Ernährungsstreit

Die Hysterie um die Milch

Von Lucia Schmidt
05.04.2016
, 11:48
Nicht die Milch, sondern die Mischung macht’s. Der menschliche Körper ist für eine ausgewogene Ernährung geschaffen, die ihm alle nötigen Nährstoffe bietet.
Die Milch ist eines jener Lebensmittel, die, früher geschätzt, nun verteufelt werden. Warum bloß? Fest steht: Essen ist heute eine Glaubensfrage.
ANZEIGE

Hamilton erzählt in „Die Milch macht’s“ von einem Mädchen, das sechs Gläser Milch am Tag trinkt und ganz blass um die Nase ist. Der Arzt im Buch kommt zur Diagnose: Eisenmangelanämie. Seine Begründung: Inhaltsstoffe der Milch verhindern die Aufnahme von Eisen, das man benötigt, um den sauerstoffbindenden Blutbestandteil Hämoglobin aufzubauen. Fehlt dieser, wirkt man unter anderem blass.

Richtig ist, bestimmte Nährstoffe in der Milch können die Eisenaufnahme hemmen. Das tun laut Aussage des Bundesinstituts für Risikobewertung aber auch Kaffee, Tee, Rotwein, Getreide, Reis und Hülsenfrüchte. Diese zählen Milchgegner nicht auf. Ernährungsmediziner sind ohnehin auf Nachfrage der Meinung, der gesunde Körper ist darauf eingerichtet, sich nötige Nährstoffe wie das Eisen nach Bedarf aus der angebotenen Nahrung zu holen. Auf das Maß kommt es an. Resorption und Hemmung verlaufen in individueller Balance. So weit die Theorie. Haben deutsche Kinderärzte in der Praxis tatsächlich mit Anämien bei Kindern zu kämpfen?

ANZEIGE

Auf Nachfrage bei Pädiatern Kopfschütteln. Eine unausgewogene oder einseitige Ernährung bei Kindern sei immer ein Problem, heißt es. Statt der Milch stufen die Pädiater deshalb eine rein vegane Ernährung bei den Kleinen als schwierig ein. Doch das beeindruckt deren Eltern nicht. Auf der Homepage einer Vegane-Eltern-Vertretung aus Berlin etwa steht sogar, dass diese darüber nicht mehr diskutieren: „Dies ist keine Diskussion über Veganismus (bei Kindern)! Warum? Darum!“ – Reaktionen wie von einem trotzigen Vorschüler. Das Ziel der Berliner Elternvertretung: Kinder sollen in der Schule veganes Essen serviert bekommen, dafür klagen sie sogar. Der Berliner Senat hat das abgelehnt, weil die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vegane Ernährung bei Kindern nicht empfiehlt. Kein Argument, das für die Eltern zählt. Um das Gegenteil zu beweisen, bestücken sie ihre Homepage „www.vegane-schule.de“ mit selbstgeschriebenen Zetteln von Kindern, die sich nichts sehnlicher wünschen, als vegan essen zu können. Ernährungspsychologen sagen, ein solches Anliegen sei klar anerzogen. Kein Kind wolle von sich aus kein Fleisch essen.

„Ernährungsphysiologische Bewertung“

Auf Hinweise zahlreicher Experten aus Ernährung, Medizin und Pädagogik, ein Verzicht auf tierische Produkte sei nicht zwangsläufig gesund, lebenswichtige Nährstoffe könnten so - wenn überhaupt - für Kinder nur durch großen Aufwand ausreichend aufgenommen werden, kontern Milchgegner regelmäßig mit den angeblich gesundheitsschädlichen Wirkungen der Milch. Sie mache fett und sei verantwortlich für die zunehmende Rate an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Ist da wirklich was dran?

ANZEIGE

Auf der Suche nach Antworten hilft ein Blick in den Bericht des Max Rubner-Instituts. Er trägt den nüchternen Titel „Ernährungsphysiologische Bewertung von Milch und Milchprodukten und ihren Inhaltsstoffen“ und stammt aus dem Jahr 2014. In dem Bericht, in dem sich das Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel unter der Federführung ihres Präsidenten Professor Gerhard Rechkemmer zahlreiche internationale Studien zur Milch anschaute, kommen Wissenschaftler auf den ersten Seiten zu dem Schluss, dass die Auswertung ergeben habe, ein erhöhter Verzehr von Milch und Milchprodukten sei nicht mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Schlaganfall verbunden. Ganz im Gegenteil, laut dem Bericht senken Milch und Milchprodukte sogar die Gefahr dafür. Ebenso sei der erhöhte Verzehr von Milchprodukten mit einem verringerten Risiko für Bluthochdruck assoziiert. Dieses Ergebnis gelte allerdings nur für fettreduzierte Milchprodukte. Für Vollfett- oder fermentierte Milchprodukte sowie für Joghurt und Käse gebe es „keinen signifikanten Zusammenhang“.

