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Vor dem Ausstieg

Von BENJAMIN FISCHER, Fotos von MARINA PEPAJ, Essen-Kupferdreh / Großkrotzenburg
Foto: Marina Pepaj

13.11.2019 · Deutschland will keine Kern- und Kohlekraft mehr, deshalb haben Karrieren hier eine kurze Halbwertszeit. Wer macht das noch und warum? Ein Besuch im Kraftwerk.

W er über die Internetseiten des Bundeswirtschaftsministeriums surft, der wundert sich über die Berufswahl des 23 Jahre alten Maximilian Horst: „Weg von nuklearen und fossilen Brennstoffen, hin zu regenerativen Energien“ – so lautet das Motto, das unübersehbar auf der Website prangt. Das Thema nukleare Brennstoffe hat sich sogar schon bald erledigt, wenn man mal vom Verbleib der radioaktiven Abfälle absieht; Ende 2022 geht das letzte Atomkraftwerk vom Netz. „Spätestens“ 2038 soll auch Schluss sein mit der Kohleverstromung. Insgesamt müsste Deutschland dann also ohne Kapazitäten auskommen, die 2018 für mehr als 45 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung sorgten.

Auskommen müssten auch Maximilian Horst und seine Kollegen ohne ihre heutigen Berufe. Horst hat am Uniper-Kraftwerk Staudinger zunächst Elektriker gelernt und wurde dann zum Kraftwerker ausgebildet; eine Tätigkeit mit Verfallsdatum, die unschöne Erinnerungen an traurige letzte Fahrten von Kohlekumpels in ihre Stollen weckt. Lange sind diese Geschichten in Deutschland noch nicht her. Droht jetzt ein zweites Kapitel in den Kraftwerken?

Heute werden nur noch zwei der fünf Blöcke genutzt. Abgerissen wurde in Großkrotzenburg bislang aber kaum etwas. Foto: Marina Pepaj

Maximilian Horst mag Hoffnung in die Tatsache setzen, dass das Vorhaben „Kohleausstieg“ zeitlich ambitioniert anmutet. An der Marschroute ändert das aber nichts. Schlechte Aussichten für ihn und seine Mitstreiter, die Tag und Nacht die Kolosse steuern. Noch werden die Kraftwerker gebraucht – Wind und Sonne sind schließlich nicht immer überall verfügbar und Stromspeicher ohnehin Mangelware. Horst jedenfalls blendet Fragen nach dem nahenden Ende der Kohlekraft möglichst aus. Letztlich habe man auf die Entwicklung ja ohnehin keinen Einfluss, sagt er.


„In den Beruf des Kraftwerkers muss man reinwachsen.“
MAXIMILIAN HORST

W er wie Horst im Leitstand eines Kraftwerks arbeiten möchte, braucht verpflichtend eine Ausbildung in einem Metall-, Chemie- oder Elektroberuf. Danach folgen einige Seminare, bis es in den 16 Wochen langen Lehrgang für Kraftwerker geht. Erst danach kann man „auf die Schicht“. „In den Beruf des Kraftwerkers muss man reinwachsen“, sagt Horst. Sein Vorgesetzter, Produktionsleiter Christoph Kreis, drückt es so aus: „Bis ein neuer Kraftwerker entsprechend qualifiziert ist, kann es schon mal drei Jahre dauern“; die Materie sei komplex. Kraftwerker steuern nicht nur aus der Warte die Blöcke, überprüfen unzählige Messwerte und bearbeiten Störungen. Während einer Achtstunden-Schicht stehen auch Rundgänge an. Wenn es etwa an einer Kohlemühle hakt, muss zunächst ein Kraftwerker hin, um die Lage zu bewerten und eventuell gleich zu reparieren. Dazu kommt die zeitaufwendige Wartung etwa der Turbinen. Ab 17 Uhr und an Wochenenden ist das Kraftwerk Staudinger allein in der Hand der sechs Leute in der Warte. „Die Zusammenarbeit in einem Schichtteam muss passen“, sagt Kreis. Auch deshalb bekommen Neue zunächst nur befristete Verträge. Die Devise: erst schauen, ob die Chemie stimmt. Reibereien wären Gift für den Betrieb.

