Burnout

Es geht nicht mehr. Nichts geht mehr.

28.09.2015
, 13:00
Nur Leere gespürt: Ein Burnout-Betroffener erzählt.
„Ich saß nur da und habe gestarrt. Den ganzen Rest des Tages habe ich dagesessen und geweint. Dann ging alles ganz schnell: Arzt, Therapeut, Klinik.“ Ein Burnout-Betroffener erzählt seine Geschichte.

An den letzten Tag in meinem alten Leben erinnere ich mich noch, als ob es heute wäre: Es war ein sonniger Tag, und ich wollte vor der Arbeit noch schnell einen Schluck Kaffee auf der Dachterrasse trinken. Ich saß da mit meiner Kaffeetasse und starrte in den Himmel. Als ich das nächste Mal auf meine Uhr schaute, war es Nachmittag. Der halbe Tag war vorbei, und ich saß immer noch da. Eigentlich hätte mein Handy längst klingeln müssen, sonst riefen mich mein Chef oder meine Kunden oft schon morgens an, bevor ich überhaupt auf dem Weg ins Büro war. Aber ich hatte es nicht eingeschaltet. Ich saß nur da und habe gestarrt. Da merkte ich: Es geht nicht mehr. Nichts geht mehr. Den ganzen Rest des Tages habe ich dagesessen und geweint. Dann ging alles ganz schnell: Arzt, Therapeut, Klinik. Ein Dreivierteljahr war ich für die Außenwelt nicht mehr richtig ansprechbar.

Im Grunde bin ich das aber schon lange vorher nicht mehr gewesen. Es kam viel zusammen, viele Enttäuschungen: Meine Freundin hatte sich von mir getrennt, aus unserer gemeinsamen Wohnung musste ich ausziehen, dann ist mein Freundeskreis zerbröselt, und mit meinem Vater habe ich mich bis aufs Blut zerstritten. Am Ende hat er gesagt, ich sei gar nicht sein Sohn, das solle ich ihm erst einmal mit einem Vaterschaftstest beweisen. Es fühlte sich an, als zöge mir jemand den Boden unter den Füßen weg. Jeden Tag ein Stückchen. Was ich dagegen getan habe? Ich habe gearbeitet. Nach jedem Tiefschlag mehr, ich wollte einfach nicht nachdenken. Am Ende war ich 300 Tage im Jahr unterwegs, drei Jahre lang habe ich keinen Urlaub gemacht, wann auch? Ich habe nur noch geackert und bin von Baustelle zu Baustelle gefahren, habe 20 Stunden am Tag malocht.

Als freiberuflicher Architekt kann man so etwas. Es gibt keine Gewerkschaft, die für einen zuständig ist und sagt: Halt, jetzt reicht’s! Ich hatte keinen Chef, dem aufgefallen wäre, was mit mir passierte, sondern einen, der mir Auftrag um Auftrag zuschanzte, weil ihm gefiel, dass ich für ihn arbeitete wie ein Berserker. Mich freute das auch, weil ich dachte: Ich beweise euch, was ich alles packe. Eine Partnerin, die mich hätte bremsen können, hatte ich ja auch nicht mehr. Eigentlich bestand mein Leben nur noch aus Arbeiten, Essen, Einkaufen und Schlafen. Häufiger habe ich auch mit einer der Kolleginnen geschlafen, um mir ein bisschen Nähe zu holen. Mehr braucht der Mensch zum Leben ja nicht.

„Anerkennung habe ich nicht gespürt. Nur Leere“

Trotzdem war ich nach außen hin immer gut drauf. Man weiß ja, dass man als Projektleiter gefragter ist, wenn man einer von denen ist, mit denen das Arbeiten Spaß macht. Aber ich war auch kein Blender: Ich wusste irgendwann alles, wusste genau, wo welche Schraube liegt, selbst im größten Bauprojekt. Schließlich habe ich ja den ganzen Tag nichts anderes gemacht, und mit Mitte 40 hatte ich mehr Erfahrung als viele andere in dem Job. Deswegen haben mich die anderen auch ständig nach allem gefragt, ich war der Ansprechpartner für alle.

Anerkennung habe ich trotzdem nicht gespürt. Nur Leere, deswegen sehnte ich mich nach Urlaub. Aber mein Chef schaute mich jedes Mal nur groß an: „Darüber müssen wir noch mal reden“, sagte er. Oder: „Doch nicht jetzt, mitten im Projekt!“ Er gab mir das Gefühl, es sei ein völlig vermessener Wunsch. Einmal antwortete er sogar: „Wenn du länger als drei Tage fehlst, brauchst du gar nicht wiederzukommen.“

Irgendwann kommst du aus dieser Spirale einfach nicht mehr raus. Du arbeitest, und wenn du die Augen wieder aufmachst, ist die Woche rum. Dann drei Monate. Und plötzlich waren drei Jahre vorbei.

