Arbeiten nach Corona

Schöne grüne Bürowelt?

Von Nadine Bös und Jessica von Blazekovic
09.12.2020
, 14:59
Schon vor Corona versuchten viele Unternehmen, den Arbeitsplatz nachhaltiger zu gestalten. Die Pandemie verändert vieles – und nicht alles zum Guten.

Das Jahr 2020 war für Elke Kux ein ganz besonderes Jahr. Für ihren Arbeitgeber, die Unternehmensberatung Capgemini, kümmert sich die Managerin um die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit – und kann etliche Erfolge verbuchen: Schon im Jahr 2019 gewann das Beratungsunternehmen den Wettbewerb „Büro und Umwelt“, ein Jahr später erreichte es die Umweltziele, die es sich eigentlich erst für das Jahr 2030 gesetzt hatte. Jetzt möchte das Unternehmen bis zum Jahr 2025 CO2-neutral werden und fünf Jahre später „Net Zero“, was so viel bedeutet wie CO2-neutral auch unter Berücksichtigung der gesamten Lieferkette. „Diese Ziele haben wir uns schon vor der Pandemie gesetzt“, berichtet Kux. „Aber Corona ist nun noch einmal ein Beschleuniger.“

Nicht nur bei Capgemini – über Unternehmensgrenzen hinweg spüren Personalmanager, dass Corona einen neuen Nachhaltigkeitsschub in die Büros gebracht hat. Wie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation schon im Jahr 2014 herausgefunden hat, räumen deutschsprachige Unternehmen dem Thema Nachhaltigkeit im Büro grundsätzlich einen großen Stellenwert ein: 86 Prozent der 158 von dem Institut befragten Fach- und Führungskräfte gaben an, in Zukunft einen stärkeren Fokus auf die umweltfreundliche Gestaltung von Büroarbeit legen zu wollen.

Im Sinn hatten sie damals wohl Maßnahmen wie die Beschaffung umweltfreundlicher Büromaterialien, einen intelligenten Stromverbrauch oder die Organisation von Fahrgemeinschaften. Dass sechs Jahre später ein Virus das gesamte Arbeitsleben auf den Kopf stellen würde und aus der Frage, welches Papier zum Drucken verwendet wird, eine Diskussion darüber geworden ist, ob die Mitarbeiter überhaupt noch ins Büro kommen, hat wohl niemand erwartet.

Verändertes Reiseverhalten

„Vor allem bei Dienstreisen hat die Pandemie die Frage aufgeworfen, was wirklich sein muss“, sagt Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager. „Die Vorstellung, für ein Meeting von zwei Stunden noch ein Flugzeug zu betreten, mit all dem CO2-Ausstoß, aber auch den Kosten und der Zeit, die daran hängen, ist mittlerweile fast absurd geworden.“ Das ganze Reiseverhalten werde sich nachhaltig ändern und effizienter werden, ist sie überzeugt.

Eine positive Entwicklung, findet Christoph Bertram, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Dass Geschäftsreisen dauerhaft an Attraktivität verloren haben, ist ein klarer Vorteil für das Klima“, sagt er, denn die Alternative, digitale Meetings, habe beinahe keinen negativen Effekt. „Die Anbieter von Videokonferenzsoftware haben ein eigenes Interesse daran, den Datenverkehr und damit Stromverbrauch gering zu halten für eine schnelle Übertragung.“

Bislang rühmten sich einige Unternehmen damit, Dienstreisen zu kompensieren, also den CO2-Fußabdruck von Flügen und langen Autoreisen durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten auszugleichen. Klimaforscher Bertram hält das für Augenwischerei: „Der einzige wirklich glaubwürdige Ausgleich wäre es, CO2 aus der Atmosphäre herauszuziehen. Solch eine Kompensation würde aber heute noch deutlich mehr als 100 Euro je Tonne kosten.“ Wer es ernst meint mit dem Klimaschutz, sollte also zweimal über Dienstreisen nachdenken – oder es wird richtig teuer.

Bei Capgemini führte die Pandemie dazu, dass nun viel intensiver als zuvor über das Thema Homeoffice nachgedacht wird. Corona habe dem Unternehmen vor Augen geführt, wie viel doch von zu Hause aus möglich ist, was zuvor als nicht praktikabel galt, berichtet Kux: „Wir waren ohnehin schon sehr digital aufgestellt, aber die Akzeptanz bei unseren Kunden hat sich stark erhöht.“ Zwar gebe es immer noch Kunden, bei denen die Kollegen vor Ort sein müssten. Aber die Bereitschaft, sich auch auf die Ferne per Videomeeting beraten zu lassen, habe stark zugenommen. Ähnliche Erfahrungen haben auch andere Unternehmen gemacht, etwa BMW, wo die Mitarbeiter nach Willen des Betriebsrats in Zukunft nur noch an drei Tagen je Woche ins Büro kommen sollen.

Mehr Strom und Heizung im Homeoffice

Solche Entscheidungen haben durchaus Auswirkungen auf die Umwelt. So fanden Forscher der Internationalen Energieagentur (IEA) im Juni dieses Jahres heraus, dass die Tatsache, dass Millionen Menschen rund um die Welt plötzlich von zu Hause aus arbeiten, einen direkten Einfluss auf den weltweiten Energieverbrauch hatte. Ihren Berechnungen zufolge könnten die jährlichen Emissionen um 24 Millionen Tonnen oder den gesamten Ausstoß der Metropolregion London sinken, würden die Menschen nur einen Tag in der Woche von zu Hause aus arbeiten.

Forscher Bertram relativiert allerdings: „All das ist kein Ersatz für eine Klimapolitik, die sicherstellt, dass in allen Sektoren der Wandel von fossilen hin zu nachhaltigen Energieformen gelingt.“ Zudem sei noch nicht gesagt, ob sich Homeoffice tatsächlich nur positiv in der Klimabilanz niederschlage. So wird angenommen, dass die Menschen zu Hause mehr Strom und Heizung nutzen als in Bürogebäuden und sich räumlich vergrößern, wenn sie mehr zu Hause sind.

Diesen Punkt brachten auch die IEA-Forscher in ihrer Analyse an. Doch der Trend scheint unaufhaltsam: Waren zuvor Ökostrom, energiearme Elektrogeräte und smarte Lichtkonzepte einige der Maßnahmen, die Unternehmen zur Reduzierung ihres Ressourcenverbrauchs ergriffen, hat Corona ganz neue Möglichkeiten aufgetan. Viele Arbeitgeber haben im Zuge der Krise beschlossen, sich räumlich zu verkleinern oder den Umzug in ein neues, größeres Gebäude abzublasen.

Wieder mehr Einwegplastik

In anderen Bereichen führt die Pandemie hingegen zu Rückschritten, von denen nicht klar ist, ob sie wieder verschwinden werden. „In den Büros geben wir an den Empfängen Masken aus“, sagt Nachhaltigkeits-Managerin Kux. „Wir haben uns für Einwegmasken entschieden, weil diese als die wirksamsten gelten, obwohl wir eigentlich möglichst viel Müll reduzieren wollten.“ Eine weitere Herausforderung: „Natürlich haben wir unsere Flächen immer schon gereinigt, aber noch nie so oft und so intensiv wie im Moment.“ Zum Schutz vor Viren werde jetzt auch wieder viel häufiger Besteck einzeln in Plastik verpackt gereicht. „Das ist unter Müllvermeidungsgesichtspunkten natürlich nicht ideal.“

In vielen Cafés werden derzeit aus Hygienegründen keine Mehrwegbecher akzeptiert, auch das war bislang ein Bereich, in dem einige Unternehmen versucht hatten, ihre Mitarbeiter zu mehr Nachhaltigkeit zu erziehen. Bei Capgemini versucht man immerhin mit Mehrwegschalen und virenabweisenden Aufklebern auf Türgriffen entgegenzusteuern und die Masken möglichst lokal einzukaufen.

Angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen rät Klimaforscher Bertram zu Erwartungsmanagement: „Es ist noch nicht klar, was die Summe der unterschiedlichen Effekte auf das Klima sein wird oder ob es nur zu einer Verschiebung von Emissionen kommt.“ Grundsätzlich begrüßt er das Engagement der Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit. Es sei wichtig, dass sich die Menschen damit auseinandersetzen, wie Klimaschutz gelingen kann. Die größere Herausforderung sei es aber, auch in der Produktion Nullemissionen zu erreichen: „Ein Stahlkonzern muss sich mit seinem Kerngeschäft beschäftigen, die Büroarbeit ist da noch der kleinste Beitrag.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
Twitter
Autorenporträt / Sadeler, Jessica
Jessica von Blazekovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot