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Soziale Netzwerke

Hass und Fake News nach Attentaten

Von Theresa Weiß
Aktualisiert am 25.02.2020
 - 15:31
Der Tatort in Volkmarsen am Tag nach dem Rosenmontagsumzug.
Nach einem Angriff wie in Volkmarsen geht es auf Twitter hoch her: Beileidsbekundungen, Spekulationen und Wut. Dabei kommt es oft zu Falschmeldungen, die zu Verschwörungstheorien und Ressentiments führen können.

Unter dem Hashtag #Volkmarsen taucht auf Twitter immer wieder ein Bild auf. Es zeigt einen Mann, der an einem Auto festgenommen wird. Die Gerüchte überschlagen sich – es sei der Täter, der mehr als 50 Menschen beim Rosenmontagsumzug in der nordhessischen Stadt verletzt habe. Er sei ein Ausländer. Schnell kommt es zu rassistischen Äußerungen. Empörte Nutzer fabulieren darüber, warum es nicht mehr Neuigkeiten gibt, nach dem Anschlag von Hanau sei es doch auch schneller gegangen. Auch die Polizei teilt das Foto, das Gesicht des Mannes ist jedoch verpixelt und darunter steht: „Derzeit kursieren Fotos, die die angebliche Festnahme des Täters zeigen sollen. Bei der abgebildeten Person handelt es sich definitiv nicht um den Täter. Teilen Sie keine Falschnachrichten!“ Der rote Schriftzug „Fake News“ steht über dem Bild.

Nach einem Angriff wie dem von Volkmarsen herrscht in den Sozialen Medien Sturm. Nutzer spekulieren über den Tathergang und den Täter, sie teilen auch Bildmaterial, obwohl die Polizei bittet, dies nur an sie zu senden. Ein sogenanntes Gaffervideo hatte auch zu der zweiten Festnahme in Volkmarsen geführt. Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sagte am Dienstag, gegen den Festgenommenen werde wegen „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Filmaufnahmen“ ermittelt. Ob er mit der Tat sonst irgendwie in Verbindung steht, muss noch ermittelt werden.

„Soziale Medien zersetzen die Demokratie“

Ob es das Attentat von München 2016, die Amokfahrt in Münster 2018 oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 ist – stets sprang die Spekulations-Maschinerie im Internet an und Fake News verbreiteten sich. Das Bedürfnis nach Informationen ist groß, die Wut, die manche direkt über die Tat abladen, auch.

Die Polizei hat mittlerweile Übung im Umgang mit den Sozialen Medien nach einer Großlage und bittet, auf das Teilen von Bildern und Gerüchten zu verzichten. Denn das kann Panik schüren, und wird öfter von politischen Gruppen instrumentalisiert. Stattdessen richtet sie Hinweisportale ein, bei denen Bild- und Videomaterial hochgeladen werden kann.

Bei Volkmarsen und so gut wie jedem anderen Angriff ist jedoch ein beängstigender Effekt zu beobachten: Der Aufruf wird von Verschwörungsideologen umgedeutet. Nach Recherchen der ARD-Faktenfinder hat beispielsweise ein mittlerweile nicht mehr zugängliches Profil kommentiert, es sei „interessant, dass keine Aufnahmen verbreitet werden sollen. Weil die Version der Regierung dann immer abweicht von der ,gesehenen‘ Tat?“ Er ist bei weitem nicht der Einzige, der solche Posts teilt. Viele Nutzer ziehen ungesicherte Quellen heran, zitieren sich gegenseitig und streuen Zweifel.

Manche Nutzer beschweren sich darüber, versuchen, sich nicht mitreißen zu lassen. Der Nutzer „Sermonis Libertas“ prangert auf Twitter an: „Die Sozialen Medien sind eine Demokratie, Rechtsstaat und Institutionen zersetzende Seuche geworden. Wir finden offensichtlich kein wirksames Rezept dagegen. Eine der Antworten darauf muss auf der Bildungsebene – in den Schulen – gefunden werden.“

Doch bis es soweit ist, werden aus Zweifeln Theorien gesponnen, angebliche Augenzeugen streuen außerdem falsche Gerüchte – 2016 wurde so in München beispielsweise aus einem Tatort viele.

Bald kommt es in den Netzwerken zu Hass und Hetze, insbesondere gegen Migranten und Deutsche mit Migrationshintergrund. Denn soziale Netzwerke sind schnell – und meist ungeprüft. Das hat Aisha Camara von Response beobachtet. Sie berät Opfer rassistischer Gewalt. In ihre Beratungsstelle kommen viele, die im Internet angefeindet werden. „Man ist nirgendwo vor Rassismen sicher in der Social-Media-Welt“, sagt sie.

Mehr über Opfer sprechen

Dass neben offen rassistischen Posts und gezielten Falschmeldungen auch unwissentlich Fake News verbreitet werden, erklärt sie mit der großen Verunsicherung der Bevölkerung. Nach dem Massenmord in Hanau verbreitete sich etwa die falsche Nachricht, dass Nazis zur Kundgebung am Abend unterwegs seien. Das teilten viele aus der migrantischen Community, berichtet Camara. „Sie wollten Freunde warnen, weil sie Angst hatten.“

Die Kehrseite der Fake News und Verschwörungstheorien in den sozialen Netzwerken zeigen Tausende Posts, die Solidarität und Beileid ausdrücken. Viele posten Bilder von Kerzen, Genesungswünsche oder Zeichnungen, die ihre Betroffenheit ausdrücken sollen. Nach dem Attentat von Hanau verbreitete sich auch rasch der Hashtag #SayTheirNames, der auf die Opfer aufmerksam machen will. Aisha Camara findet das gut: „Wir müssen mehr über die Opfer sprechen.“

Denn oft werden die Täter, ihr Hintergrund, ihre Beweggründe bis zur Erschöpfung von den Medien analysiert. Camara nennt zum Beispiel die Taten des NSU – fast alle bezogen sich auf die Täter, kaum jemand auf die Opfer. „Sichtbarkeit ist aber wichtig“, sagt die Beraterin. Denn oft litten die Opfer von Gewalt und ihre Angehörigen darunter, dass sich keiner für ihr Schicksal interessiere, dass sie sogar selbst zu Tätern gemacht würden, die mit ihrem Verhalten Angriffe provoziert hätten.

Die Opfer namentlich zu nennen und zu zeigen empfinden manche jedoch als Überschreitung der Privatsphäre der Angehörigen. Auch nach der Tat von Hanau kam es zu Streit – der Vater eines Opfers setzte durch, dass seine Tochter in einem offenen Sarg in Offenbach bestattet wurde, damit sich alle, auch Unbekannte, von ihr verabschieden könnten. Der Mann des Opfers wollte das eigentlich nicht.

„Wie die Sichtbarkeit in den Familien wirkt, ist unklar“, sagt auch Camara. Doch insgesamt habe sie beobachtet, dass viele Angehörige von Hanauer Opfern #SayTheirNames unterstützten. Das sei gut – denn so werde der systemische Rassismus hinter der Tat sichtbar gemacht. Menschen, die in den sozialen Medien aktiv sind, empfiehlt sie daher: „Bei den systemischen und strukturellen Punkten sollten wir uns auf jeden Fall positionieren.“ Ob das beinhaltet, die Namen oder Fotos der Opfer zu posten, bleibt jedem selbst überlassen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Weiß, Theresa
Theresa Weiß
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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