Was sich durch Corona ändert

Stresstest für den Berufsalltag

Von Lina Kujak, Nadine Bös, Benjamin Fischer, Jessica von Blazekovic, Ulrich Friese
22.03.2020
, 10:56
Bestellungen aus den Apotheken wollen nicht abreißen, das merken die Mitarbeiter bei Pharma-Großhändlern.
In der Corona-Krise verändern sich viele Berufe radikal. Fünf Betroffene vom Hausarzt über einen Tour-Manager bis zur Journalistin berichten, wie ihr Alltag gerade kopfsteht.
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20 bis 30 Verdachtsfälle jeden Tag

Mitten unter den Neubauten des Frankfurter Stadtteils Riedberg bietet die Hausarztpraxis von Reiner Goltermann ein ungewohntes Bild. In den ansonsten stets gefüllten Behandlungsräumen herrscht Leere. Stattdessen erhalten die Patienten nur nach Termin und vorzugsweise einzeln Zutritt. Die wenigen spontanen Besucher werden direkt beim Eingang von der Dame in Schutzkleidung nach den klassischen Symptomen für einen Corona-Verdacht befragt. „Haben Sie hohes Fieber, schnellen Puls oder Schwierigkeiten mit der Atmung?“ „Gegenwärtig haben wir zwischen 20 und 30 Verdachtsfälle am Tag“, berichtet Goltermann. Die Zahl dürfte mit der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland rasch steigen. Um den steigenden Zustrom an Anfragen in den Griff zu bekommen, schaltete der erfahrene Facharzt für Allgemeinmedizin frühzeitig auf die telefonische Beratung seiner Patienten und auf Video-Sprechstunden um, die er auf seiner Website anbietet. Anfangs sei die Resonanz zögerlich gewesen, sagt er. Doch inzwischen sind die Dialoge per Video und Telefon probate Mittel, um Ängste von Patienten zu zerstreuen oder frühzeitig Verdachtsfälle abzuklären. Meldungen von Kollegen, wonach viele verängstigte Patienten gegenüber dem medizinischen Personal aggressiv auftreten, kann Goltermann bislang nicht bestätigen: „Die meisten reagieren besonnen und sind in der Regel gut informiert“, sagt er.

Was den Stress Goltermanns, der mit seinen Helfern und Kollegen wechselweise von zu Hause aus und in seiner Praxis arbeitet, dennoch erhöht: „Unsere personellen Ressourcen werden knapp, und die nötige Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel sind Mangelware.“ Damit steht Goltermann nicht allein. Ebenso wie der hessische Facharzt fühlen sich auch viele Kollegen in Deutschland von den zuständigen Behörden unzureichend unterstützt. Nach einer Umfrage des Ärzte-Netzwerks Coliquio unter mehr als 1000 Medizinern aus Kliniken und Praxen sorgt die unzureichende Ausstattung für größte Probleme: Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass es an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln fehle. Bei weiteren 30 Prozent geht der Vorrat zur Neige. Weil die Arztpraxen mit Corona-Tests schon jetzt überfordert sind, richtete die Kassenärztliche Vereinigung über das Bundesland zunächst zehn Testcenter ein, in denen Patienten mit einem ernsthaften Verdacht auf Corona empfangen werden. Doch auch bei diesem Vorhaben traten große Engpässe bei den Corona-Testkits für Nasen- und Rachenabstriche auf. Die Vereinigung wandte sich in ihrer Notlage an die Fachärzte in der Region, um diesen Engpass zu überbrücken. Doch auch bei dieser Anfrage musste Goltermann passen, weil seine eigenen Vorräte immer knapper werden.

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Ulrich Friese

16 Stunden am Tag

„Eine Flut von Fragen“, nennt Kaschlin Butt die unzähligen Anrufe, die Sie seit kurzem täglich bekommt. Butt ist Leiterin des Gesundheitsamts Wiesbaden. Sie und ihre Mitarbeiter sind seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie eine der ersten Anlaufstellen für die Sorgen und Ängste der Bevölkerung. Inzwischen bestehen ihre Hauptaufgaben darin, Bürgerinnen und Bürger über eine Info-Hotline zu beraten und den bekannten Infektionsfällen nachzugehen. Das heißt: Es werden, wenn möglich, alle Kontaktpersonen ausfindig gemacht, um sie in Quarantäne zu schicken oder testen zu lassen. So etwas geschehe sonst nur in Ausnahmesituationen, etwa bei den selten auftretenden Fällen von offener Tuberkulose, sagt Butt. Um die 16 Stunden arbeitet sie derzeit täglich, mehrere sieben Tage lange Arbeitswochen hat sie schon hinter sich. Eine Urlaubssperre gilt sowieso. Wenn Aufgaben abgegeben werden können, übernehmen die inzwischen andere Ämter. Angst, sich anzustecken, hat Butt aber nicht, das meiste laufe ja übers Telefon. Aber die Belastung ist hoch, die Arbeit mitunter frustrierend: „Manchmal muss man Maßnahmen umsetzen, obwohl sie gar nicht mehr so wirksam sind“, sagt sie. Hatte man am Anfang des Ausbruchs noch gehofft, das Virus in Deutschland ganz aufhalten zu können, gehe es jetzt darum, die Ausbreitung zu verlangsamen. Deswegen sei es aber weiterhin wichtig, den bekannten Infektionsfällen nachzugehen.

