Serie „Ich mach mein Ding“

Ein Chirurg und Gentleman

Von Ulrich Friese
21.08.2015
, 06:00
Beruf und Berufung: Hisham Fansa ist Schönheitschirurg.
Pfuschereien, schlechte Qualifikation, Habgier: Gegen Schönheitschirurgen gibt es jede Menge Vorurteile. Kein Wunder, dass kaum einer über seinen Beruf reden mag. Hisham Fansa ist da anders und hat uns erzählt, warum dieser Job genau sein Ding ist.
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In der Münchner Innenstadt ist die Maximilianstraße eine feine Adresse. Am Ende der langen Flaniermeile und in diskretem Abstand zu den protzigen Auslagen der umliegenden Modehäuser ist in einem verwinkelten Bürogebäude die Arztpraxis des Spezialisten Hisham Fansa zu finden. Das Ambiente der nüchtern, aber stilvoll gestalteten Arbeitsräume scheint zur erlesenen Besucherschar, die der Fachmann für plastische und ästhetische Chirurgie empfängt, zu passen. In erster Linie weibliche Klienten, die sich aus persönlichen oder medizinischen Gründen ihre Brüste oder sonstige Körperteile korrigieren lassen. Aber auch immer mehr Männer, die aus karrieretechnischen Gründen Wert auf ein geschmeidiges Outfit legen - wenig Bauchfett, faltenfreie Haut und entspannte Gesichtszüge.

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Wer vermutet, dass Fansa in seiner edlen Praxis nur die Größen aus Wirtschaft und Unterhaltung, russische Milliardäre sowie die erste Garde der Münchner Schickeria empfängt, irrt allerdings gewaltig. „Tatsächlich gibt es hier gut betuchte Patienten, die sich für ein Leben in der feinen Gesellschaft schön machen lassen“, sagt der Beauty-Mediziner mit einem ironischen Unterton. „Aber das ist die Ausnahme und nicht die Regel.“ Stars aus der Welt des Glamours, die den schönen Schein pflegen, sowie das Klischee, mit wenigen Handgriffen das schnelle Geld zu machen, haben der Zunft der Schönheitschirurgen einen windigen Ruf verschafft. Doch Fansa, der unter Kollegen hohen fachlichen Respekt genießt und sich über die Branche hinaus als Spezialist für die Behandlung von Unfallopfern einen guten Namen erarbeitet hat, ist angetreten, um das zu ändern.

Erst nach medizinischer Ochsentour kam Fansa zu seinem heutigen Job.
Erst nach medizinischer Ochsentour kam Fansa zu seinem heutigen Job. Bild: Andreas Müller

„Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, wo Plastic Surgery in der klassischen Medizin etabliert und in der breiten Öffentlichkeit anerkannt ist, kämpft unser Berufsstand hierzulande noch mit vielen Vorurteilen“, klagt Fansa. Die Scheu vor Stigmatisierung ist entsprechend groß. Ebenso wie der Gang zum Psychotherapeuten werde der Besuch beim Schönheitschirurgen von Betroffenen oder deren Umfeld als Indiz für persönliches Versagen gewertet. Aus Scham oder Angst vor Ausgrenzung sind medizinische Eingriffe hier ein Tabuthema.

Zweifelhafter Status der Zunft

Der verkrampfte Umgang und der zweifelhafte Status der Zunft ändern allerdings nichts daran, dass das Geschäft mit künstlicher Schönheit in Deutschland floriert und der Markt hart umkämpft ist. Nach Schätzungen der Vereinigung der Plastischen Chirurgen, die in Berlin residiert und unter dem sperrigen Kürzel DGPRÄC firmiert, beläuft sich der Umsatz mit ästhetischer Medizin in Deutschland auf rund 5 Milliarden Euro im Jahr, wovon 800 Millionen Euro auf jene plastischen Operationen entfallen, die weniger medizinisch, sondern eher persönlich motiviert sind. Der Zuspruch lässt sich mit der demographischen Entwicklung begründen. Lag der Altersdurchschnitt der Patienten 2010 noch bei 38 Jahren und sechs Monaten, liegt der aktuelle Wert bei 40 Jahren und neun Monaten. Tendenz steigend. Dabei ist der Anteil der Akademiker im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mit 35 Prozent relativ hoch.

Aktuelle Zahlen oder mehr Details zur Branche sind deshalb kaum verfügbar, weil die Berufsbezeichnung des Schönheitschirurgen gesetzlich nicht geschützt ist. Nicht von ungefähr gibt es neben den etwa 800 ausgebildeten plastischen Chirurgen, die im Berliner Verband organisiert sind, nach seriösen Schätzungen bis zu zehnmal so viele Ärzte oder nichtärztliche Berufe wie Heilpraktiker, die in diesem Terrain der Medizin „wildern“. Da der Markt kaum reguliert ist, kommt es vor, dass Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten auch Brustoperationen übernehmen, Chirurgen für Mund und Kiefer sich um Bauchstraffungen kümmern oder Dermatologen Korrekturen von Schlupflidern anbieten. Schließlich winken nach solchen Eingriffen hohe Zusatzeinnahmen: Während das Absaugen von Bauch- oder Hüftfett schon für Beträge zwischen 1500 Euro und 5000 Euro zu haben ist, sind für ein anspruchsvolles Facelifting bis zu 13 000 Euro fällig.

