Studium

Bachelor ist nicht gleich Bachelor

24.01.2004
, 12:00
Von über neunzig Bewerbern in einem Wettbewerb "ReformStudiengänge" mit Bachelor-Master-Konzeption konnte der Deutsche Stifterverband für die Wissenschaft nur ganze vier auswählen, die den Anforderungen des Bologna-Prozesses, also der Angleichung des europäischen Hochschulraumes, entsprachen.
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Von über neunzig Bewerbern in einem Wettbewerb "ReformStudiengänge" mit Bachelor-Master-Konzeption konnte der Deutsche Stifterverband für die Wissenschaft nur ganze vier auswählen, die den Anforderungen des Bologna-Prozesses, also der Angleichung des europäischen Hochschulraumes, entsprachen. In den meisten Fällen hatten Fachbereiche nur das Vordiplom zum Bachelor und das Diplom zum Master umetikettiert. Weder an Studieninhalten noch am Studienaufbau hat sich Wesentliches geändert. Die größten Defizite scheint es in der Bachelor-Phase zu geben, deren Abschluß schon berufsqualifzierend sein soll. Doch weder Hochschulen noch Unternehmen haben präzise Vorstellungen von den Anforderungen, die ein Bachelor-Absolvent nachweisen muß. Also ist Bachelor selbst innerhalb Deutschlands nicht gleich Bachelor. Doch wie steht es erst mit der internationalen Vergleichbarkeit?

Die amerikanischen Erfahrungen mit dem Bachelor-Master-Studiengang zeigen, daß dieser nicht etwa, wie das Bundesbildungsministerium sich gewünscht hätte, studienverkürzend wirkt, sondern ganz im Gegenteil. Der Forschungsdirektor der American Association of University Professors John W. Curtis hat vor kurzem darauf hingewiesen, daß einige Fachbereiche in den Vereinigten Staaten traditionell einen fünfjährigen Bachelor-Abschluß fordern, das gilt etwa für Pharmazie. Aufgrund des Konkurrenzdrucks haben dort auch die Masterabschlüsse die Bachelor-Grade weitgehend verdrängt, was zu längeren Studienzeiten führt. So ist es in Amerika offensichtlich üblich geworden, allein bis zum Bachelor-Abschluß fünf Jahre zu studieren.

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Während den Ingenieurwissenschaftlern hier trotz ihres international anerkannten Diploms Bachelor und Master übergestülpt werden, haben die amerikanischen Bauingenieure erkannt, daß der Bachelor-Abschluß nicht ausreicht, um als anerkannter Ingenieur in den Beruf einzusteigen. Das hat die Präsidentin der "American Society of Civil Engineers" der vom Hochschulverband herausgegebenen Zeitschrift "Forschung und Lehre" (Februarausgabe) bestätigt. Das deckt sich mit der Einschätzung des Fakultätentags für Bauingenieur- und Vermessungswesen, der die Einführung des Bachelor als Regelabschluß eines zweistufigen Studiensystems für einen enormen Qualitätsverlust hält und eine unverantwortliche Verlängerung des Studiums befürchtet. Auch der Fakultätentag für Maschinenbau und Verfahrenstechnik, der die Angleichung der Studienstrukturen im europäischen Hochschulraum grundsätzlich gutheißt, spricht sich dagegen aus, den Bachelor-Abschluß als berufsqualifizierenden Regelabschluß der universitären Ingenieursausbildung festzulegen, um das hohe Ausbildungsniveau deutscher Ingenieure nicht zu senken.

Im Oktober 2003 hatten die Kultusminister beschlossen, daß der Bachelor-Abschluß in einem System gestufter Studiengänge "als erster berufsqualifierender Abschluß den Regelabschluß" darstellt und "für die Mehrzahl der Studierenden zu einer ersten Berufseinmündung" führe. Bachelor-Absolventen wird damit die Berufsfähigkeit bescheinigt. Eine Umfrage des Hochschulverbandes unter den Fakultätentagen widerspricht dieser Einschätzung, das gilt sowohl für Geisteswissenschaften als auch für Naturwissenschaften.

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Auch wenn sich Deutschland weder in Bologna noch bei den Folgekonferenzen in Prag und Berlin verpflichtet hat, seine Diplom- und Magisterstudiengänge auf das Bachelor-Master-Studium umzustellen, stehen alle deutschen Universitäten unter dem Zwang, ihre Studiengänge aufzuspalten. Sie tun es zähneknirschend oder resigniert, von den Akkreditierungskosten ganz zu schweigen. Ein geisteswissenschaftlicher Bachelor kostet bei der Akkreditierungsagentur etwa 12 500 Euro. Werden etwa alle Lehramts-, Diplom- und Magisterstudiengänge im Fachbereich Literatur- und Sprachwissenschaft mit fünf Fächern durch neue gestufte Modelle ersetzt, werden sechsstellige Euro-Beträge fällig, was etwa dem Sachmitteletat für einen solchen Fachbereich für mehrere Jahre entspricht. Alle sechs bis acht Semester muß die Fakultät eine neue Akkreditierung beantragen.

Das einzige, was alle deutschen Bachelor- und Master-Studiengänge verbindet, ist die Gesamtsumme von 300 Credit Points, dem neuen formalen Bewertungsmodell innerhalb Europas. Eingeführt wurde das Kreditpunktesystem ECTS (European Credit Transfer System) in allen europäischen Ländern, um Studienleistungen vergleichbar zu machen. Ein Kreditpunkt entspricht 20 Stunden Arbeit, wobei der Besuch von Lehrveranstaltungen, häusliche Arbeit und Praktika eingerechnet sind. 300 Credit Points entsprechen also einer Studiendauer von fünf Jahren. Aber die Erfahrung französischer Ingenieurwissenschaftler zeigt, daß die Credit Points nicht mehr sind als Schall und Rauch: Dort werden immer häufiger Aufnahmeprüfungen verlangt. In Deutschland kann der Bachelor-Abschluß in drei oder vier Jahren (180 oder 240 Credit Points) und der Master in einem oder in zwei Jahren (60 oder 120 Credit Points) erworben werden. Die Aufteilung in drei und zwei Jahre oder 3,5 und 1,5 oder vier Jahre und ein Jahr wird kaum zur Vergleichbarkeit innerhalb Deutschlands, geschweige denn Europas beitragen.

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Schweden und die Niederlande bieten nur einen Bachelor nach drei Jahren und einen Master nach einem Jahr an (240 Credit Points), Griechenland bleibt bei seinem einphasigen Studium von fünf Jahren. Während Deutschland seine Diplome für Bachelor und Master geopfert hat, bleiben etwa die Franzosen bei ihrer "Licence" und ergänzen sie um "Master" und "Doctorat" (LMD). Die Engländer, vielbeschworene Vorbilder für das Bachelor-Master-Studium, besitzen seit Jahrhunderten universitätsabhängig unterschiedliche Studiengänge von keineswegs vergleichbarem Niveau. Die gelungene Europäisierung nach Bologna hat dazu geführt, daß Master-Grade für 220, 240 oder 300 Credit Points vergeben werden und am Ende niemand mehr etwas auf die Punktezählerei geben wird.

Wieso jetzt Studenten mobiler sein sollen, weiß niemand. Kaum jemand zweifelt indessen daran, daß Bachelor und Master durchgängig zu einem niedrigeren Niveau führen, das liegt nahezu in der Logik ihrer Einführung. Schließlich ging es doch nicht in erster Linie um einen europäischen Hochschulraum, sondern um mehr Studienabsolventen, um einen Billigabschluß für mögliche Studienabbrecher und kürzere Studienzeiten. Aber die Ministerialbürokratie könnte ihre Rechnung auch ohne den Wirt gemacht haben: Der Arbeitsmarkt für Ingenieure, Juristen, Architekten oder Lehrer wird den Master-Studiengängen vorbehalten bleiben. Wird der studierte Bachelor also zum wissenschaftlich approbierten Hilfsarbeiter?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2004, Nr. 20 / Seite 10
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