Vom Fondsmanager
zum Messerschleifer

Von GUSTAV THEILE und FRANK RÖTH (Fotos)

30.08.2019 · Opernmanager war er, hat Fonds gemanagt und war Geschäftsführer von Yakult. Der Japaner Kinya Terada ist ein Wandler zwischen den Kulturen. Jetzt ist er Handwerker und schleift Messer in der Frankfurter Kleinmarkthalle.

E r wiegt das Messer in der Hand. Er ist unzufrieden. Es ist nicht ausbalanciert, das Messer kippt nach rechts und links. Und es ist ein europäisches Messer: Hält man es zwischen Klinge und Schaft, kippt es Richtung Schaft. Japanische Messer kippen Richtung Klinge, erklärt Kinya Terada seiner Kundin. Das sei für den Arm und das Handgelenk besser. Er könne zwar auch Ikea-Messer schärfen, doch denen fehle immer noch die Balance. Kinya – so nennen ihn seine Stammkunden und so heißt sein Laden – steht hinter der Theke seines Standes in der Kleinmarkthalle in Frankfurt. Gemeinsam mit seiner Frau zelebriert er hier japanische Esskultur. Von mittwochs bis samstags gibt es Sushi, montags und dienstags schleift und verkauft er Messer und bietet nebenbei grünen Tee an.

Aus einer Schublade nimmt er eines seiner japanischen Messer – er hat seine eigene Marke. Die meisten kosten mehr als 300, manche auch an die 2000 Euro. Um der Kundin zu demonstrieren, wie scharf seine Messer sind, hält er eine Zeitung – die F.A.Z. des Vortages – auf Bauchhöhe vor sich. Das Messer fährt durch die Zeitung wie durch Butter, Streifen fallen auf den Boden. Die Kundin, die heute Geburtstag hat, ist beeindruckt. Nächstes Jahr zum Geburtstag mache sie dann einen Schleifkurs bei ihm, scherzt sie. Auch die bietet Kinya alle paar Wochen an – für 100 Euro je Person. Ein bis zwei eigene Messer soll man mitbringen, heißt es auf einem Schild.

Kinya Terada verkauft an seinem Stand im Wechsel scharfe Messer und Sushi. Japanischen Tee gibt es immer.

Der Stand geht fast unter im Gedränge der Kleinmarkthalle. Die Obststände, Cafés, Fleischereien und kleinen Restaurants sind bunter, moderner gestaltet oder dominanter. Und wenn man Kinya so stehen sieht an seinem Schleifstein, unterscheidet er sich nicht groß von den vielen anderen Standbetreibern aus aller Welt, die das Leben in die Kleinmarkthalle gespült hat: Ob aus Iran oder aus Italien. Für viele ist ein eigenes Restaurant oder Geschäft eine naheliegende Option, wenn sie nach Deutschland kommen: Solange sie nicht gut genug deutsch sprechen, haben sie auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen.

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30.08.2019
Quelle: F.A.Z.