Lina Kujak

Vom Schreibtisch ins Lager

Eigentlich hat Helena Kuhn einen Bürojob, wie er im Buche steht: Die staatlich geprüfte Betriebswirtin ist Assistentin der Niederlassungsleitung Mannheim des Pharma-Großhändlers Phoenix Pharma. Normalerweise sitzt sie den lieben langen Tag am Computer über administrativen Tätigkeiten, arbeitet Budgetplanungen aus oder beschäftigt sich mit Statistiken. „Im Moment ist aber alles anders“, sagt die 42-Jährige. „Im Moment bin ich ständig auf den Beinen und laufe sehr viel.“ Wie viele weitere „Damen aus der Verwaltung“ packt Kuhn neuerdings im Lager mit an: „Ware annehmen, einräumen, kommissionieren – ich mach alles irgendwie mit“, berichtet sie. Denn egal ob Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel oder Vitaminpräparate, die Bestellungen aus den Apotheken wollen zurzeit nicht abreißen. „Wer normalerweise drei Pakete Einmalhandschuhe bestellt, bestellt jetzt zehn“, berichtet sie. „Insgesamt gibt es etwa um ein Viertel mehr Aufträge als vor der Corona-Krise.“ Kuhn macht gerade ein bis zwei Überstunden täglich, obwohl ihr Arbeitgeber zusätzlich alle Azubis ins Lager beordert hat und alle Teilzeitkräfte fragt, ob nicht vielleicht eine Aufstockung drin ist. Stress bereitet ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen die Tatsache, dass auch viele der üblichen Tätigkeiten parallel weitergeführt werden müssen. „Zwischen 11 und 15 Uhr bin ich im Lager, im Rest der Zeit mache ich das Nötigste dessen, was ich normalerweise arbeite“, sagt Kuhn. Für einige Langfristprojekte ließen sich die Deadlines verschieben, manche Statistik oder Auswertung muss derzeit einfach warten. „Wir wollen diese Krise gemeinsam meistern und sind guter Dinge, dass das klappt.“

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Nadine Bös

Vor dem finanziellen Kollaps

Eigentlich würde Patric Hartung gerade mit einer kanadischen Metal-Band und dem übrigen Tour-Tross durch Frankreich ziehen. Doch statt als Tour-Manager den Musikern Beine zu machen, damit der Zeitplan eingehalten wird, oder mit dem Konzert-Veranstalter den Papierkram zu erledigen, sitzt Hartung nun zu Hause. „Nach der Macron-Rede am 13. März musste ich alle Konzerte absagen, einen Tag vor Tour-Start“, berichtet er. Die Bandmitglieder weilen mittlerweile wieder in Kanada und gehen ihren regulären Jobs als Lehrer oder in der verarbeitenden Industrie nach. Die Kosten für Fanartikel, angemietete Bühnentechnik oder die Vans für das gesamte Team müssen sie irgendwie begleichen. Da gehe es um deutlich mehr als 10.000 Euro, sagt Hartung. Für ihn selbst bedeutet die Absage einen Verdienstausfall im vierstelligen Bereich. Wann die Flaute endet, weiß keiner. Wegen des Coronavirus steht das Tour-Leben erst einmal still. Ein Desaster für alle, die von Konzerten leben, sagt Hartung.

Benjamin Fischer

Enorme Doppelbelastung

Das Schlimmste seien die Falschmeldungen. Seit sich Italien wegen der Ausbreitung des Coronavirus im Ausnahmezustand befindet, wird Annette Reuther „mit Horrornachrichten und Fake News bombardiert“. In mühseliger Kleinstarbeit muss sie nun Wahrheit von Märchen trennen, rund um die Uhr – und das im Homeoffice, mit zwei kleinen Kindern, die um ihre Tastatur herumhüpfen. Die 42 Jahre alte Deutsche arbeitet seit sechs Jahren als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur in Rom. Die Nachricht, dass der italienische Ministerpräsident Conte die gesamte Nation abriegelt, erreichte sie und ihre Kollegen um 2 Uhr nachts. Um halb sechs Uhr morgens übernahm Reuther den Dienst von ihrer Kollegin und versorgte Deutschland mit weiteren Informationen über eine Situation von der sie selbst „nie damit gerechnet“ habe, dass sie einmal eintritt.

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Seitdem habe das Arbeitspensum enorm zugenommen und sei die Arbeit wegen der Ausgangssperre noch dazu schwieriger geworden. „Ich empfinde eine enorme Doppelbelastung: Der psychische Druck, sich selbst und seine Familie vor dem Virus zu schützen. Und 24 Stunden am Tag für die Arbeit mit meinen Kollegen in Bereitschaft zu sein“, sagt Reuther. Auch sie verlässt das Haus nur in absoluten Ausnahmefällen und kann deshalb auch viele Meldungen nicht mit eigenen Augen überprüfen: „Man weiß wirklich nicht mehr, was man glauben soll.“ Am liebsten würde sie mehr positive Nachrichten verbreiten. So wie die Geschichte über die spontanen Balkon-Konzerte, mit denen sich die Italiener Mut und Hoffnung in der Krise machen. „Das fand ich schön und habe ich gerne aufgeschrieben.“

Jessica von Blazekovic

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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Jessica von Blazekovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
Ulrich Friese - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ulrich Friese
Redakteur in der Wirtschaft.
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