Die Frage des Übergewichts

Was die Frage des Übergewichts angeht, „interpretieren“ die Autoren die Studienergebnisse sogar als Hinweis auf eine leichte protektive Wirkung der Milch vor Adipositas. Sie betonen allerdings die ihrer Meinung nach unzureichende Qualität mancher Studien. Definitiv kommt das Bundesinstitut aber nicht zum Schluss, dass Milch per se dick macht.

ANZEIGE

Bleibt von den Zivilisationskrankheiten Diabetes mellitus Typ 2. Milchgegner argumentieren hier mit der sogenannten „Leucin-Hypothese“. Diese besagt, dass der hohe Verzehr von tierischen Proteinen zu einer hohen Aufnahme der Aminosäure Leucin führe und dies eine der Ursachen für die Entstehung von Diabetes Typ 2 sei, da Leucin Wirkung auf die Bauchspeicheldrüse hat.

Gefährlicher Trank: Statt gesund soll Milch heute angeblich dich und kränklich machen.
Gefährlicher Trank: Statt gesund soll Milch heute angeblich dich und kränklich machen. Bild: Jerzyworks / Radius Images

Das Max Rubner-Instituts kennt diese Hypothese und schreibt: Insgesamt stelle die Fülle an überzeugenden epidemiologischen sowie an tierexperimentellen Daten, die starke Hinweise auf die präventive Wirkung von Milchprodukten vor Diabetes 2 geben, die praktische Relevanz dieser Hypothese in Frage. Letztlich kommt das Institut zu dem Schluss, dass ein erhöhter Verzehr von Milch und Milchprodukten mit einem verringerten Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 verbunden sei.

Auch vor der angsteinflößenden Diagnose Krebs machen Milchgegner nicht Halt. Ihre Hauptargumente: Wachstumsfaktoren in der Milch, die Kühe ihren Kälbchen weitergeben sollen, rufen im menschlichen Körper Zellwachstum und damit Tumore hervor. Unter anderem geht es dabei um den Wachstumsfaktor IGF-1. Zumindest zu diesem lässt das Max Rubner-Institut verkünden: In der bisher einzigen am Menschen mit Kuhmilch durchgeführten kontrollierten Interventionsstudie könne kein intaktes IGF-1 aus Kuhmilch im Blut des Menschen nachgewiesen werden.

ANZEIGE

Krebserregende Substanzen

Das zweite Krebs-Argument: In Düngemittel und im Futter von Kühen befinden sich krebserregende Substanzen wie Aflatoxine. Das Schimmelpilzgift Aflatoxin könne bei längerer, regelmäßiger Aufnahme Nieren- und Leberkrebs hervorrufen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bestreitet das nicht, sagt aber: Neben Futtermittel können Aflatoxine auch auf Nüssen, Pistazien, Obst, Reis, Mais und Soja sitzen. Sie sind hitzestabil und werden beim Kochen oder Backen nur zu einem geringen Teil zerstört. Soja ist ein Hauptbestandteil veganer Ernährung.

Im Futter von Kühen befinden sich krebserregende Substanzen. Das Schimmelpilzgift Aflatoxin kann bei längerer, regelmäßiger Aufnahme Nieren- und Leberkrebs hervorrufen.
Im Futter von Kühen befinden sich krebserregende Substanzen. Das Schimmelpilzgift Aflatoxin kann bei längerer, regelmäßiger Aufnahme Nieren- und Leberkrebs hervorrufen. Bild: dpa

Was die Diagnose Krebs angeht, stellt das Max Rubner-Institut am Ende zusammenfassend fest: Milch und Milchprodukte können das Krebsrisiko beeinflussen. Der Absenkung des Dickdarmkrebsrisikos durch vermehrten Milchkonsum steht eine Erhöhung des Prostatakrebsrisikos entgegen. Für Frauen heißt dies unterm Strich, der Verzehr von Milch und Milchprodukten kann Dickdarmkrebs vorbeugen. Für Männer kommt es auf die Verzehrmengen an. Eine tägliche Aufnahme von 35 Gramm Milchprotein, was einem Liter Milch oder 120 Gramm Hartkäse entspricht, kann das Prostatakrebsrisiko erhöhen. Für alle anderen Krebsarten gibt es laut dem Institut keinen Hinweis auf eine Risikoerhöhung.

Besonders Jugendliche bekommen bei Pickeln im Gesicht häufig von Eltern gesagt: Trink weniger Milch. Und tatsächlich, hier stimmt die Wissenschaft dem Rat so mancher Mutter zu. Forscher sehen einen Zusammenhang, wobei ihnen nur wenige Hinweise und Belege vorliegen. Als Auslöser haben sie Inhaltsstoffe in der Milch wie Hormone oder Wachstumsfaktoren im Blick. An schlüssigen Hypothesen sowie kontrollierten Studien fehle es allerdings.

