Wirtschaftsspionage

„Die Europäer bestechen dauernd, die Amerikaner nie!“

Von Cornelia Pretzer
04.02.2001
, 17:35
Amerikanische Satelliten-Abhörantennen im bayrischen Bad Aibling
Amerikaner betrachten die von ihnen betriebene Wirtschaftsspionage als gerechten Kampf gegen europäische Bestechungsgepflogenheiten.
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Die Amerikaner spionieren in Europa, um unfaire Wirtschaftsmachenschaften aufzudecken. Das ist zumindest das offizielle Statement. Der britische Journalist Duncan Campbell, der für die Europäische Union zum Thema Wirtschaftsspionage gearbeitet hat, ist allerdings der Meinung, dass, ob etwas „unfair“ ist, oft im Auge des Beschauers liegt.

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„Die amerikanische Strategie, die in offiziellen Stellungnahmen sehr klar wird, besteht darin, dass sie die Kommunikation europäischer Firmen und Regierungen abhören“, so Campbell gegenüber FAZ.NET. Aber natürlich spioniert Amerika nur, wenn Amerika den Eindruck hat, dass es unfair zugeht. Beim ehemaligen CIA-Chef Woolsey heiße das dann: „Natürlich spionieren wir euch aus, weil ihr dauernd bestecht und wir nie.“ Campbell zufolge definiert die amerikanische Regierung Bestechung als Ungerechtigkeit, aber auch die Tatsache, dass europäische Firmen ein billigeres Produkt haben, das die Amerikaner ihres Erachtens besser herstellen.

Wie viel Europa verliert

Die Amerikaner geben also zu zu spionieren. Und geben die Höhe des abgerungenen Geldes auch an. 145 Milliarden Dollar Handelsvolumen haben die Vereinigten Staaten nach offiziellen Angaben europäischen Ländern und Firmen zwischen 1993 und 2000 abgejagt. Es gibt natürlich auch andere Schätzungen. „Am unteren Ende stehen die Presseberichte anerkannter amerikanischer Journalisten, die sehr wahrscheinlich Regierungsinformationen bekommen haben. Diese kommen auf Verträge im Wert 12 Milliarden Dollar“, sagt Campbell.

Er leitet aus diesen Zahlen folgende Rechnung ab: Wenn die Hälfte des Vorteils, den die Amerikaner zugegebenerweise mit Geheimdienstinformationen erhielten, auf europäische Firmen entfällt, sind das etwa 70 Milliarden Dollar in sieben Jahren - zehn Milliarden pro Jahr. Campbell gibt zu bedenken, dass die amerikanische Regierung selbst das Volumen preisgebe. „Wir können auf Basis dieser Zahlen sagen, dass europäische Firmen wahrscheinlich mehrere Milliarden Dollar pro Jahr aufgrund von Aktivitäten der amerikanischen Regierung verloren haben,“ schätzt Campbell.

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Die Englisch sprachige Allianz

Zur Frage, wie die Briten ihre amerikanischen Partner im UKUSA-Abkommen (ein Abkommen zwischen Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Neuseeland, Australien und Kanada) sehen, antwortet er: „Großbritannien ist gespalten zwischen seiner atlantischen Verbindung und seinen europäischen Verbindungen.“ Auf der anderen Seite hätten die Amerikaner in Großbritannien aber gerne einen treuen Diener: „Und meistens sind wir das in diesen Belangen auch.“

Quelle: @cop
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