent ist ein über tausend Meter hoher Vulkan ausgebrochen. Nun bedeckt eine zentimeterdicke Ascheschicht die gesamte Insel. Der Ausbruch könnte noch mehrere Wochen andauern.

Der Ausbruch des gut 1200 Meter hohen Vulkans La Soufrière auf der Karibikinsel St.Vincent am Wochenende kam nicht überraschend. Schon seit kurz nach Weihnachten hatte es immer wieder kleinere Gas- und Wasserdampferuptionen an dem Vulkan gegeben, der seit 1979 ruht. Als Folge wuchs ein mehr als 100 Meter hoher Lavadom im Krater. Nachdem in der vergangenen Woche die Gasausbrüche immer stärker geworden waren, gab die Katastrophenschutzbehörde am Donnerstag Alarm und begann mit der Evakuierung des nördlichen Teils der Insel. Fast 16.000 der 110.000 Einwohner St. Vincents waren betroffen.

Der erste große Ausbruch am Freitag zerfetzte den Lavadom und schleuderte Vulkanasche mehr als acht Kilometer hoch in die Atmosphäre. Die Eruption hielt das Wochenende über an, und schließlich bedeckte eine zentimeterdicke gräuliche Ascheschicht die gesamte Insel. Fachleute rechnen damit, dass der Ausbruch noch mehrere Wochen andauern kann.

Der Feuerberg auf St. Vincent ist einer von 19 aktiven Vulkanen im tropischen Archipel der „Inseln über dem Winde“, wie die meisten der Kleinen Antillen auch genannt werden. Unter diesen Inseln, die sich in einem mehr als 850 Kilometer langen Bogen erstrecken, schiebt sich von Osten kommend die nordamerikanische Erdplatte unter die karibische Erdkrustenplatte. Daher gibt es in diesem tropischen Touristenparadies immer wieder Erdbeben und Vulkanausbrüche, so auch auf der im südlichen Teil des Inselbogens gelegenen Insel St. Vincent.

Vom Vulkan La Soufrière sind mindestens fünf große Eruptionen in historischer Zeit bekannt. Beim katastrophalsten Ausbruch am 6. Mai 1902 kamen 1680 Menschen ums Leben. Dabei wurden auch fast alle Dörfer zerstört, die von der indigenen Bevölkerung des Archipels, den Caribs oder Kalinagos, bewohnt wurden. Die meisten Ureinwohner starben bei dem Ausbruch.

Nur zwei Tage nach dieser tödlichen Eruption gab es auf der Insel Martinique etwa 250 Kilometer weiter nördlich eine weitere, wesentlich schlimmere Vulkankatastrophe. Nach einem gewaltigen Ausbruch des nahezu 1500 Meter hohen Mont Pelée strömten gewaltige Lawinen aus glühend heißer Asche mit großer Geschwindigkeit die Südhänge des Vulkans hinab und begruben Saint-Pierre, damals die größte Stadt Martiniques, komplett unter sich. Von den 29000 Einwohnern überlebten angeblich nur zwei, unter ihnen der einzige Insasse des festungsgleichen Gefängnisses der Insel. Trotz des kurzen zeitlichen Abstands der beiden Eruptionen haben Vulkanologen bisher keinen physikalischen Zusammenhang zwischen den beiden verheerendsten Ausbrüchen in der Karibik gefunden.

Weil die meisten Einwohner auf St.Vincent am Wochenende den Evakuierungsbefehlen gefolgt waren, ist bei dem jüngsten Ausbruch des La Soufrière bisher niemand zu Schaden gekommen. Mehr als 3600 Einwohner kamen in Notunterkünften unter. Außerdem schickten mehrere Kreuzfahrtreedereien Passagierschiffe nach St. Vincent, um Betroffene auf andere Antillen-Inseln zu bringen.

Wegen des dichten Ascheregens wird damit gerechnet, dass die Landwirtschaft auf der Insel schweren Schaden nimmt. Der Bananenanbau ist der größte Erwerbszweig in dem kleinen Staat, gefolgt vom Tourismus, der aber wegen der Pandemie im vergangenen Jahr zum größten Teil ausblieb.

Quelle: F.A.Z.
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