Ulla Schmidt

„Panikmache wegen Vogelgrippe“

16.10.2005
, 21:40
Bisher droht eine Tierseuche, aber keine menschengefährdende Pandemie
Nach dem Nachweis des Vogelgrippevirus in Rumänien und der Türkei haben das Robert-Koch-Institut und das Gesundheitsministerium vor Hysterie gewarnt: Für die deutsche Bevölkerung sei derzeit kein Risiko erkennbar.

Aus Angst vor der Vogelgrippe rechnen Ärzte in Deutschland mit einer erhöhten Nachfrage nach Grippeschutzimpfungen, auch wenn diese nicht gegen die Tierseuche, die bislang nur in wenigen Fällen auf Menschen übertragen wurde, helfen. Bis zu 21 Millionen Bürger - rund 2,7 Millionen mehr als im Vorjahr - werden sich nach einer Schätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in diesem Jahr impfen lassen.

Dann allerdings käme es zu Engpässen: Wie das Paul-Ehrlich-Institut bereits vor einigen Tagen bekanntgab, stehen in diesem Jahr nur 20 Millionen Dosen des saisonalen Influenzaimpfstoffs zur Verfügung, weil es bei der Anzucht eines der Virusstämme zu Verzögerungen gekommen ist. Das Institut riet Ärzten daher, selektiver zu impfen.

Die Pandemie steht nicht vor der Tür

„Wir sollten uns überlegen, nur noch die Risikogruppen gegen Grippe zu impfen“, sagte die Sprecherin Susanne Stöcker. Dazu zählen vor allem ältere oder immungeschwächte Menschen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) warnte abermals vor Panikmache.

Vogelgrippe
Run auf Grippeimpfstoff
© Reuters, Reuters

„Wer in der Türkei oder Rumänien ist, soll Geflügelmärkte meiden, kein rohes Fleisch essen und Tiere vor allem nicht nach Deutschland einführen. Dann ist die Gefahr sehr gering.“ Auch der Präsident des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, Thomas C. Mettenleiter, mahnte zu Besonnenheit: „Die Tierseuche Vogelgrippe steht vor den Toren der EU, nicht die für den Menschen gefährliche Pandemie.“

Am Samstag wurde das Vogelgrippevirus H5N1, das sich bislang vor allem in Südostasien ausgebreitet hat, in Rumänien nachgewiesen, zwei Tage nachdem es in der Türkei entdeckt worden war. Das habe ein Virustest im britischen EU-Referenzlabor bestätigt, teilte Rumäniens Landwirtschaftsminister Gheorghe Flutur mit.

Bayern fordert generelle Stallpflicht

Dort waren am Freitag Proben von verendeten Hausenten aus dem Dorf Ceamurlia de Jos im Süden des Donaudeltas untersucht worden. In dem Dorf wurden am Samstag die Notschlachtungen der Hausvögel abgeschlossen. Im Dorf Maliuc am Donauarm Sulina, in dem ein zweiter Infektionsherd entdeckt wurde, gingen die Schlachtungen weiter.

Die EU hat die 25 Mitgliedstaaten aufgefordert, in ihren Risikogebieten für eine Trennung von Wildvögeln und Geflügel zu sorgen. Bis zum 5. November müssen die Länder Brüssel über ihre Maßnahmen informieren. Zum Schutz vor der Vogelgrippe hat Bayern eine generelle Stallpflicht für Geflügel in Deutschland gefordert und notfalls einen Alleingang angedroht. Bei einer Konferenz von Tierseuchenfachleuten am Dienstag in Berlin werde sich Bayern aber für eine einheitliche Regelung einsetzen, sagte der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) in München.

Am Wochenende wurden die Kontrollen an deutschen Flughäfen noch einmal verstärkt. Dabei hat der Zoll am Münchner Flughafen mehr als 100 Kilogramm illegal eingeführte Lebensmittel sichergestellt. Wie das Zollamt mitteilte, handelte es sich zumeist um Fleisch und Milchprodukte aus den Risikoländern in Asien, aus der Türkei, Rußland sowie Rumänien.

Quelle: F.A.Z., 17.10.2005
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