Ärzte auf dem Land

Heilen in Höxter

Von Nadine Bös
22.10.2013
, 09:34
Schnelle Karriere in der Kleinstadt: Christiane Wenkel hat ihre Facharztprüfung noch nicht abgelegt, aber übernimmt schon die Aufgaben einer Oberärztin.
Ärzte können sich mittlerweile aussuchen, wo sie arbeiten wollen. In sehr vielen Kliniken gibt es offene Stellen. Warum also ins Weserbergland ziehen oder nach Sachsen-Anhalt? Zwei junge Ärztinnen berichten, warum es sie aufs Land verschlagen hat.
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Von der Ellenbogen-Mentalität in Großstadt-Krankenhäusern hatte Annekathrin Ubl schon die Nase voll, bevor sie überhaupt richtig zu arbeiten angefangen hatte. „Als Medizinstudentin bekommt man ja über diverse Praktika ganz gut mit, wie es an den Unikliniken so zugeht“, sagt sie. „Die Abläufe waren sehr stressig, es gab keine kurzen Dienstwege, es wirkte alles so unkollegial.“ Die heute 27 Jahre alte Medizinerin traf nach ihrem Abschluss eine Entscheidung, die viele ihrer Kommilitonen staunen ließ: Sie ging in eine ländliche Region. Seit einem Jahr ist Ubl Assistenzärztin am Klinikum Burgenlandkreis in Naumburg an der Saale. Der Ort hat rund 30.000 Einwohner, das Krankenhaus 378 Betten, und Annekathrin Ubl fühlt sich rundum wohl: „Die Hierarchien sind flach, das Betriebsklima ist herzlich und Naumburg als Wohnort richtig hübsch - mit historischer Altstadt und viel Grün drum herum.“

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Dass junge Ärzte freiwillig in die Kleinstadt oder aufs Land ziehen, um dort ihre erste Stelle anzutreten, ist selten geworden. Denn mittlerweile können Medizinabsolventen mehr oder weniger frei wählen, wo sie gerne arbeiten möchten. Ärzte sind gesucht, wie selten. Einer Studie des Prognos-Instituts zufolge haben drei Viertel der Kliniken Schwierigkeiten, ihre Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen. In den kommenden fünf Jahren erwarten sie sogar eine deutliche Verschärfung der Lage: Dann rechnen mehr als 90 Prozent der Krankenhäuser mit Engpässen im ärztlichen Bereich.

Warum also Süd-Sachsen-Anhalt oder Weserbergland, wenn es auch Hamburg, Berlin oder München sein kann? Das fragen sich viele Medizinabsolventen auf der Suche nach der ersten Stelle. Nicht nur die unattraktivere Wohnlage vergällt ihnen den Gang in die Provinz. Kleinere ländliche Kliniken stehen in dem Ruf, personell schon so ausgeblutet zu sein, dass Stress und Überstunden an der Tagesordnung sind. Zudem gilt ein geordneter Verlauf der Facharztausbildung dort als schwierig. Häufig berichten Assistenzärzte darüber, sich hauptsächlich als willkommene Lückenfüller in den Dienstplänen zu fühlen. Zu selten kämen sie an den Stellen zum Einsatz, wo es laut Weiterbildungsplan gerade nötig ist.

Umfrage zur Stellenbesetzung im Krankenhaus
Umfrage zur Stellenbesetzung im Krankenhaus Bild: F.A.Z.

„Etliche Krankenhäuser in ländlichen Regionen befinden sich in einem Teufelskreis“, so beschreibt der Krankenhaus-Fachmann Oliver Rong die Lage. Rong leitet beim Beratungsunternehmen Roland Berger den Bereich Gesundheitswesen. „Die Personalsituation auf dem Land führt oft zu schwierigen Arbeitsbedingungen. Und das ist wiederum der Grund, warum immer weniger Ärzte auf dem Land arbeiten wollen.“ Zwar sind die Medizinstudiengänge zum Teil übervoll. Doch längst werden nicht mehr alle Mediziner Ärzte. Etliche Absolventen gehen in die Forschung oder ins Management. Andere ziehen ins Ausland. Die Kliniken müssten gegensteuern, glaubt Rong. „Ärzte leiden etwa häufig unter dem großen bürokratischen Aufwand.“ Der Papierkram kostet viel Zeit, die hinterher für die Patienten fehlt. Dafür lohne es sich, nicht-ärztliches Personal einzustellen, Stationsassistenten etwa, die bei der Dokumentation helfen. „Kluge Arbeitszeitmodelle, Betriebskitas und strukturierte Weiterbildungen sind für Krankenhäuser weitere wichtige Punkte, um für gute Fachkräfte attraktiv zu sein“, sagt Rong.

