Neue Arbeits-Normalität

Mein erstes Mal ...

Von Ursula Kals, Nadine Bös, Holger Appel, Uwe Marx, Benjamin Fischer, Ulrich Friese
20.09.2021
, 15:41
Zurück im Arbeitsleben: die neue Normalität
Natürlich ist Corona noch nicht vorbei. Trotzdem kehren Arbeitsmomente zurück, die viele lange nicht mehr erlebt haben. Unsere persönlichen Erfahrungen zwischen Aufbruchsstimmung und emotionaler Achterbahnfahrt.
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... Smalltalk auf dem Flur: Einmal in der Woche ging es vom Korrespondentenbüro in die Zentrale zur analogen Konferenz – damals, vor Corona. Ein bisschen lästig war die An- und Rückreise, aber sozusagen beruflich der kulturelle Höhepunkt der Arbeit. Rund zwölf Monate lang ist diese Reise wegen der Pandemie ausgeblieben. Ein ganzes Jahr später dann die ersten Wiederbegegnungen „in echt“ und ein Wechselbad kollegialer Gefühle: Mensch, die Kollegin färbt nicht mehr, trägt ihre Locken jetzt in topmodischem Grau – und sieht um Jahre jünger aus. Anders der jungenhafte Kollege, der fegt immer noch elastischen Schrittes über die Flure, hat aber eine neue Reife im Gesicht – und endlich eine Freundin an seiner Seite, wie er strahlend verkündet: Kennengelernt hat er sie beim Dating im Park. Und die Corona-Krise sei gar nicht so schlimm, das Leben schön. Das ist es auch für die Kollegin, die einen Karrieresprung hingelegt hat. Glückwunsch und alles Gute! Und da, der Kollege, den wir ab und an nebulös auf der Videokachel erlebt haben, er geht vorbei, blickt auf, schwenkt zurück und fällt mir um den Hals – wir sind doch beide geimpft!

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Wiedersehensfreude und teileuphorische Gefühle wie beim Weißt-du-noch-Klassentreffen. Gut fühlt es sich an, zurückkatapultiert ins Arbeitsleben vor Ort zu sein! Die Stunde vor der ersten analogen Konferenz geht komplett drauf fürs Socializing: fürs durch die nicht mehr ganz so verwaisten Flure Stromern, fürs erwartungsfroh in Büros Schauen, fürs Enttäuschtsein, dass die lang vermisste Kollegin heute ihren freien Tag hat, und fürs Traurigsein, dass das Büro des inzwischen pensionierten Herrn G. leer steht. Dafür tauchen neue Gesichter auf, unbekannt und halb maskiert. Aber inzwischen ist man ja geschult darin zu erkennen, wessen Augen mitlachen. Je nach Temperament erfolgt die gegenseitige Musterung. Die Krise ist an keinem spurlos vorbeigegangen. Jetzt den ersten gemeinsamen Kaffee am Konferenztisch. Mann, kann das Büroleben aufregend sein!

. . . auf Dienstreise: Es fühlt sich komisch an, wieder am Bahnsteig zu stehen. Die Ansagen haben sich kaum verändert, natürlich verkehrt der Zug mal wieder in umgekehrter Wagenreihung, Wagen 21 bis 29 in den Abschnitten A bis C und Wagen 31 bis 39 in den Abschnitten D bis F. Im Zug ist alles ganz verblüffend beim Alten. Zwar gibt es hier eine neue Ansage: „Bitte beachten Sie, dass das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes verpflichtend ist.“ Die Fahrgäste scheren sich aber wenig drum. Im Bordbistro prostet sich ein fröhliches Fünfergrüppchen mit Weißbier zu. Auch der Sitznachbar hat die Corona-Maske unters Kinn geschoben und eine aufgerissene Tüte „Nic Nacs“ vor sich auf dem Tischchen liegen. Er schiebt sich – ich wusste gar nicht, dass man sooo langsam essen kann – alle zwei Minuten eins der Erdnussbällchen in den Mund, um ewig darauf herumzukauen. So kommt er bis kurz vor Ausstieg komplett ums Masketragen herum, schließlich isst er ja die ganze Zeit. Aber egal, trotzdem ist es aufregend, mal wieder vom Bildschirm weg- und raus in die echte Welt zu kommen. So aufregend, dass man sogar die halbe Stunde Verspätung großzügig verzeiht, die sich der Zug aufgrund eines kaputten Signals unterwegs eingefahren hat.

