Vulkanausbruch auf La Palma

„Absolut alles verloren“

Von Hans-Christian Rößler, SANTA CRUZ DE LA PALMA
21.09.2021
, 13:55
Lava frisst sich durch eine Poolanlage auf La Palma.
Gerade als man auf La Palma dachte, das Schlimmste sei überstanden, brach der Vulkan abermals aus. Was passiert, wenn die Lavaströme das Meer erreichen?
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Erst sah es so aus, als wäre das Schlimmste schon vorüber. Die drei großen Lavaströme verloren an Kraft und schafften es nicht bis ans Meer, wie die Experten bis zum frühen Morgen vorausgesagt hatten. Doch dann erinnerte der Vulkan in der Nacht zum Dienstag mit einem Paukenschlag daran, dass die Natur unberechenbar ist: Die Erde bebte auf La Palma ein weiteres Mal – mit einer Stärke von 3,8 so sehr, wie seit Sonntag nicht mehr, als sich wenig später an der Cumbre Vieja ein Riss auftat und die Erde Feuer spie. Kurz darauf öffnete sich der neunte Schlund, aus dem Magma quillt.

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Mehr als 500 Einwohner in Tacande mussten ihre Häuser verlassen; insgesamt wurden damit insgesamt gut 6000 Menschen in Sicherheit gebracht. Bisher gingen mehr als 150 Häuser in der glühenden Lava unter, die mittlerweile eine Fläche von gut 100 Hektar überflutete und in verbrannte Erde verwandelte. „Wenn diese Entwicklung so weitergeht, könnte sich die Zahl der Häuser verdoppeln oder verdreifachen“, sagte der Vorsitzende des Inselrats von La Palma Mariano Hernández Zapato. Es gehe langsam, aber die Sorge wachse, weil sich der Strom einem Viertel von Todoque nähere, in dem mehr als Tausend Menschen wohnen. Die Zahl derjenigen wachse, die „absolut alles verloren“ hätten.

Sperrzone auf Radius von zwei Kilometern erweitert

Die Behörden erweiterten den Radius der Sperrzonen rund um die Eruptionsorte auf zwei Kilometer. Damit sollte auch sichergestellt werden, dass Menschen nicht den giftigen Gasen ausgesetzt werden, die an manchen Stellen aus dem Strom aufstiegen. „Unsere Häuser sind schon zum zweiten Mal evakuiert worden“, sagt eine Frau, die aus der Nähe von Las Manchas stammt, das nicht weit von den ersten Eruptionen entfernt liegt. Auf den Straßen stauten sich mitten in der Nacht die Autos, bis die Polizei bei El Paso die Landstraße LP-3 zeitweise sperrte, die von einer Seite der Insel zur anderen führt. Auch am Dienstag wussten viele Menschen nicht, ob und wie sie von der Westküste auf die andere Seite der Insel kommen konnten, wo die Hauptstadt Santa Cruz und der Flughafen liegen. Die Landstraße ist die wichtigste und kürzeste Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen, wohin es normalerweise viele Urlauber zieht.

Der Lavastrom verlangsamte seine Geschwindigkeit von anfangs 700 auf 300 Meter in der Stunde. Aber unaufhaltsam strömt er auf die Küste zu, wo er jetzt im Lauf des Dienstags zwischen Tazacorte und La Bombilla erwartet wird: Auf seinem Weg verschlingt die Lava ganze Häuser, frisst sich durch Bananenplantagen und türmt sich in den Straßen. Bald wird es kaum noch möglich sein, von El Paso in Richtung Süden zu fahren, wo viele Ferienunterkünfte liegen. Der Sachschaden wächst von Stunde zu Stunde, während die Menschen bisher unverletzt blieben – es sei denn, Schaulustige ignorieren die Anweisungen der Behörden und nähern sich den Lavamassen bis zu jener Grenze, wo gefährliche Gase Erstickungen verursachen könnten.

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An der Küste droht neue Gefahr

Fachleute versuchen seit Sonntag, mit der Hilfe von topografischen Geländemodellen und Computersimulationen die möglichen Fließwege zu berechnen. Denn an der Küste droht eine neue Gefahr: Wenn die Lava auf das salzige Meerwasser trifft, können toxische Wolken aufsteigen. Vorsichtshalber wurde schon die Küste in der Höhe des Ausbruchsorts für den Schiffsverkehr gesperrt, was auch die Fischer der Insel zu spüren bekommen. An Land erhielt die Polizei Verstärkung, um Menschen fernzuhalten.

Bild: F.A.Z.

Auf dem Flughafen auf der Ostseite läuft dagegen der Betrieb ungehindert weiter. Am Dienstag landeten dort Flüge aus Düsseldorf und Hamburg, mit anderen Maschinen kamen Vulkanexperten, Helfer und Kamerateams. Zimmer waren am Dienstag praktisch nicht zu bekommen. Der Onlineanbieter Booking.com hatte am Dienstag zeitweise für den Abend nur noch ein Apartment im Angebot. Neben den Einheimischen aus dem Westen wurden auch mehrere hundert Urlauber seit Sonntag in Ausweichquartieren untergebracht, einige hundert auf anderen kanarischen Inseln.

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Die spanische Regierung sieht noch keinen Grund für eine Entwarnung. Regionalpräsident Ángel Víctor Torres sprach am Dienstag von Schäden in Höhe von 400 Millionen Euro. Ministerpräsident Pedro Sánchez ist inzwischen nach New York zur UN-Vollversammlung abgereist, er war seit Sonntagabend auf der Insel und hatte den Flug zunächst vorschoben. Zusammen mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska nahm er zuvor an der Sitzung des Krisenstabs teil. Sánchez erinnerte daran, dass die Katastrophe noch nicht vorbei sei, wenn die Lavaströme das Meer erreichen. Spanien hofft auch auf Hilfen von der EU. Am Donnerstag will zudem das spanische Königspaar kommen, um sich selbst ein Bild zu machen und den Einwohnern ihr Mitgefühl zu zeigen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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