Erreichbar im Urlaub

Wir Unabkömmlichen

Von Josefine Janert
25.08.2016
, 06:38
Immer online? Viele Urlauber verbinden sich freiwillig auch außerhalb der Arbeitszeit mit ihrem Unternehmen.
Zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland sind im Urlaub für ihre Kollegen oder Kunden erreichbar. Wo bleibt dann Zeit für die Erholung?

Nicht einmal in seinem Ferienhaus am Mittelmeer hat der Arzt Ruhe vor seinen Patienten. Ob er bitte zum Hausbesuch kommen könnte, am besten gleich heute Nachmittag? Dass seine Praxis zwei Wochen lang geschlossen bleibt, hatte er angekündigt, auf seiner Website und per Aushang im Wartezimmer. Der Anrufbeantworter der Praxis verweist auf einen Arzt in der Nähe und den Kassenärztlichen Notdienst. Trotzdem drangsalieren den Mediziner gleich mehrere Patienten mit ihren Anrufen. Die Frage ist: Warum hat er ihnen überhaupt seine Mobilnummer überlassen?

Reizthema Urlaub: Zwar freuen sich die meisten Menschen darauf, doch bieten die Ferien auch Stoff für Konflikte. Muss ich am Strand dienstliche Nachrichten lesen und auf dienstliche Anrufe reagieren? Falls ja: Wie erkläre ich das meiner Familie? Was erzähle ich Kollegen, Geschäftspartnern und Kunden über meine Reise, wenn sie mich danach fragen? Dass jemand drei Wochen wegfährt und sich womöglich noch eine Luxus-Kreuzfahrt gönnt, kann Neid wecken. Dem einen fehlt das Geld für so etwas, die andere hält sich an das ungeschriebene Gesetz ihres Unternehmens, das für alle außer für die Geschäftsführung maximal zehn Urlaubstage am Stück vorsieht. Dabei steht allen Beschäftigten per Gesetz ein Urlaub von zwölf zusammenhängenden Werktagen zu. Da auch der Sonnabend als Werktag gezählt wird, entspricht das insgesamt zwei Wochen Auszeit.

„Der Urlaub muss grundsätzlich zur Erholung gewährt werden“, sagt Tjark Menssen vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Quer durch alle Berufe und Branchen verzeichnen wir aber einen zunehmenden Druck auf die Beschäftigten, dass diese für dienstliche Belange auch im Urlaub erreichbar sein müssen.“ Diese Forderung sei aber nur in einem Ausnahmefall zulässig, und zwar dann, wenn der Bestand des Unternehmens gefährdet sei. Der Jurist empfiehlt daher, das Diensthandy möglichst zu Hause zu lassen. Wenn der Chef auf Erreichbarkeit im Urlaub bestehe, solle man sich an seine Gewerkschaft, seinen Betriebsrat oder einen Arbeitsrechtler wenden.

Die meisten sind freiwillig erreichbar

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) zeichnet mit einer repräsentativen Umfrage ein differenziertes Bild. Es spiegelt nicht nur die Digitalwirtschaft wider, welche Bitkom vertritt, sondern zeigt einen Querschnitt der Beschäftigten in Deutschland. Demnach sind 67 Prozent der Befragten im Urlaub für Kollegen, Vorgesetzte und Kunden erreichbar, und zwar zumeist freiwillig.

Bild: F.A.Z.

Bisweilen geschieht das sogar im Widerspruch zu entsprechenden Regelungen in den jeweiligen Unternehmen, die sicherstellen sollen, dass die Mitarbeiter im Urlaub ausspannen und so Kraft für den Berufsalltag schöpfen. Am häufigsten nehmen die Befragten nach eigener Auskunft Anrufe entgegen, dann folgen Kurznachrichten und Mails. Nur etwa ein Viertel der Befragten zwischen 30 Jahren und 64 Jahren gibt danach an, im Urlaub auf berufliche Kommunikation komplett zu verzichten. „Menschen dieser Altersgruppe sind oft schon in einer höheren Position als Jüngere, haben daher stärkere berufliche Verpflichtungen und einen größeren Ehrgeiz“, erläutert Bitkom-Chef Bernhard Rohleder.

Mehr als die Hälfte der Befragten unter 30 Jahren will hingegen im Urlaub keine dienstlichen Anrufe entgegennehmen oder dienstliche Nachrichten lesen. „Sie gehen bewusster mit dem Internet um, da sie mit ihm aufgewachsen sind“, sagt der Politikwissenschaftler aus Berlin. Rohleder weist zudem auf einen weiteren Unterschied hin: „Selbständige und Berater sind in den Ferien am ehesten beruflich erreichbar, Beamte am wenigsten. Angestellte liegen dazwischen.“

Freiberufler können sich nur selten vertreten lassen

Unternehmensberater haben ohnehin meist längere Arbeitszeiten als viele Angestellte in der Industrie. Dafür ist ihre Branche bekannt. Und im Urlaub? „Da erwarten meine Kollegen eher nicht, dass ich an der alltäglichen Kommunikation teilnehme“, erzählt einer von ihnen. Anders sieht es dagegen mit der Erwartung ihrer Klienten aus: Ein höherer Druck bestehe vor allem, wenn man gerade an einer Ausschreibung teilnehme oder wenn sich ein Projekt in einer kritischen Phase befindet. Dann solle der Berater in den Ferien möglichst durchgehend erreichbar sein. Das liege aber auch im (wirtschaftlichen) Interesse des Beraters, denn seine Honorare sind oft erfolgsabhängig.

Bild: F.A.Z.

