Antike Literatur

Von der Altphilologie zur New Philology

Von Hans Bernsdorff
20.05.2018
, 16:00
Der Vorsokratiker Metrodoros von Lampsakos (321 bis 277 v. Christus), er war Schüler Epikurs.
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Die Edition kritischer Textausgaben ist in eine Krise geraten. Soll an der Rekonstruktion eines originalen Wortlauts festgehalten werden - oder wird es bald nur noch Lesarten geben?
ANZEIGE

Als junger Student der Klassischen Philologie löste Eduard Fraenkel, wie er später erzählte, bei seinem Göttinger Lehrer Friedrich Leo ehrliches Erstaunen mit dem Bekenntnis aus, Aristophanes in einer Ausgabe ohne textkritischen Apparat gelesen zu haben. Diese Reaktion – so Fraenkel, der nach seiner Vertreibung aus Nazi-Deutschland den latinistischen Lehrstuhl in Oxford übernahm – ließ ihn begreifen, „was ordentliche Philologenarbeit bedeutet“.

Die textkritische Edition, welche die Überlieferungsvarianten in einem Apparat dokumentiert und unter den vom Editor als Original des Autors rekonstruierten Haupttext setzt, galt lange als heiligstes Instrument und höchstes Ziel der altphilologischen Forschung. Doch nicht zuletzt durch neuere theologische oder altgermanistische Editionsprojekte, die auf die Rekonstruktion eines originalen Wortlauts verzichten, um stattdessen die Varianz der Überlieferung als gleichberechtigte Vielfalt zu präsentieren, hegen auch Altphilologen Zweifel. Ist die Setzung eines angenommenen Urtexts und die Verbannung der Varianten in den Apparat nicht eine Bevormundung des Benutzers in der eigentlich nicht sicher zu entscheidenden Frage des Originals? Eine Standortbestimmung der Klassischen Philologie, besonders gegenüber der Altgermanistik – wie sie im März unter Beteiligung beider Disziplinen im Berliner Wissenschaftskolleg stattgefunden hat –, ist geboten.

ANZEIGE

Die meisten Werke der antiken Literatur sind uns in mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Abschriften erhalten, also in Quellen, die lange Zeit nach der Abfassung dieser Werke geschrieben wurden. Solche Zeugen liegen für ein- und denselben antiken Text oft in großer Zahl vor, wobei sie sich in Wortlaut und Umfang der gebotenen Textgestalt beträchtlich voneinander unterscheiden können. Dieser überwältigenden Vielfalt, der aber im Regelfall ein einziges antikes Original zugrunde liegt, versucht die nach dem Berliner Mediävisten und klassischen Philologen Karl Lachmann (1793 bis 1851) benannte Methode der Textkritik beizukommen. Sie ermittelt durch die Identifizierung von gemeinsamen und trennenden Fehlern das wechselseitige, gewissermaßen „genealogisch“ anzuordnende Abhängigkeitsverhältnis der Handschriften voneinander. Ziel ist neben der Aussonderung von reinen Kopien bereits bekannter Handschriften die Rekonstruktion eines sogenannten Archetyps, auf den die gesamte Überlieferung zurückgeht. Damit ist das Original freilich noch nicht erreicht, enthält doch der Archetyp meist Fehler, die auf dem vom Autor ausgehenden weiteren Weg eingedrungen sein müssen. Diese versucht der Textkritiker zu verbessern.

Ein antiker Paradefall für die „New Philology“

Einwände gegen die Lachmann’sche Methode wurden von altphilologischer Seite selbst vorgebracht, etwa dass sie dadurch eingeschränkt sei, dass Schreiber ,kontaminieren‘, also mehrere Textvorlagen miteinander vermischen können. Viel fundamentaler war allerdings der Angriff von Seiten der sogenannten „New Philology“ im späten 20. Jahrhundert. Sie erhielt in dem Manifest „Éloge de la variante“ des französischen Sprachwissenschaftlers Bernard Cerquiglini (1989) programmatischen Ausdruck und wurde vor allem in den mediävistischen Literaturwissenschaften rezipiert: Das Streben der traditionellen Textkritik nach dem einen ,Urtext‘ sowie ihre Bewertung der im Überlieferungsprozess auftretenden Textvarianz als einer fortschreitenden Textverderbnis, die mit aller Kraft zu vermeiden sei, wird hier – unter Verweis auf die Unsicherheit von Kategorien wie „Autor“ und „Werk“ in der Vormoderne – als Illusion, ja als Ablenkung vom Wesentlichen abgetan. Als vornehmste Aufgabe des Editors proklamiert man nun, die Varianz der Überlieferung zu dokumentieren und zu würdigen, sei sie doch Produkt eines kreativen, nach ästhetischen Prinzipien erfolgenden und möglicherweise von Anfang an einkalkulierten Prozesses. Auf die sich gerade entwickelnden Möglichkeiten der EDV zur Erfassung und Präsentation dieser Vielfalt wurde dabei von Anfang an ausdrücklich hingewiesen. Eiferte die „genealogische“ Methode Lachmanns in der Mitte des 19. Jahrhunderts den erstarkenden Naturwissenschaften nach, so zeigt sich in der New Philology die Wirkung des Poststrukturalismus, begünstigt durch das Aufkommen der „Digital Humanities“.

ANZEIGE

In der Altphilologie reagierte man auf diese Entwicklung zunächst zurückhaltend. Zu sehr unterscheiden sich antike und mittelalterlich-nationalsprachliche Literatur in ihrer Überlieferung: Die Handschriften etwa des deutschen Minnesangs liegen zeitlich oft viel näher an den Autoren, während im Falle der antiken Texte die größere Distanz zwischen dem Original und seiner handschriftlichen Verbreitung die sprachgeschichtlich begründete Identifizierbarkeit später eingedrungener Textvarianten erleichtert. Ferner zeigt die Überlieferung der antiken Literatur in der Regel eine größere Stabilität, was auch damit zusammenhängt, dass es schon in der Antike seit dem Hellenismus eine Philologie gab, die sich um die Bewahrung der authentischen Texte in kritischen Editionen bemühte.

Es gibt allerdings literarische Gattungen, bei deren Betrachtung der neuphilologische Ansatz auch in der Altphilologie Raum gewonnen hat: zu ihnen gehört die archaische Lyrik der Griechen. Wie im deutschen Minnesang scheinen die Texte hier zwar schriftlich konzipiert, aber dann mündlich vorgetragen und verbreitet worden zu sein, so dass sie einer großen Variierbarkeit ausgesetzt waren, die vielleicht schon im Akt der Schöpfung beabsichtigt wurde. Freilich steht auch hier die editorisch-kritische Tätigkeit hellenistischer Philologen als schwer zu überwindende Barriere zwischen unseren ersten, meist kaiserzeitlichen Textzeugen (Papyri und Zitaten) und der Zeit, in der noch frühe, möglicherweise auf den Autor selbst zurückgehende Varianten kursierten.

ANZEIGE

Gelegentlich meinte man, zumindest einen Blick hinter diese Barriere werfen zu können, etwa mit Hilfe eines 2004 erstmals edierten Papyrus aus Köln, der im frühen 3. Jahrhundert vor Christus und damit vor der später maßgebenden hellenistischen Edition geschrieben wurde. Mit ihm wurde eine Klage der Sappho (7./6. Jh. vor Christus) über das Alter vervollständigt, die man in Teilen schon aus einem rund 500 Jahre jüngeren, im ägyptischen Oxyrhynchus gefundenen Papyrus kannte. Der Kölner Neufund präsentiert das Gedicht in einer Version, die um vier Verse kürzer ist, als man vor 2004 auf der Grundlage des Oxyrhynchus-Papyrus angenommen hatte. Während die Kurzversion mit dem mythischen Exempel des Tithonos endet, der durch Unsterblichkeit ewiges Altern erleidet, ist in den Resten der im Oxyrhynchus-Papyrus daran angeschlossenen Verse eine Wendung zu erkennen, in der sich die Sprecherin mit ihrer Liebe zum Sonnenlicht zu trösten scheint. Zunächst stritten traditionelle Philologen darüber, ob die Lang- oder die Kurzversion die ursprüngliche sei, bald aber traten auch Interpreten auf, die hierin unter Berufung auf die germanistische Mediävistik einen antiken Paradefall für die „New Philology“ sahen: Die pessimistische Kurz- und die optimistische Langversion seien zwei Fassungen eines Gedichts, dessen Varianz sich verschiedenen Aufführungen verdanke.

Wo bleibt das Primäre?