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„Wir sind darauf angewiesen, die jungen Leute zu uns zu locken und an uns zu binden“, so sieht es auch Andrea Gebhardt, Personalreferentin des Klinikums Burgenlandkreis für das Annekathrin Ubl arbeitet. In Naumburg hat man sich einiges einfallen lassen, um sich für junge Ärzte interessant zu machen: Eine elektronische Zeiterfassung gibt es etwa; für ihre Überstunden dürfen die Mediziner einen Freizeitausgleich nehmen; in der Branche keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Die Klinik hat zudem Teilzeitmodelle für Mitarbeiter aller Berufsgruppen eingeführt. Auch das ist in vielen konservativen Häusern noch immer ein Tabu. Doch während von dort zuweilen zu hören ist, man könne doch nicht mitten in einer OP das Skalpell fallen lassen, erwidert Gebhardt: „Man kann vielleicht nicht immer Halbtagsstellen anbieten. Man kann aber sehr wohl Dienstpläne stricken, die es auch Ärzten ermöglichen, an einzelnen Wochentagen bei der Familie zu bleiben.“ Außerdem bietet die Klinik ihrem Personal Betreuungsplätze in einer Kindertagesstätte an - schon von 5.45 Uhr morgens an. Demnächst soll auch eine Übernacht-Kinderbetreuung eingerichtet werden.

Jeden Tag nach Jena und zurück

Annekathrin Ubl war all das ganz wichtig. Schließlich ist sie seit zwei Jahren selbst Mutter einer kleinen Tochter. „Ich möchte so oft es geht Arbeitszeiten haben, die mir erlauben, mein Kind nachmittags noch einige Stunden zu sehen, bevor es ins Bett geht“, sagt sie. „Und wenn der Dienst das einmal nicht zulässt, möchte ich meine Tochter während meiner Arbeitszeit gut betreut wissen.“ Das einzige Manko sieht sie darin, dass sich in Naumburg kein Arbeitsplatz für ihren Mann finden ließ. Der sitzt nun täglich rund anderthalb Stunden im Auto, um nach Jena und zurück zu pendeln.

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Nicht nur die Familienfreundlichkeit, auch die guten Bedingungen für ihre Ausbildung zur Fachärztin lockten Annekathrin Ubl an die Saale. Die Klinik unterstützt junge Ärzte mit einem Weiterbildungsbudget von 3000 Euro, um etwa Ultraschallkurse nicht aus eigener Tasche zahlen zu müssen. Zudem gibt es vier Assistenzarztstellen, die nur dafür eingerichtet sind, Allgemeinmediziner möglichst strukturiert auszubilden. Die jungen Mediziner sollen alle nötigen Stationen durchlaufen, ohne dabei Lücken in die Dienstpläne zu reißen. „Mein Traumberuf ist Allgemeinärztin, und dafür habe ich hier wirklich gute Voraussetzungen“, sagt Ubl.

