Bologna-Abschlüsse

Schmiermittel für den Berufseinstieg

Von Deike Uhtenwoldt
13.12.2009
, 07:00
Gegen die Bologna- Reform richten sich wütende Proteste. Aber nicht alles an ihr ist Unsinn. Zum Beispiel die Forderung, Studenten besser auf das Berufsleben vorzubereiten.
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Maschinenbau haben die Studenten belegt, Zeitmanagement lernen sie zunächst: An der TU Darmstadt ist der Kurs „Arbeitstechniken“ Pflichtprogramm für alle Erstsemester im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und Informatik. „Wir exportieren das Modell gerade in andere Studiengänge“, erklärt Professor Ralph Bruder, der Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft Darmstadt (IAD). Vom ersten Tag an sollen die Studenten lernen, Prioritäten zu setzen und ihre Zeit realistisch zu verplanen. Spätestens das Tortendiagramm zur individuellen Wochenzeitgestaltung mache deutlich, sagt Bruder, dass viele Erstsemester zu wenig Zeit für die Nachbereitung veranschlagen und das Lernen komplett auf die Semesterferien legen. „Aber da stehen in kurzem Zeitraum viele Prüfungen an. Das schafft nur, wer kontinuierlich mitlernt.“ Die Abbrecherquote sei drastisch gesunken, seit dies schon zu Anfang des Studiums gepredigt werde.

Das Beispiel aus Darmstadt führt zu einer Frage, die älter ist als die Bologna-Reform, gegen die nun allerorts demonstriert wird: Kann und soll ein Hochschulstudium den Studenten nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern sie auch professionell handlungsfähig und beruflich einsetzbar machen? So viel ist über die Bologna-Wörter „Employability“, „Kompetenzen“ und „Schlüsselqualifikationen“ geschimpft worden, dass sich sachlich darüber kaum noch diskutieren lässt.

„Bologna wird oft missverstanden“

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Dabei ist das Thema alles andere als vernachlässigenswert. Seit mehr als zwanzig Jahren etwa verfolgt Karl-Heinz Minks vom Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS), wie Absolventen der Übergang vom Studium in den Beruf gelingt. In Befragungen unter Ingenieuren hat der Sozialwissenschaftler unter anderem nachgewiesen, wie wichtig Zeitmanagement ist: Jeder dritte Student fühlte sich in der Vergangenheit hierin nicht ausreichend auf die Praxis vorbereitet. Minks fordert daher, in diesem Punkt künftig von Anfang an vorzubauen. „Zumal es sich um eine Technik handelt, die gezielt eintrainiert werden kann.“

Andere Techniken dagegen lassen sich seiner Ansicht nach nur zusammen mit dem einschlägigen Fachwissen erlernen. „Was nützt der Rhetorikkurs im ersten Semester, wenn der Student den Rest seines Studiums über schön schweigt?“ Minks fordert deshalb mehr projektorientierte Studienveranstaltungen, dafür weniger Module und Paukstoff in den Lehrplänen. Dass die Praxis der Bachelorstudiengänge oft noch ganz anders aussieht, hat für ihn einen einfachen Grund: „Bologna wird oft missverstanden.“ Dass Begriffe wie „Beschäftigungsfähigkeit“ und „lebenslanges Lernen“ abgedroschen klingen, gibt auch der Absolventenforscher zu. Die Hochschulbildung komme aber nicht um sie herum. „Die Erstqualifikation reicht nicht aus für ein ganzes Berufsleben. Am deutlichsten sehen wir das in der IT“, argumentiert Minks. Die Programme verändern sich rasant, das Wissen ist irgendwann veraltet. Was zähle, seien deshalb Motivation und Methodenkompetenz. „Fachqualifikation und Schlüsselkompetenzen ergänzen sich“, sagt Minks. „Aber die Schlüsselkompetenzen sind das entscheidende Schmiermittel.“

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„Ich habe Straßentheater gespielt und bin durch Alaska getrampt“