Im Hotel am Zielort wird der Infektionsschutz richtig ernst genommen. Ohne 3-G-Nachweis und Händedesinfektion wird keiner eingecheckt, am Früh­stücksbüfett herrscht Plastikhandschuh-Pflicht, und die Tische sind weit ausein­ander gerückt. Andere Dienstreisende erzählen, dass es während Tagungen nicht immer so konsequent zugeht: Maskenpflicht und Abstand im Sitzungsraum, Schulter-an-Schulter-Gespräche kaffeetrinkend am Stehtisch im Vorraum. Und abends beim Italiener erst recht. Da sitzen alle zusammen an der langen Tafel. Ein paar Widersprüche muss man wohl im Moment einfach aushalten.

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. . . auf einer Messe: Die Hitze in den Hallen, die Enge in den Gängen, hat sie gefehlt? Ja, sie hat. Und sie fehlt noch immer. Denn die erste Messe nach oder mit oder schon wieder vor Corona ist keine wie zuvor. Die IAA, dieses Stelldichein attraktiver Modelle und Models, ist von Frankfurt nach München gezogen und hat sich einem neuen Konzept verschrieben. Deswegen stehen dort in den Hallen nicht mehr in voller Opulenz Audi neben Bugatti neben Bentley neben Lamborghini und drum herum Hunderte Neugierige. Stattdessen hat die Marke VW einen überschaubaren Stand in einer Halle aufgebaut, umgeben von Start-ups, Dienstleistern, Anbietern von Anstecknadeln und Schraubenziehern. Die übrigen Hallen funktionieren nach gleichem Prinzip, jeweils mit einem Magneten, Mercedes also, BMW oder Renault. Ferrari oder Lamborghini sind erst gar nicht da, Menschentrauben oder Schlangen auch nicht.

Bis zuletzt herrschte Sorge, die Messe werde abgesagt. Aber München hat sie durchgezogen. Am Einlass wird das Impfzertifikat kontrolliert, Maske tragen ist Pflicht. Aus den USA und aus China ist niemand da, wegen der Quarantäne­regeln. Die Hallen sind spärlich gefüllt. Ein paar persönliche Gespräche hier und da, sie tun gut, viel zu lang ist alles über Skype oder Teams gelaufen, ermüdend, entfremdend. Der Kontakt vor Ort ist nicht zu ersetzen, alle haben sich danach gesehnt. Der zweite Teil der Messe spielt sich im Stadtgebiet ab, hier haben Mercedes, Audi und BMW Stände zwischen Kirmes und Kunst aufgebaut, mitten auf der Straße. Die Nähe zum flanierenden Publikum ist eine feine Idee, nur die Sicherheitsleute jammern ob der Unübersichtlichkeit. Es kommt zu Plaudereien mit Passanten. Endlich wieder! Allein dafür hat sich diese IAA gelohnt.

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. . . im Mitarbeitergespräch: Dass wir uns gegenübersitzen, ist komisch, völlig ungewohnt. Die Herbstsonne scheint warm ins Zimmer, wir haben das Fenster weit geöffnet, ein bisschen Infektionsschutz soll noch sein, obwohl beide doppelt geimpft sind. Ja, wir sind im Büro, wir tragen Schuhe an den Füßen, haben die Jogginghosen im Schrank gelassen und wir tun etwas, was wir seit anderthalb Jahren nicht getan haben: Wir führen ein Mitarbeitergespräch in Präsenz. Es ist ja nicht so, dass der Kollege und ich so lange nicht mitein­ander geredet hätten. Wir sehen uns jede Woche in mindestens zwei digitalen Konferenzen. Wir chatten auf Teams, wir telefonieren mit und ohne Bild, schließlich arbeiten wir eng zusammen, an einem Produkt.

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Und nein, es stimmt nicht, dass jetzt mehr Ideen sprudeln und wir fürs nächste Jahr eine Innovation nach der anderen entwickeln, nur weil wir live und in 3-D zusammensitzen. Ehrlich gesagt: Das ging elektronisch genauso gut. Aber mehr Spaß macht es so. Und es riecht besser. Nach dem Kaffee, der zwischen uns steht. Und nach den Keksen, die wir uns gönnen zu diesem besonderen Anlass. Da sag noch mal einer, das Homeoffice mache dick.

