Vogelgrippe

An der Wiege des Urhuhns

Von Jochen Buchsteiner
29.01.2004
, 18:26
Ein Verhältnis bar jeder Sentimentalität
Die Vogelgrippe schürt in Asien kollektive Panik, weil sie an einen Nerv rührt. Im Herzen des Kontinents wurde vor 5000 Jahren das Urhuhn "Gallus gallus bankiva" gezähmt.
ANZEIGE

Die Beziehung des Huhns zu den Asiaten ist schon deswegen schwer zu entwirren, weil es strenggenommen weder das eine noch die anderen gibt. "Das Huhn" ist ein eher volkstümlicher Begriff für das Haushuhn, das wiederum in 150 Arten zerfällt, die von der Wissenschaft in fünf große Zuchtgruppen eingeteilt werden: in die Lege-, Zwie- und Fleischrassen sowie in Zier- und Kampfhühner. Unvergleichbar und doch ein bißchen ähnlich verhält es sich mit "den Asiaten", unter deren Dach sich höchst unterschiedliche Völker und Gruppen mischen. Der indische Punjabi hat mit dem kambodschanischen Khmer so wenig gemeinsam wie dieser mit dem indonesischen Papua. Der Asiat ist ein Konstrukt, so wie Asien weder geographisch noch ethnisch, noch historisch eine Einheit bildet.

Wenn der westliche Besucher trotzdem "nach Asien" reist und dort zuweilen glaubt, auf einem Geflügelkontinent gelandet zu sein, dann ist der Eindruck nicht falsch. Nirgendwo auf der Welt leben mehr Hühner als zwischen Indus und Pazifik (allerdings leben auch nirgendwo mehr Menschen). Das Huhn ist in Asien zu Hause, weil im Herzen des Kontinents die Wiege des Urhuhns steht. Zwischen Bengalen, Südvietnam und der malayischen Welt wurde schon vor 5000 Jahren das Bankivahuhn ("Gallus gallus bankiva") gezähmt und - wie Gefäßmalereien zeigen - für den Hahnenkampf herangezüchtet, der bis heute Neugierige und professionelle Wetter anzieht. Tausend Jahre später tauchte das Bankivahuhn auch in den angrenzenden Regionen als Haustier auf, zunächst nordöstlich in China, dann westlich in Babylonien und Ägypten. Der Okzident war auch bei der Geflügelhaltung vergleichsweise spät dran; erst im sechsten Jahrhundert vor Christus kam das Huhn nach Europa.

„Sozialpsychologie des Haushuhns"

ANZEIGE

Trotz der langen gemeinsamen Geschichte ist das Verhältnis der Asiaten zum Huhn bar jeder Sentimentalität. Auf den Märkten sieht man das Federvieh in jämmerlichsten Positionen. An Stangen hängend, gerupft und ungerupft, tot oder zuckend, den Kopf nach unten oder nach oben. Vom lukrativen Kampfgockel abgesehen, der von seinen Haltern gepflegt und gekost wird, erfährt das gemeine Huhn die denkbar brutalste Behandlung: Köpfe werden abgeschlagen, Flügel gebrochen, der Transportgriff gilt keinem Tier, sondern einem Ding. Das Huhn ist gewissermaßen zum Opfer jener "Hackordnung" geworden, die Thorleif Schjelderup-Ebbe in seinem Standardwerk "Zur Sozialpsychologie des Haushuhns" beschrieben hat.

Am Huhn, dem schwächsten unter den wohlschmeckenden Tieren, vergreift es sich am leichtesten. In keiner der alten asiatischen Religionen hat es das Huhn zu einem würdigen Status gebracht, wie etwa die Kuh im Hinduismus. Nirgends wird das Huhn in Ehren gehalten oder wenigstens zu höheren Zwecken geopfert wie das Lamm, die Ziege und selbst das Kamel während des muslimischen Id-ul-Zuha-Festes. Immer gehört es nur dazu, so wie der Strauch im Hof, und wenn es keine Eier mehr legt oder der Hunger überhand nimmt, wird es eben geschlachtet. Bis heute hält sich unter bengalischen Hindus die Redewendung von der "Liebe, die ein Muslim seinem Huhn als Haustier entgegenbringt" - die Mensch-Huhn-Beziehung als Metapher für den kältesten Utilitarismus.

ANZEIGE

Geflügelverzehr nicht mehr verpönt

Inzwischen hat das bengalische Bild vom herzlosen Muslim an Bedeutung verloren, da sich das vegetarische Gebot unter den Hindus verflüchtigt. Auch immer mehr Inder essen jetzt Huhn. Früher war der Geflügelverzehr verpönt, und jede hinduistische Hausfrau, die einmal fünfe grade sein ließ, mußte sich nach der Zubereitung waschen. In den frühen neunziger Jahren machte dann das indische "National Egg Coordination Committee" mit einer Werbekampagne im Staatsfernsehen Furore: Der Slogan "Sunday ho ya Monday / Roj khaayein ande" (Ob Sonntag oder Montag, iß jeden Tag Eier) wurde von den Kindern nachgesungen, und der Eierkonsum verzehnfachte sich binnen weniger Jahre. Mit der Gewöhnung ans Ei wuchs die Lust aufs Huhn. "Veg or Non-Veg?" ist heute zur alltäglichen Frage in Indien geworden, und ursprünglich moghulische Rezepte wie Tandoori Chicken oder Chicken Tikka werden längst als kulinarische Beiträge Gesamtindiens wahrgenommen.

Die Entwicklung auf dem Subkontinent hat dazu beigetragen, daß das zugleich geliebte und verachtete Huhn über die Jahre zum panasiatischen Bindeglied werden konnte, zu einer Art heimlichen Kontinentalvereiniger - horizontal wie vertikal. Vor dem "Dhaba" in Indien oder am "Warung" in Indonesien treffen sich fast alle Kasten und Schichten auf ein "Chicken Pakora" oder ein "Sate Ayam". Weder über einem Tenderloin Steak noch über einem Schweinebraten - nur über einem Brathühnchen können der Hindu aus Delhi, der Buddhist aus Bangkok und der Muslim aus Kuala Lumpur Geschäfte abschließen. Sie verspeisen das Huhn mit gutem Gewissen, weil sie ihm die gleiche weltanschauliche Geringschätzung entgegenbringen, und können sich doch über die landestypischen Zubereitungen austauschen.

ANZEIGE

Vor diesem Hintergrund ist die alarmistische Aufmerksamkeit zu verstehen, die der Hühnergrippe gerade in Asien zuteil wird. Die Seuche rührt an einen Nerv. Das gemeinsam Vertraute ist krank geworden und schürt Verunsicherung. Schlägt das Geflügelimperium jetzt zurück? Rächt sich das Huhn für 5000 Jahre Demütigung? Wandelt es sich vom Freund und Vereiniger Asiens zu seinem Zerstörer? Tiefer noch als in den vergangenen Jahren drohe der Kontinent abzurutschen, warnen die ersten. Es könnte aber auch anders kommen, denn in der Kollektivpanik lauert eine dialektische Pointe. Das Zittern um das gemeinsame Erbe des Bankivahuhns ist durchaus geeignet, das Wir-Gefühl in Asien zu stärken und den abermaligen Wiederaufstieg zu beflügeln.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.01.2004, Nr. 25 / Seite 7
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE