Glenn Close

„Ich brenne immer noch für diesen Beruf“

Von Patrick Heidmann
16.05.2022
, 12:43
Hat noch eine Wohnung im Village: Close im Public Theater in New York 2018
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Sie ist eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen ihrer Generation: Glenn Close, inzwischen unglaubliche 75. Hier spricht sie über Grauzonen, ihr Heim im ländlichen Montana – und was sie nach Drehende mit ihren Kostümen anstellt.
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Ms. Close, dass ein Hollywoodstar wie Sie in einer israelischen Serie mitspielt, die noch dazu in Iran spielt, kommt nicht alle Tage vor. Ein Zeichen dafür, wie viel internationaler die Branche inzwischen denkt?

Ja, das würde ich so unterschreiben. Und natürlich ist das auch den weltweit agierenden Streamingdiensten zu verdanken. Bei AppleTV+, wo ja auch „Teheran“ zu sehen ist, sind beispielsweise 20 nicht-englischsprachige Serien verfügbar. Und dass da eine kleine israelische Serie, die zunächst für den Heimatmarkt produziert wurde, plötzlich eine solche internationale Plattform bekommt, ist doch großartig.

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Aber es landen nun nicht täglich Angebote aus der ganzen Welt auf Ihrem Tisch?

Das nicht, aber hin und wieder schon. Dieses hier war aber ein besonderes. Es kam aus heiterem Himmel, und meine Agentur war sich nicht sicher, ob ich daran überhaupt Interesse habe. Doch ich sah mir die erste Staffel an und las die Drehbücher, das überzeugte mich sofort. Außerdem liebe ich es, Dinge zum ersten Mal zu machen. Angefangen mit dem Erlernen der Sprache, was eine riesige Herausforderung war.

Sie haben tatsächlich für die Serie Farsi gelernt?

Ich wünschte, ich hätte dafür ein halbes Jahr Zeit gehabt. Aber auch mit einer kürzeren Vorbereitung war es mein Ziel, Farsi zumindest so gut zu sprechen, dass Muttersprachler mir abnehmen würden, dass ich die Sprache fließend beherrsche. Und ich glaube, was Aussprache und Akzent angeht, habe ich das nach zwei Monaten ziemlich gut hinbekommen. Tatsächlich übersetzen konnte ich allerdings nicht, was ich da sage, deswegen waren das für mich letztlich auswendig gelernte Laute. Aber mein Sprachcoach war natürlich am Set, und in den Szenen, in denen ich Farsi sprechen musste, hatte ich auch einen Knopf im Ohr, um sie zur Not mit Anleitung wiederholen zu können.

Ihre Rolle ist die einer undurchschaubaren, in Geheimdienstaktionen verstrickten britischen Psycho­login in Iran. Warum werden Sie eigentlich so oft besetzt, wenn es ambivalente oder Anti-Heldinnen zu verkörpern gilt?

Gute Frage. Als Schauspielerin sind das aber natürlich die, die mich am meisten faszinieren. Als Handwerkerin in meinem Beruf empfinde ich es als meine Aufgabe, die Grauzonen einer Figur auszuloten und ihre Menschlichkeit herauszustellen. Denn egal, wie tief die Abgründe: Wer als Schauspieler seine Figur verurteilt, verkörpert sie nicht aufrichtig.

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© YouTube/Apple+ Deutschland

Die ersten paar Jahre Ihrer Film­karriere, die ja erst mit Mitte 30 mit „Garp und wie er die Welt sah“ begann, spielten Sie vor allem ­mütterliche Rollen. Vielleicht waren zwielichtige, oft unsympathische Figuren auch ein Weg, sich gegen Schubladen und Klischees zu ­sträuben?

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Vielleicht. Sicherlich in einigen Fällen. Aber gesucht habe ich vor allem immer nach Wahrhaftigkeit. Denn eigentlich ist niemand nur gut oder nur böse. Alle Menschen bewegen sich doch in den Grauzonen des Lebens.

Kinostars in Serien gibt’s heute alle Nase lang, doch als Sie Mitte der 2000er „The Shield“ oder „Damages“ drehten, waren Sie eine Ausnahme . . .

Sogar schon früher. Gleich nach „Garp“, meinem ersten Kinofilm, wurde mir eine Fernsehproduktion angeboten: eine Inzest-Geschichte, die mich erst abschreckte, sich dann aber als brillant geschrieben und höchst spannend entpuppte. Mein Agent warnte mich, ich würde mir damit meine Kinokarriere ruinieren, die ja eigentlich noch gar nicht begonnen hatte. Film und Fern­sehen waren in den USA damals zwei vollkommen unterschiedliche Metiers. Doch ich habe mich nicht darum geschert. Bei den Engländern waren meine Kolleginnen und Kollegen schließlich auch auf der Leinwand, der Bühne und dem Bildschirm gleichermaßen zu sehen. So habe ich es dann auch immer gehalten.

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Wenn Sie zurückdenken an die ersten Jahre Ihrer Karriere, das Studium, die Anfänge am Theater, erste Filme – ist die Leidenschaft, die Sie damals für die Schauspielerei hatten, heute noch die gleiche?

Absolut. Ich brenne heute für diesen Beruf genauso wie damals – und staune, dass ich ihn mit fast 75 Jahren noch mit so viel Vielfalt ausüben darf. Meine Neugier für die Figuren ist die gleiche wie damals, und dass ich heute viel erfahrener bin in meinem Handwerk, macht die Leidenschaft fast größer. Der einzige Unterschied ist, dass ich heute nicht mehr so gerne weg von zu Hause bin. Mittlerweile leben ich und der Rest meiner Familie an einem Ort; deswegen zieht es mich dorthin stärker zurück als in der Vergangenheit.

Es hat Sie ins ländliche Montana ­verschlagen, nicht wahr? Dabei stammen Sie aus einer alteingesessenen Ostküsten-Familie.

Richtig, und ich habe meine Karriere in New York begonnen und lange dort gelebt. Ich habe auch immer noch eine kleine Wohnung im Village, die ich nie aufgeben will. Aber meine Schwester Jessie zog irgendwann nach Montana, als sie einen Mann heiratete, der beruflich dort verankert war. Einige Zeit ­später zog mein Bruder ihr quasi hinterher und eröffnete in der Gegend eine Werkstatt. Und ich kaufte das Haus direkt neben Jessie, weil mir der Ge­danke nicht gefiel, dass ein Fremder neben ihr wohnt. Als dann meine Eltern starben und meine ältere Schwester Tina nach Montana zog, verlegte ich endgültig meinen Hauptwohnsitz ­dorthin. Jetzt wohnen wir alle so nah beieinander wie seit unserer Kindheit nicht mehr.

Das Stichwort Leidenschaft fiel eben schon. Da kommt einem natürlich Ihr großer Traum in den Sinn: das Musical „Sunset Boulevard“, in dem Sie am Broadway brillierten, auch ins Kino zu bringen. Ist das Projekt nach jahrelangen vergeblichen Ver­suchen jetzt gescheitert?

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Ich weigere mich nach wie vor, die ­Hoffnung aufzugeben. Wir arbeiten konstant weiter an dem Projekt, und ich bin auch längst noch nicht zu alt für die Rolle. Das Musical auf der Leinwand zu sehen ist nach wie vor mein größter Traum. Sollte es mir gelingen, wäre mir wirklich egal, was danach noch kommt oder nicht.

Wir müssen kurz über das Thema Kostüme sprechen, denn Sie lassen es sich in jeden Vertrag schreiben, dass Sie die Kleidung Ihrer Figur am Ende behalten dürfen. Warum eigentlich?

Die Kostüme sind am Ende eines Films praktisch alles, was bleibt von der Liebe, die in diese Rollen geflossen ist. Und sie tragen so entscheidend zur Entstehung einer Figur bei. Für mich sind die ­Kostümdesigner bei einem Film kaum weniger wichtig als die Regisseure. Nur dass ihnen selten der gleiche Respekt entgegengebracht wird. Ich will ihnen die Ehre erweisen, indem ich verhin­dere, dass die Kostüme irgendwo im Fundus verschwinden, verkauft oder gar in ihre Einzelteile zerlegt werden.

Haben Sie das von Anfang an gemacht?

Ja, ich habe noch Kostüme von meiner ersten Filmrolle als Jenny Garp. Genau wie die meisten aus „Eine verhängnisvolle Affäre“. Sogar die Cruella-Kos­tüme aus „101 Dalmatiner“ und der ­Fortsetzung habe ich noch, obwohl man sie bei Disney gerne behalten und gegen Duplikate ausgetauscht hätte. ­Insgesamt umfasst die Sammlung mehr als 800 Stücke.

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Und wurde immer mal wieder ­ausgestellt.

Seit 2017 ist sie in den Händen der Indiana University Bloomington, aber ich ergänze sie natürlich ständig um neue Stücke.

Behalten Sie auch mal Kleider, die Sie auf dem roten Teppich trugen? Etwa das phantastische pinke Outfit, mit dem man Sie gerade bei der Met Gala in New York sah?

Das kommt auch vor. Ausgerechnet dieses grandiose Stück ging nach der Met Gala nicht in meinen Bestand über, sondern zurück zu Valentino, wo es ins Archiv kommt. Aber meine Sammlung ist auch nicht gerade klein. Man könnte eine ganze Ausstellung veranstalten mit Roben und Kleidern, die ich über die Jahre zu den unterschiedlichsten Preisverleihungen anhatte.

Nostalgie ist ja in. Geschichten aus den Achtziger- und Neunzigerjahren wiederaufleben zu lassen ist aktuell ein großer Trend. Gäbe es eine Rolle von damals, zu der Sie noch einmal gerne zurückkehren würden?

Hm, ich weiß nicht. Wahrscheinlich wäre es interessant zu sehen, was aus der Gruppe geworden ist, um die es in „Der große Frust“ ging.

Der ja als eine Art Schlüsselfilm für den Aktivismus der Sechziger und die Desillusionierung der Siebziger gilt.

Darüber haben wir mit Regisseur Larry Kasdan auch schon mal gesprochen, und wenn ich mich richtig entsinne, hatten auch alle Interesse daran. Aber inzwischen ist ja nun unser wundervoller Freund Bill Hurt nicht mehr unter uns. Und vielleicht wäre es auch besser, einen so einflussreichen Film einfach unangetastet zu lassen.

Geboren am 19. März 1947 in Greenwich, Connecticut.

Bekannt aus „Garp und wie er die Welt sah“, „Eine verhängnisvolle Affäre“, „Gefährliche Liebschaften“, „Die Affäre der Sunny von B.“, „101 Dalmatiner“, „Albert Nobbs“, „Die Frau des Nobelpreisträgers“.

Acht Oscar-Nominierungen.

Aktuell in der AppleTV+-Serie „Teheran“ zu sehen.

Quelle: F.A.S.
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