Doch gerade dieser Paradefall erweist sich bei näherem Hinsehen als problematisch. Ist die Kurzversion im Kölner Papyrus unzweifelhaft bezeugt, so gilt dies für die Langversion im Oxyrhynchus-Papyrus nicht, da der linke Textrand fehlt, an dem der Platz für das übliche Zeichen für einen Gedichtanfang ist. Die vier zusätzlichen Verse in der Langversion könnten also einem neuen Gedicht angehören – vor dem Fund des Kölner Papyrus war nur niemand auf diese Idee gekommen. Versuche, eine Anspielung auf die Langversion in einem Epigramm des hellenistischen Dichters Poseidipp zu erkennen, erweisen sich als nicht stichhaltig, während andererseits die Kurzversion nicht nur von Horaz, sondern wahrscheinlich bereits von Anakreon im 6. Jahrhundert imitiert worden zu sein scheint. Schließlich haben verschiedene Interpreten gezeigt, dass die Kurzversion mit ihrem durch das abschließende mythische Exempel „offenen“ Schluss ein ästhetisch durchaus befriedigendes und übliches Gebilde ist. Die plausibelste Deutung des Befundes lautet also, dass die Kurzversion in beiden Papyri überliefert ist und als ursprünglich angesehen werden sollte.

Dieser Fall beweist natürlich nicht, dass sich nicht anderswo frühe, manchmal vielleicht sogar auf den Autor zurückgehende Textvarianz nachweisen lässt, und erst recht nicht, dass es eine solche Textvarianz in der frühgriechischen Dichtung nicht gegeben haben kann. Das Beispiel illustriert aber, wie schwierig ein solcher Nachweis im Detail ist. Vollends unstatthaft ist es, solche Textvarianten überall dort zu anzunehmen, wo die editorische Entscheidung für eine Variante unsicher bleibt, denn eine solche Unsicherheit beruht doch meist auf unserer notgedrungen beschränkten Kenntnis von Sprache und Gedankenwelt des Dichters.

ANZEIGE

Freilich kann die „New Philology“ das Bewusstsein dafür schärfen, dass das, was der traditionelle Textkritiker in seiner Annäherung an das Original pauschal als „Verderbnis“ betrachten muss, durchaus eigenes Interesse verdient: als Abschreibe- und Hörfehler des Kopisten, die sprachhistorische Aufschlüsse geben können, oder auch als Anpassungen des Tradierten an spätere Zusammenhänge oder soziale Milieus. So werden die auch in anderen Quellen überlieferten Eingangsverse eines Trinklieds des Dichters Anakreon auf einem im französischen Autun gefundenen Mosaik des zweiten Jahrhunderts nach Christus gekürzt und mit anderen Versen des Dichters zu einem neuen, durchaus kunstfertigen Sinngefüge kombiniert. Oft lässt sich hierbei Milieu oder Kontext sogar genauer rekonstruieren als im Falle des zitierten Textes selbst: Das Anakreon-Mosaik etwa erweisen die Ausgrabungen als Teil eines größeren Ensembles, in dem es mit Bildnissen und Zitaten Epikurs und seines Schülers Metrodor von Lampsakos kombiniert ist. In der römischen Kaiserzeit wird der vorhellenistische Dichter Anakreon in einen Zusammenhang mit der hellenistischen Schulphilosophie eingeordnet. Wird Anakreon hier als eine Art „Proto-Epikureer“ präsentiert? Das Bild könnte also in diesem römischen Milieu durch Horaz geformt worden sein, dessen Lyrik anakreontische und epikureische Elemente vereinigt.

Doch dies zu untersuchen ist für den Anakreon-Interpreten eine Aufgabe der Rezeptionsforschung, nicht der Editionsphilologie. Solche Adaptationen nicht mehr von der als primär erkannten Fassung zu unterscheiden oder gar nicht mehr den Versuch zu unternehmen, das Primäre zu erkennen, vielmehr alles in einer „multiform edition“ nebeneinander zu stellen und so dem Benutzer zu überlassen, kann nicht erstrebenswert sein, denn eine historisch orientierte Literaturwissenschaft bleibt auf Editionen angewiesen, die eine Vorstellung davon vermitteln, was nach Maßgabe der Forschung als ursprünglicher Text eines bestimmten Autors gelten muss. Dass eine solche Edition eine Hypothese bleibt, ist selbstverständlich. Auch sie dokumentiert – im textkritischen Apparat – die Varianz der Überlieferung und damit ihren eigenen hypothetischen Charakter. Aber das Lachmann’sche Streben, durch die Mannigfaltigkeit zum einen zu gelangen, darf bei diesem Geschäft nicht aufgegeben werden.

Der Autor lehrt Klassische Philologie in Frankfurt am Main.

Quelle: F.A.Z. / Bildungswelten
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Stellenmarkt
Jobs für Fach- und Führungskräfte finden
Zertifikate
Alle exklusiven Zertifikate im Überblick
Englischkurs
Lernen Sie Englisch
ANZEIGE