Generationen von Studenten haben Arbeitstechniken, Urteilskraft und Kommunikationsfähigkeit in Diskussionsrunden und Referatsgruppen und während der Arbeit an ihren Hausarbeiten eingeübt, aber auch in Jobs und Freizeitaktivitäten, für die sie früher deutlich mehr Zeit hatten. Jens Braak, inzwischen 49 Jahre alt, kann sich daran noch gut erinnern. „Ich hatte viel Zeit. Nicht lockerzulassen, interdisziplinär zu studieren, produktiv zu sein, das passte alles in ein Studium“, berichtet er. Der Führungskräftetrainer aus Hamburg hat Mathematik und Physik auf Lehramt studiert, in Physik über die Chaostheorie promoviert und dann das Referendariat abgeschlossen. Die Erfahrungen, die vor einer Schulklasse seiner Meinung nach wirklich zählen, hat er sich nebenher angeeignet. „Ich habe Straßentheater gespielt, bin durch Alaska getrampt, habe in einer Siebener-WG mit wochentäglichem Plenum gewohnt.“ Das sei ein gutes Konfliktmanagement- und Selbstbehauptungstraining gewesen. Ein paar Jahre später, in der New Economy, hätten dann ganz andere Werte dominiert. „Da ging es vor allem darum, Geld zu verdienen.“ Man dürfe sich aber nicht einfach den Moden ausliefern, Persönlichkeitsbildung gehöre deshalb in die universitäre Ausbildung. „Nicht nur theoretisch, sondern auch in dynamischen Gruppenprozessen mit angeleiteten Reflexionsphasen.“

Wie es dazu eine Leistungsbewertung geben soll, ist allerdings genauso offen wie die Frage, ob die Auseinandersetzung mit persönlichen Stärken und Schwächen in Seminaren mit hundert Teilnehmern funktionieren kann. Viele Absolventen plädieren daher eher für das Prinzip „Learning by doing“. Die Hochschule soll dafür aber das Rüstzeug liefern. „Die Universitätsausbildung vermittelt das Basiswissen“, sagt Michael Laufenberg, ein Wirtschaftsprüfer und Steuerberater aus Köln. Als der heute Fünfundfünfzigjährige sein Studium abschloss, hatte er noch nie eine Buchhaltung in der Praxis gesehen. „Aber dank des Basiswissens konnte ich mich schnell einarbeiten.“

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Die Vorbereitung auf das Berufsleben in der Verantwortung der Hochschule

Mehrheitlich stellen Studenten ihrer Universität gerade in diesem Punkt allerdings ein schlechtes Zeugnis aus: Nur 20 Prozent der 2007 von HIS befragten Absolventen gaben an, dass ihr Studium sie sehr gut oder gut auf den Beruf vorbereitet hat. „Das ändert sich“, verspricht Ulrike Job, die Leiterin der Arbeitsstelle „Studium und Beruf“ an der Uni Hamburg. Die Arbeitsstelle organisiert zum Beispiel für Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaftler das Lehrangebot in den „Allgemeinen Berufsqualifizierenden Kompetenzen“ (ABK), das 15 Prozent des Bachelorstudiums ausmacht. Vor allem geht es darin um Berufsorientierung. „Ich möchte den Studierenden zeigen, was alles möglich ist“, sagt Ulrike Job. Als die Philologin vor 30 Jahren ihr eigenes Studium beendet hatte, war sie auf sich allein gestellt. „Es war ein Herumstochern“, berichtet sie. Später, im Hochschulteam der Agentur für Arbeit, habe sie festgestellt, dass auch Wirtschaftswissenschaftler überraschend oft orientierungslos seien. Viele mussten erst mit Förderprogrammen fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. „Jetzt liegt die Vorbereitung auf das Berufsleben in der Verantwortung der Hochschule. Da gehört sie hin.“

„Employability-Trainings für Absolventen sind eigentlich eine Beleidigung für die junge Leistungselite“, wettert dagegen der Berliner Bewerbungstrainer Gerhard Winkler. Dass Career Center mit Jobmessen, Karrieretagen und Alumni-Netzwerken das Image der Hochschule pflegen, hält er zwar nicht per se für einen Fehler. „Es ist gut, wenn die Uni die Wege zum Arbeitsmarkt kurz hält.“ Aber es sei ein Irrglaube, den Übergang in den Beruf mit verordneten Bausteinen zu Teamarbeit, Selbstmarketing und Bewerbungspraxis erleichtern zu können. „Das züchtet nur das Brave-Mädchen-Prinzip.“ Statt Eigeninitiative zu entwickeln, ruhten sich manche Studenten auf Kommunikationstrainings und Kontaktseminaren aus. Das Fazit unter vielen dieser Kurse ist nach Winklers Einschätzung aber ernüchternd: „Es war nützlich. Es hat die Teilnehmer aber keinem Job näher gebracht.“

Quelle: F.A.Z.
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