Maximilian Horst (links) und Marcus Langer, der Leiter der Instandhaltung Foto: Marina Pepaj
Die Kohlemühlen von Block 5: Über ein langes Netz von Förderbändern gelangt die Steinkohle vom Lager bis zu ihrem Einsatzort. Foto: Marina Pepaj

Hessens größtes Kraftwerk befindet sich auf einem eher unübersichtlichen, 70 Hektar großen Gelände mit Blöcken, Kühltürmen, Kohlebändern und Betriebsgebäuden. Gut zwei Millionen Menschen versorgen die zwei verbliebenen Blöcke laut Uniper mit Strom. Dazu kommt Fernwärme für 19 000 Haushalte rund um die Anlage in Großkrotzenburg bei Hanau. Der schleichende Abschied von den konventionellen Kraftwerken hat sich auch hier schon bemerkbar gemacht. Von den ehemals fünf Blöcken werden bloß noch zwei genutzt. Wobei der mit Erdgas befeuerte Block 4 nur noch ab und zu vom Netzbetreiber Tennet zur Stabilisierung des Stromnetzes eingesetzt wird. Lediglich der Steinkohleblock 5 läuft regelmäßig. Abgerissen wurde von den stillgelegten Anlagen aber noch nichts, so dass es den verbliebenen 107 Mitarbeitern und 23 Azubis mitunter vorkommen muss, als arbeiteten sie in einem Industriedenkmal. In den neunziger Jahren waren hier immerhin mal 600 Menschen tätig. Wie viele Kraftwerker es derzeit in Deutschland noch gibt, ist schwierig zu sagen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gibt nur die Gesamtzahl der in der Energieversorgung tätigen Arbeitnehmer an. Der Bedeutungsverlust von Anlagen wie Staudinger lässt sich aber am Blick zurück erkennen: Als noch alle Blöcke in Betrieb waren, gab es hier mehrere Warten, heute arbeiten die Kraftwerker aus einer einzigen heraus.

„Die Marktlage für konventionelle Kraftwerke ist gerade im Sommer schwierig“ sagt Produktionsleiter Kreis. Aktuell geht man in Großkrotzenburg davon aus, bis 2034 oder 2035 Strom zu produzieren – mit einem konkreten Enddatum zu planen ist kaum möglich. „Es ist schon frustrierend, wenn ein Block mal wochenlang nicht zum Einsatz kommt“, sagt Kreis. „Die Mitarbeiter sind ja hier, um den Anlagenbetrieb sicherzustellen.“ Im Gegensatz zu anderen Standorten, wo Beschäftigte sich schon nach neuen Stellen umschauten, sei die Lage hier aber noch ruhig – auch weil Staudinger als netzrelevant gilt. „Die Fluktuation bei uns am Standort ist sehr gering“, sagt Kreis. Neue Leute für die Arbeit in der Warte zu begeistern ist allerdings nicht gerade leicht.

E Es gibt aber durchaus noch etliche junge Menschen, die sich zu Kraftwerkern ausbilden lassen. Sie landen fast unweigerlich zunächst im unscheinbaren Essener Stadtteil Kupferdreh. Dort ist die einzige deutsche Kraftwerksschule. Organisiert als Verein wird sie von Kraftwerksbetreibern, Stadtwerken und diversen Unternehmen getragen und dient ihnen als zentrales Ausbildungszentrum. „Es dürften in jedem Kraftwerk in Deutschland Menschen arbeiten, die hier gelernt haben“, sagt Ernst Michael Züfle, einst verantwortlich für die Nuklearsparte des schwedischen Energieversorgers Vattenfall und heute Leiter der 1957 gegründeten Schule. Auch Maximilian Horst hat hier seinen Lehrgang vor der Prüfung zum Kraftwerker durchlaufen. Die Kraftwerksabschaltungen spüre man kaum, sagt Züfle. Lediglich der Simulator für Atomkraftwerke wird kaum mehr gebraucht. Ansonsten ist weiter viel Betrieb: Die Schule hat seit einer Weile ihr Angebot mit Blick auf die erneuerbaren Energien ausgebaut. Und in vielen konventionellen Kraftwerken sei die Belegschaft überaltert, da brauche es neue Kräfte, ganz gleich ob das Kraftwerk nun noch 10 oder 15 Jahre betrieben werde.

Produktionsleiter Christoph Kreis (rechts) arbeitet seit 18 Jahren im Kraftwerk Staudinger. Foto: Marina Pepaj
Bis ein Kraftwerker den Überblick hat, dauert eine Weile. Nicht nur im Kesselhaus von Block 5 gibt es viele Wege und Aufgaben. Foto: Marina Pepaj

Aus diesem Grund wird auch Maximilian Horst in gut zwei Jahren wieder eine Zeit im Schulwohnheim in Essen-Kupferdreh verbringen. Er soll zum Kraftwerksmeister ausgebildet werden, sodass er auch Führungsaufgaben übernehmen kann. Das ist teuer für Uniper: Der 11 Monate lange Kurs kostet 30.000 Euro. Dazu kommt das Gehalt, das Horst weiter bezieht. „Bedenkt man die große Verantwortung eines Kraftwerksmeisters für den sicheren und zuverlässigen Betrieb der Anlage, ist das klug investiertes Geld“, sagt Züfle. Neben Übungen in täuschend echten Simulatoren, wo die Arbeit in der Warte trainiert wird, und Kursen in Elektrik und Mechanik haben die Schüler auch klassischen Frontalunterricht.


„Der Strommarkt ist mittlerweile für uns völlig unübersichtlich.“
STEFAN EHLERS, KRAFTWERKSMEISTER

S o wie in an diesem sonnigen Dienstag. Für eine Gruppe angehender Meister steht „Kraftwerkschemie“ auf dem Stundenplan. Dozentin Judith Pauli vorn an der Tafel ist die einzige Frau im Raum. Das Thema heute: Kondensatreinigung. Dass die Männer vor ihr in völlig unterschiedlichen Kraftwerksarten arbeiten, ist zweitrangig. Ganz gleich ob riesiges Braunkohle- oder kleines Biomasse-Kraftwerk, die Wasseraufbereitung laufe bei allen ähnlich ab, sagt Pauli. Für die Klasse steht in diesem November die Prüfung an, ein Teilnehmer musste sich sogar in einem Assessment-Center durchsetzen, um in den Meisterkurs geschickt zu werden. Die Investition in die Mitarbeiter soll sich tunlichst lohnen, gerade in der heutigen Lage. Schlechte Laune herrscht im Klassenraum allerdings nicht. Die Atmosphäre ist locker, man duzt sich. An der Tür hängt ein Strafenkatalog – für Klugscheißen ist ein Euro fällig, ab fünf Minuten Verspätung kommen zwei Euro in die Klassenkasse. Auf die Frage, was sie an der Arbeit reize, nennen viele die enorme Verantwortung und die Vielseitigkeit – kein Tag sei wie der andere. Auch finanziell ist die Arbeit in der Warte reizvoll. So verweist Uniper auf eine Auswertung des Stellen- und Gehaltsportals Stepstone, derzufolge ein Kraftwerksmeister im Schichtdienst je Jahr rund 70.000 Euro brutto verdienen kann. Kraftwerker kommen demnach auf gut 53.000 Euro.

Der Blick des jeweiligen Schichtleiters: Nur Kraftwerksmeister dürfen diese Aufgabe übernehmen. Foto: Marina Pepaj

Lehrerin Pauli kann der schwindenden Bedeutung der konventionellen Kraftwerke sogar etwas Positives für ihre Schüler abgewinnen: „Je weniger ein Kraftwerk am Netz ist, desto besser muss das Personal sein, wenn es angefahren wird.“ Stefan Ehlers sieht das ähnlich: „Anspruchsvoll ist das Regeln eines Blocks. Den Block bei gleicher Leistung zu fahren ist dagegen relativ entspannt.“ Bloß, das kommt kaum mehr vor. Ehlers ist seit 2002 Kraftwerksmeister, noch vor drei Jahren sei Block 5 des Staudinger Kraftwerks fast dauerhaft in Betrieb gewesen, erzählt er. Heute sei das von Tag zu Tag unterschiedlich. „Der Strommarkt ist mittlerweile für uns völlig unübersichtlich.“ Die erneuerbaren Energien haben Vorrang bei der Einspeisung ins Netz, das ist klar geregelt, doch wann Staudinger gebraucht werde, sei schwer zu sagen. Ruft Netzbetreiber Tennet an und verlangt den Einsatz des gasbefeuerten Blocks 4, muss dieser innerhalb von 17 Stunden am Netz sein. Zwei Blöcke zu steuern könne mit der Sechsmannbesetzung je Schicht durchaus stressig sein, berichtet Ehlers.

Was aber wird aus ihm und seinen Kollegen, wenn der Abschied von den konventionellen Kraftwerken in Deutschland einmal vollzogen ist? Ehlers ist 45 Jahre alt, ob er sich noch nach einer neuen Stelle umschauen muss, ist nicht klar, aber keinesfalls ausgeschlossen. Maximilian Horst jedenfalls wird dieses Schicksal mit großer Wahrscheinlichkeit treffen; bei einem Rentenalter von 65 Jahren lägen jetzt noch 42 Berufsjahre vor ihm. Naheliegend wäre in Zukunft wohl eine Betätigung im Bereich der erneuerbaren Energien. Für die Wasserkraftwerke des Uniper-Konzerns werde etwa gerade dringend nach Leuten gesucht, sagt Produktionsleiter Christoph Kreis. Und auch Gaskraftwerke wird es wohl noch länger geben müssen als die Kohle-Meiler. Irgendein Stromproduzent muss ja einspringen, wenn nicht genügend Strom aus Wind-, Wasser- oder Sonnenenergie verfügbar ist

Wahrscheinlich ist es in jedem Fall, dass Horst irgendwann auf den Logenplatz an Silvester verzichten müssen wird. Noch aber bietet das gut 100 Meter hohe Kesselhaus eine exzellente Aussicht aufs Feuerwerk in der Umgebung – falls keine Störung dazwischen funkt.

Vom Kesselhaus hat man eine exzellente Aussicht. Das Silvesterfeuerwerk in der Umgebung macht von hier aus besonders viel her. Foto: Marina Pepaj
Quelle: F.A.Z.

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