Es gibt viele Gründe, sich verschönern zu lassen, sagt Hisham Fansa.
Es gibt viele Gründe, sich verschönern zu lassen, sagt Hisham Fansa. Bild: Andreas Müller

Der Berufsverband der plastischen Chirurgen will solchen Wildwuchs jedoch mit höheren Standards für die Weiterbildung eindämmen: „Die Berufsausübung von Ärzten ohne die entsprechende Zusatzqualifikation bereitet uns große Sorge“, heißt es in Berlin. Auch Fansa hält die Entwicklung für höchst bedenklich. Dass in Metropolen wie Berlin oder Hamburg vorübergehend dubiose Wanderärzte auf die Schnelle ihre günstigen „Botox to go“-Behandlungen anboten, habe seinen Beruf, den er als Berufung versteht, in ein schiefes Licht gerückt.

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Als Schüler wollte er Schauspieler werden

Zweifel an seiner eigenen Qualifikation lassen sich schnell ausräumen. Der 45 Jahre alte Facharzt hat die typische Ochsentour in der Medizin hinter sich. Bildung war im Hause Fansa Pflicht, berichtet der unkonventionell, locker und humorvoll auftretende Vater einer kleinen Tochter, der mit seiner Partnerin in München lebt. Dabei wurde der in Hannover geborene Sohn syrischer Immigranten vom bildungsbürgerlichen Ideal seiner Eltern geprägt: „In der arabischen Welt genießen Ärzte ebenso wie bei uns hohes gesellschaftliches Ansehen“, erklärt er.

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Phasenweise war er diesem Ziel entrückt. Denn als Schüler wollte Fansa Schauspieler werden. Er stellte sein Talent in der Theaterspielgruppe seines Heimatgymnasiums unter Beweis, das er mit großem Latinum und Graecum beendete. Das sprachliche Rüstzeug für ein Medizinstudium hatte er damit in der Tasche, und der Wunsch, eine Schauspielschule zu besuchen, trat in den Hintergrund. Sein Faible für Dramaturgie, Mimik oder Körpersprache, das einen guten Schauspieler befeuert, hat er sich als Fachmann für das äußere Erscheinungsbild in gewissem Sinne bewahrt - auch wenn sich seine Leidenschaft für plastische Chirurgie erst mit der Zeit entwickelte. Mit seinem Medizinstudium in Hannover und an den Universitäten von London und Ontario hatte er zunächst die Spezialisierung auf Neurochirurgie fest im Blick. „Erst während des Praktischen Jahres stellte sich für mich heraus, wie viel ich mit plastischer Chirurgie für Patienten bewegen kann und welche Zufriedenheit für mich entsteht, wenn ich jemanden von einem seelisch quälenden Makel befreit habe“, beschreibt er den Wandel.

Nach der Promotion in Hannover stieg Fansa am Uniklinikum in Magdeburg zum Professor auf. Seine Fähigkeiten als plastischer Chirurg ergänzte er mit einer Ausbildung zum Handchirurgen. Die praktischen Erfahrungen mit Patienten sammelte er dann als Chefarzt des Klinikums in Bielefeld, wobei er neben diesem Hauptberuf ein MBA-Studium in Health Care Management abschloss.

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Ethischen Grundsätzen verpflichtet

Als freischaffender Facharzt in München hat Fansa vor allem mit weiblichen Patienten zu tun. Frauen erreichen mit insgesamt 650.000 medizinischen Eingriffen, die im Jahr 2013 hierzulande gezählt wurden, auch im internationalen Maßstab einen Spitzenwert. Sie werden nur von Damen in den Vereinigten Staaten, Brasilien und Mexiko übertroffen. Seit wenigen Jahren gewinnt der Anteil von männlichen Kunden, die auf operativ erzeugte Schönheit vertrauen, allerdings nennenswerte Bedeutung. Dabei werfen nicht nur Fußballtrainer wie Jürgen Klopp, der sich öffentlich zu seiner Haartransplantation bekannte, sondern auch Manager und Politiker einen kritischen Blick in den Spiegel. Nicht von ungefähr liegt bei den männlichen Patienten der Anteil der Akademiker bei rund 40 Prozent. Ein Drittel ist verheiratet.

Unter den weiblichen Kunden lassen sich im Wesentlichen zwei Gruppen unterscheiden: Die einen wollen fitter und jünger aussehen, um attraktiv für ihre Umgebung oder einen neuen Partner zu werden. Die anderen treibt der seelische Leidensdruck zur Behandlung. Das kann die Korrektur der Brüste aufgrund persönlicher Motive oder nach einer Krebsdiagnose betreffen. Hinzu kommt die professionelle Behandlung von Unfallopfern, die etwa durch Brandwunden entstellt sind. Die Fülle an Befindlichkeiten setzt viel Einfühlungsvermögen voraus: „Wer einen Patienten von einem vermeintlichen Makel befreit, obwohl dieser durch ein psychisches Problem erzeugt wird, fügt sich selbst den größten Schaden zu“, ist Fansa überzeugt. Er verweist dabei auf ethische Grundsätze, denen er sich verpflichtet fühlt. Auch eine Behandlung von minderjährigen Patienten, die dem natürlichen Wachstum auf künstlichem Wege vorgreifen wollen, schließt sich für ihn aus.

Manche Eingriffe, zu denen sich der erfahrene Profi nach sorgfältiger Prüfung entschließt, wachsen sich dagegen zur Schwerstarbeit aus. So erinnert sich Fansa an die Behandlung einer 70 Jahre alten Patientin, die sich über sechs Stunden unter Vollnarkose kiloweise Fett absaugen, überflüssiges Gewebe entfernen und dann den ganzen Körper straffen ließ. Bei der rüstigen Dame ging es um die Umsetzung eines Lebensgefühls: „Sie wollte endlich so aussehen, wie sie sich fühlt“, sagt Fansa. Er konnte ihr helfen.

Lesen Sie in der nächsten Woche: Wie eine Konstrukteurin den Wandel zur Ladenbesitzerin schafft.

Quelle: F.A.Z.
Ulrich Friese - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ulrich Friese
Redakteur in der Wirtschaft.
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