Unterstützung aus Griechenland - und aus China

Von vielen Annehmlichkeiten, die Annekathrin Ubl heute schon genießt, kann Christiane Wenkel nur träumen. Auch Wenkel entschloss sich kurz nach ihrem Medizinstudium, an ein Provinzklinikum zu wechseln. Weil ihr Ehemann in der Region arbeitete, heuerte die heute 32 Jahre alte Ärztin am St. Ansgar Krankenhaus in Höxter im Weserbergland an. Einen vorgefertigten Rotationsplan für Assistenzärzte gibt es bei ihrem Arbeitgeber nicht. Immerhin kann sie aber die volle Weiterbildung für Innere Medizin an einem Haus absolvieren. „Man muss sich eben seine Facharztausbildung weitgehend selbst organisieren“, sagt Wenkel. Auch einen Freizeitausgleich für ihre Überstunden würde sie sich wünschen; doch ist es in Höxter nach wie vor üblich, die Mehrarbeit finanziell vergütet zu bekommen. „Meine private Zeit kann ich mir davon nicht zurückkaufen.“ Trotz allem hat sich die Lage in Höxter stark verändert, vergleicht die Ärztin die heutige Situation mit der vor drei Jahren. „Damals waren wir chronisch unterbesetzt“, erinnert sie sich. Satte 20 offene Assistenzarztstellen gab es am St. Ansgar Krankenhaus, als der damals frischgebackene Personalleiter Ralf Schaum beschloss: Das muss anders werden. Seine Strategie ist eine derzeit nicht nur in Höxter beliebte: Er warb Ärzte aus dem Ausland an. Seither kommen sie aus Südeuropa nach Höxter, aus Ägypten und aus China. Von den 21 Assistenzärzten der Klinik haben derzeit 8 eine Zuwanderungsgeschichte.

Eine Herausforderung, findet Christiane Wenkel. Zwar seien die ausländischen Kollegen durchweg „sehr herzlich und bei den Patienten beliebt“. Doch gebe es im Kollegenkreis und seitens der Schwestern noch immer Sprachprobleme. „Ich frage den Kollegen: Willst du dem Patienten eine Antibiose ansetzen? Er versteht: Hast du dem Patienten schon eine Antibiose angesetzt? Er antwortet: Nein.“ Solche Missverständnisse machten den Klinikalltag zuweilen kompliziert. Neben Verständigungsschwierigkeiten gebe es auch kulturelle Unterschiede. Manche der neuen Kollegen hätten etwa Angst zuzugeben, wenn sie etwas nicht wissen; die Ober- und Chefärzte wünschten sich dagegen eine offene Kommunikation. „Wir arbeiten mit Hochdruck an diesen Themen“, sagt Personalleiter Schaum. Seitdem er verstärkt außerhalb Deutschlands rekrutiert, hat er einiges dazugelernt. Er hat viele Kliniken und Universitäten in den Herkunftsländern besucht und sich ein eigenes Bild gemacht. Und inzwischen erhält jeder Neuankömmling von der Klinik ein Einstiegstraining. Es dauert ein halbes Jahr, in dem die jungen Ärzte ihr Deutsch verbessern und Fachkenntnisse auffrischen können. Auch über interkulturelle Konflikte sollen sie in den Kursen reflektieren. Die EU zahlt Fördermittel, 5000 Euro je fortgebildeter Person bleiben trotzdem am Krankenhaus selbst hängen. Die Trainings aber scheinen zu fruchten. „Die Fluktuation ist niedriger geworden“, sagt Schaum. Mit Hilfe der ausländischen Kollegen hat er es mittlerweile geschafft, alle offenen Assistenzarztstellen zu besetzen. Nun will er, dass bald auch wieder mehr Mitarbeiter aus Deutschland nach Höxter kommen.

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Einen Anreiz bietet der Gang in die Provinz schon jetzt: „Weil die Konkurrenz vergleichsweise gering ist, kann man hier gut Karriere machen, wenn man sich entsprechend engagiert“, sagt Christiane Wenkel. Sie hat es selbst erlebt: Als der Oberarzt in der Kardiologie des St. Ansgar Krankenhauses unerwartet an eine andere Klinik wechselte, wurde sie kurzerhand mit seinen Aufgaben betraut - obwohl sie ihre Facharztprüfung bislang noch gar nicht abgelegt hat. Ein großer Vertrauensbeweis, findet sie. Nun nennt sie sich „Funktionsoberärztin“, und sie ist sich sicher: „So schnell wäre das an einem großen Klinikum in München oder Hamburg bestimmt nicht gegangen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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