FAZ plus Artikel„Verschickungskinder“

Als die Kur zur Qual wurde

Von Reiner Burger
23.07.2021
, 10:43
Schöner Schein: Tanzende Mädchen 1959 in einem Kurheim in Bad Dürrheim. Der Alltag vieler „Verschickungskinder“ sah in Wirklichkeit viel düsterer aus.
In der jungen Bundesrepublik wurden Millionen Kinder ohne Eltern in Kur geschickt. Viele der „Verschickungskinder“ erlebten keine Erholung, sondern durchlebten Wochen der Tortur mit Heimweh, Schlägen und Missbrauch.

Das Kindersanatorium Haus Bernward in Bonn-Oberkassel befand sich in einer herrschaftlichen Villa mit weitläufigem Park direkt am Rhein. Unbeschwerte Som­merferien würde er hier nicht verbringen, das ahnte der zwölf Jahre alte Detlef Lichtrauter schon, als er im Sommer 1973 mit anderen Neuankömmlingen in die Eingangshalle geführt wurde. Marmorboden, die Wände mit schwerem dunklen Holz vertäfelt – alles war einschüchternd, bedrückend an Haus Bernward. Vom ersten Moment an herrschte ein rauer Befehlston: „Mund halten!“, „Stehen bleiben!“, schnauzten die „Tanten“. Lichtrauter erinnert sich, dass er das kleine Päckchen mit Süßigkeiten abgeben musste, das ihm seine Eltern bei der Abreise zugesteckt hatten. „Den an­deren ging’s genauso.“

Dann wurden die Jungen und Mädchen eine Treppe hinab in einen düsteren kleinen Kellergang geführt, wo sie sich still auf eine lange Bank setzen mussten. Einzeln wurden die Kinder in den Be­handlungsraum gerufen. „Eine ‚Tante‘ untersuchte mich rabiat mit einem Kamm auf Läuse“, erinnert sich Detlef Lichtrauter. Danach ging es weiter an ei­nen Tisch. „Kopf runter!“ Detlef musste seine erste Postkarte schreiben. Eine „Tante“ diktierte: „Liebe Mutti, lieber Papa, ich bin gut in Oberkassel angekommen, mir gefällt es gut, die Sonne scheint, das Essen schmeckt.“ Woche für Woche wiederholte sich das Ritual. Karten, auf denen von Heimweh die Rede war, wurden genauso vor den Augen der Kinder zerrissen wie nicht unter Aufsicht geschriebene Briefe. Alles wurde gelesen. Es herrschte strikte Zensur.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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