. . . beruflich bei den Schwiegereltern: Zugegeben, Schwiegermutter und Schwiegervater spielen im Berufsalltag normalerweise eine untergeordnete Rolle. Es sei denn, sie wohnen geographisch günstig. Zwischen zwei Etappen einer Dienstreise zum Beispiel. Dann stellt sich die Frage: Warum ins Hotel gehen, wenn es Schwiegereltern gibt? Ist das Verhältnis nicht gerade total zerrüttet, spricht bei einer dienstlichen Übernachtung unschlagbar viel für die familiäre Variante: Sie ist billiger, kostet den Arbeitgeber (der von seinem Glück gar nichts ahnt) keinen Cent, außerdem sind die Betten bekannt (von Besuchen an Weihnachten, Geburtstagen und so weiter), und die Tische biegen sich beim Essen auch mehr als in jedem noch so großzügigen Hotel. Jedenfalls bei diesen Schwiegereltern. Und Dienstreise geht ja jetzt wieder. Dementsprechend erhebend ist es, nicht mehr mit Kind und Kegel und Ehefrau aus privaten, sondern wieder aus beruflichen Gründen anzurücken. Ganz allein natürlich, zwischen Termin 1 am ersten Tag und Termin 2 am zweiten. So wie früher dann und wann, aber zuletzt gar nicht mehr. Man braucht keine drei Flaschen Wein, um diesen monatelangen Verlust zu begreifen. Aber sie schaden auch nicht.

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. . . im Interview vor Ort: Kuchen – und sei er auch noch so gut – sollte nie ausschlaggebend dafür sein, ein Gespräch vor Ort anstatt per Zoom-Call oder Telefon zu führen. Gibt es dennoch einen zum ersten großen Interview während der Pandemie, kann man das mit einem gewissen Hang zum Aberglauben als Zeichen verbuchen. Denn nach diversen Telefonaten in den vergangenen Corona-Monaten ist ein persönliches Treffen in vielerlei Hinsicht eine Wohltat. Die Präsenz einer Person im Raum erleben, die Chemie untereinander während eines Gesprächs – gerade wenn es weniger um allgemeine Einschätzungen, sondern um kritische Punkte geht –, das ist unschätzbar wertvoll. Selbst die Gelegenheit, einen Blick ins Büro des Gegenübers zu werfen, wirkt in Tagen des corporate-durchdesignten virtuellen Hintergrunds außergewöhnlich.

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Ganz zu schweigen von dem, was – wie es im Journalisten-Sprech heißt – „unter drei“ bleibt. Also vertraulich behandelt und weder unter Nennung des Zitatgebers noch indirekt unter Bezug auf „gut informierte Kreise“, „mit der Sache vertraute Personen“ oder „Insider“ verwendet werden darf. Müßig zu erwähnen, dass ein persönliches Gespräch auch in dieser Hinsicht ergiebiger ist. Das erste Präsenz-Interview war entsprechend nicht nur ob des Kuchens eine lohnenswerte Sache. Wobei dieser die gesonderte Erwähnung geschmacklich sogar mehr als verdient hatte.

. . . Essen in der Kantine: Endlich Schluss mit der einsamen Verkostung im Büro. Der Gang zur Kantine gehört wieder zum Ritual des Berufsalltags. Einst war dieser Sammelpunkt ein bewährter Gradmesser der Unternehmenskultur und wichtigste Tauschbörse für Informationen. Doch vom Flair eines Marktplatzes ist in diesen Tagen (noch) wenig zu spüren. Stattdessen regiert dort die neue Achtsamkeit – ob bei der Sitzordnung oder auf dem Speiseplan. So wurden die Tische neu gruppiert, um Besuchern den nötigen Abstand zu ihren Sitznachbarn zu garantieren. Was die Vielfalt der Speisen angeht, ist wieder Schmalhans Küchenmeister. Meist zwei Hauptgerichte dominieren das tägliche Angebot. Dabei konnte die Currywurst ihren Stammplatz unter den Fleischgerichten eisern behaupten. Aber selbst Fans von Bioprodukten und nachhaltiger Ernährung kommen mit dem festen Tagesangebot an vegetarischen Optionen nicht mehr zu kurz.

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Den strengen Hygieneregeln ist allerdings der Umstand geschuldet, dass jeder Tisch über ein eigenes Set an Pfeffer- und Salz-Streuern verfügt. Kontaktfreudigen Kollegen ist damit jeder Vorwand genommen, mit dem Tischnachbarn zu plaudern oder mit der netten Kollegin aus der anderen Abteilung zu flirten. Mehr Kreativität ist also gefragt. Doch Improvisieren zählt ja neuerdings zum Standard.

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen in der wieder präsenter werdenden Arbeitswelt? Schreiben Sie uns unter berufundchance@faz.de. Die besten Beiträge oder Auszüge daraus wollen wir gern veröffentlichen.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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Ulrich Friese - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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