Den endgültigen Knacks aber habe ich bekommen, als noch eine menschliche Enttäuschung dazukam. Meine Mutter wurde schwer krank und rief mich an. Eigentlich habe ich sie nie gekannt, denn unser Vater zog uns alleine groß. Plötzlich war sie da. Zwei Monate lang fuhr ich übers Wochenende zu ihr und pflegte sie. Viel von mir wissen wollte sie trotzdem nicht, kurz vor ihrem Tod brach sie den Kontakt ab. Ohne Kommentar, ohne Dank. Das konnte ich nicht fassen. So eine Zurückweisung habe ich noch nie erlebt. Danach war ich plötzlich nicht mehr in der Lage, irgendeine Entscheidung zu treffen - weder beruflich noch privat.

Ich wurde immer aggressiver

Ich saß oft nur noch da, jede Frage hat mich überfordert, Kollegen haben mich oft nur noch genervt. Ich war schnippisch und ungerecht ihnen gegenüber. Ich wurde immer aggressiver, auch meinen Freunden und Frauen gegenüber. Eine Frau hätte sogar wirklich eine Beziehung mit mir gewollt, sie mochte mich trotz allem. Aber ich habe mich verhalten wie ein Vollidiot und konnte nichts dagegen tun.

Irgendeine Form von Ausgleich brauchte ich, das spürte ich. Also habe ich Sport getrieben, aber nicht wie andere, sondern wie ein Verrückter. Ich ging morgens Joggen, abends Radeln, manchmal noch nachts ins Fitnessstudio. Bis zu dem Unfall, kurz bevor der Tag mit der Kaffeetasse kam. Zum Glück ist nicht viel passiert, nur ein Sturz mit dem Rad und ein paar Verstauchungen, aber danach kam der komplette körperliche Zusammenbruch. Und dann saß ich auf dem Balkon und fragte mich, warum es mich überhaupt noch gibt. Da wusste ich: Wenn du dir jetzt keine Hilfe holst, passiert etwas noch viel Schlimmeres.

Also ging ich zum Arzt. Der wies mich sofort in eine psychosomatische Klinik ein. Natürlich ist es komisch, wenn man in so eine Nervenklinik geht, von der man denkt, dort säßen nur Verrückte, die am Leben scheitern. Aber ich kann ja morgen wieder hier rausspazieren, tröstete ich mich. Zum Glück wusste ich da noch nicht, dass ich ein Dreivierteljahr dort bleiben würde. Schon nach ein paar Wochen habe ich mich fast geborgen gefühlt, und eigentlich war es das Beste, was mir passieren konnte: Ich war weg von allem anderen, zusammen mit Menschen, denen es genauso ging wie mir. Die sich leer fühlten, erschöpft und von der Welt verlassen. Wir mussten in den Therapiesitzungen nicht nur darüber reden, sondern ich wollte auch mit ihnen darüber sprechen. Schließlich hatten alle hier etwas Ähnliches erlebt wie ich.

Lernen, darauf zu achten, was der Körper sagt

Wir mussten alle wieder lernen, was Stillhalten heißt. Wir mussten lernen, darauf zu achten, was der Körper sagt. Und das Zuhören, wenn andere reden. Dabei habe ich mich selbst sagen hören, was mir wichtig ist und wann mir das Leben lebenswert erscheint. Wir haben alle viel geweint, und anfangs habe ich es zwar nicht geglaubt - es gibt immer noch viele Momente, in denen ich es nicht so richtig glaube -, aber: Ich weiß jetzt wieder, dass es schön ist, die Vögel singen zu hören. Wie schön es ist, Freizeit zu haben. Und wie gut es tut, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Es ist jetzt ein paar Jahre her, und manchmal fürchte ich, mein altes Leben holt mich wieder ein. Vor allem, wenn es stressig wird. Es ist wie bei einem Süchtigen, der Angst hat, rückfällig zu werden. Aber dann denke ich an die Zeit in der Klinik und übe, was man mir beigebracht hat: Nein zu sagen und zu entscheiden, was in diesem Moment wirklich wichtig ist.

Aufgezeichnet von Nadine Oberhuber.

Quelle: F.A.S.
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