ANZEIGE

Die Fragen zum Calcium

Bleiben Fragen zum Calcium. Dass dieses für Wachstum und Entwicklung der Knochen unverzichtbar ist, bezweifelt niemand, auch Veganer nicht. Man kann sogar Mandelmilch kaufen, der extra Calcium zugesetzt ist. Das hält Kritiker der Milch aber nicht davon ab, dem Mineralstoff vorzuwerfen, er schütze im Alter nicht vor Knochenbrüchen. Ist dieser Vorwurf gerecht? Müsste man nicht viel eher fragen: Wie früh und wie oft würde es im Leben zu Knochenbrüchen und Osteoporose kommen, wenn wir kein Calcium aufnehmen würden? Außer für die Knochen benötigen wir den Mineralstoff auch noch für Muskeln, Blutgerinnung und Nerven. Milch kann also nicht nur zu starken Knochen beitragen.

Milch und Milchprodukte können das Krebsrisiko beeinflussen: Das Dickdarmkrebsrisiko durch vermehrten Milchkonsum wird gesenkt, dem steht eine Erhöhung des Prostatakrebsrisikos entgegen.
Milch und Milchprodukte können das Krebsrisiko beeinflussen: Das Dickdarmkrebsrisiko durch vermehrten Milchkonsum wird gesenkt, dem steht eine Erhöhung des Prostatakrebsrisikos entgegen. Bild: dpa

Alle bis zu dieser Stelle genannten Studien, Argumente und Zahlen sind nur Momentaufnahmen, ein Ausschnitt der Debatte, die zum Thema Milch gerade in unserer Gesellschaft oder in Teilen davon hartnäckig geführt wird und die bei anderen Teilen Unsicherheiten schürt. Jeder wird am Ende Daten finden, die seiner Meinung entsprechen.

Dabei geht es bei dem Diskurs schon lange nicht mehr um richtig, falsch oder gar Wissenschaft. Die Wahrheit ist nämlich ziemlich banal: Nicht die Milch, sondern die Mischung macht’s. Der menschliche Körper ist für eine ausgewogene Ernährung geschaffen, die ihm alle nötigen Nährstoffe bietet. Er verträgt auch mal etwas Schlechtes oder zu viel des Guten. Manches Mal entwickelt er Allergien, an anderer Stelle ist er ausgesprochen robust. Unser Körper hält Überfluss und Dürrephasen aus. Daran hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Was sich geändert hat, ist unsere Einstellung zur Nahrung. Aus Fakten wie Banalitäten werden Ideologien. Essen ist heute oft eine Glaubensfrage, eine Weltanschauung. Trieb früher Hunger zum Essen, ist es heute die Frage nach einem tieferen Sinn.

ANZEIGE

Ernährungsdiskussion

Über unsere Ernährung und die Diskussion darum verhandeln wir den Klimawandel, Genmanipulationen, den Tierschutz, soziale Ungerechtigkeit, Niedriglohn, Globalisierung, Fitness- und Erziehungsfragen. Sicher, unsere Nahrung erhält heute mehr künstliche Zusatzstoffe, die man kritisch hinterfragen sollte. Wir wissen heute mehr über den Körper, Hygiene und Inhaltsstoffe. Das alles sind Thematiken, die man nicht beiseiteschieben darf; einseitige, pauschale Stimmungsmache gegen bestimmte Lebensmittel ist aber nicht der richtige Weg.

Es gibt Menschen, die ernstzunehmend unter Nahrungsmittelallergien oder Unverträglichkeiten leiden. Ihnen muss geholfen werden. Alles andere sind selbstgemachte Probleme, Luxusfragen der Oberschicht. Vegane, gluten- oder laktosefreie Ernährung ist teuer, benötigt Zeit. Wer früher nach Weißbrot oder Milchreis Bauchschmerzen bekam, hat davon eben nicht mehr häufig gegessen. Das war die einfache Konsequenz, ganz ohne große Aufregung und Ideologie. Heutzutage aber wollen wir alles und auf nichts verzichten.

Neben zahllosen weltanschaulichen bis fanatischen Ernährungstrends legen wir heute übrigens auch große Anstrengungen da hinein, wieder mehr Natürlichkeit in unser Leben zu bringen. Wohnen, Reisen, Kosmetik - alles steht unter dem Motto back to nature. Das sind zwei parallel verlaufende gesellschaftliche Trends, die sich doch eigentlich widersprechen. Auf Berghütten, auf die wir heute ziehen, um uns eine Auszeit zu nehmen, um abzuschalten und achtsam mit uns selbst zu sein, gibt es natürlicherweise keine Mandelmilch.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
Gutscheine
Finden Sie die besten Angebote
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
ANZEIGE