Auch Silke Anbuhl ist Beraterin für Karrierefragen. „In unseren Berufen erwarten die Kunden einen persönlichen Kontakt zu dem Menschen, dem sie vertrauen“, sagt die Psychologin aus Hamburg. Selbst wenn während der Abwesenheit des Beraters ein Vertreter benannt werde, würden nur wenige Kunden diese Option nutzen. Hinzu kommt: „Es ist meist zu zeitaufwendig, den Vertreter in Detailfragen einzuarbeiten“, sagt Anbuhl.

Nicht nur Berater, auch Freiberufler, egal aus welcher Branche, können sich selten vertreten lassen. Wer sollte das auch übernehmen - etwa ein Konkurrent, der dann die Aufträge wegschnappt? „Meinen wichtigsten Kunden kündige ich rechtzeitig an, dass ich bis zu einem bestimmten Termin nicht da bin“, sagt eine selbständige PR-Beraterin aus Berlin. Anrufe in ihr Büro leite sie dann zwar auf ihr Mobiltelefon weiter, nehme sie aber in der Regel nicht an. Im Urlaub brauche sie Ruhe, um danach mit Elan und neuen Ideen zu ihrem Tagwerk zurückzukehren. Die erfolgreiche Geschäftsfrau war in den vergangenen Jahren jeweils nur für eine Woche verreist. Eine Zeitspanne, die sie inzwischen als zu kurz empfindet.

Im Ausland sorgt der deutsche Urlaub oft für Kopfschütteln

Dass Deutsche für länger als eine Woche ihren Arbeitsplatz verlassen, sorge in vielen Ländern für Kopfschütteln, berichtet Bernhard Reisch vom Institut für Interkulturelles Management in Rheinbreitbach. Der Pädagoge und seine Kollegen sind spezialisiert darauf, Unternehmen bei der Kommunikation mit ausländischen Partnern zu beraten. In den Vereinigten Staaten und in China bekommt man laut Reisch so viel Urlaub wie in Deutschland nur dann, wenn man sehr lange im Betrieb sei und dort eine hohe Position erreicht habe. „Japaner sind bekannt dafür, dass sie regelrecht in den Urlaub geschickt werden müssen“, sagt er. „Bis heute ist es in vielen Unternehmen dort nicht üblich, dass Mitarbeiter den vollen Urlaub beanspruchen.“

Bild: F.A.Z.

Alle Mitglieder eines japanischen Teams wissen, woran alle anderen gerade arbeiten. Deshalb können sie während des Urlaubs eines Kollegen die Anfragen seiner Kunden meist ohne weiteres beantworten. In Deutschland sei das anders, meint Experte Reisch: „Wir sind Eigenständigkeit gewohnt. Mitarbeiter, die ihren Kollegen im Urlaub vertreten, haben oft Hemmungen, ihm hineinzufunken und eine Aussage zu treffen, die sie nicht mit ihm abstimmen können.“ Das birgt dann Konfliktstoff.

Dass der Vertreter nichts weiß oder aber über ein Projekt nichts Konkretes sagen will, löse bei ausländischen Geschäftspartnern mindestens so viel Unverständnis aus wie die Fülle an Urlaubstagen. Wenn die Zusammenarbeit aber generell gut laufe, würden sie darüber hinwegsehen, meint Reisch.

Jemanden im Urlaub stören dürfen? Super!

Telefonate im Urlaub kommen selten vom Chef, sondern von dem Kollegen, der vertritt, erläutert Rohleder die Bitkom-Ergebnisse. Solche Nachfragen könnten störend wirken oder aber auch das Selbstwertgefühl des Urlaubers stärken. Dass sein Kollege ihn extra anruft, um seine Expertise einzuholen oder um Entscheidungshilfe zu bitten, zeigt demnach, wie unabkömmlich der Urlauber sei.

Ein solches Gefühl wissen viele Menschen mehr zu schätzen als die Gelegenheit, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Andernfalls müssten sie sich wohl eingestehen, dass der Laden daheim über mehrere Wochen auch ohne sie ganz gut läuft. „Wenn man sich im Urlaub um dienstliche Angelegenheiten kümmern will, zeigt das auch, dass man sich nicht zutraut, diese Dinge später zu regeln“, sagt Expertin Anbuhl. Von Krisen einmal abgesehen, sei das in vielen Fällen durchaus möglich. Vielleicht ist zudem die Atmosphäre in der Familie so angespannt, dass der Kontakt zum Kollegen höchst willkommen ist. Statt über Probleme in der Partnerschaft, die im Urlaub deutlicher zutage treten können als im Alltag, denkt er lieber über einen lukrativen Auftrag für seinen Arbeitgeber nach.

Selbst manche Geschäftspartner und Kunden fühlen sich einzigartig, wenn sie jemanden im Urlaub stören dürfen. Die Berliner PR-Beraterin hält solche Kandidaten allerdings strikt auf Distanz: „Eine meiner Kundinnen setzt bei jeder Mail, die sie mir schickt, die Priorität auf hoch“, sagt sie, „ich weiß dann, dass die Sache auch bis nächste Woche Zeit hat.“ Bei telefonischen Nachfragen geht die Beraterin dann nicht ans Telefon.

Bei ihrer Rückkehr ins Büro erzählt Silke Anbuhl gern von ihren Ferien. Allerdings nur dann, wenn sie weiß oder ahnt, dass ihr Gegenüber sich einen ähnlichen Urlaub leisten kann. „Reisen sind einfach ein gutes Gesprächsthema.“ In den Ferien ist Geschäftliches für sie kein Tabu, allerdings in begrenztem Umfang. „Ich bekomme bis zu 60 Mails am Tag“, sagt sie. Wenn etwa auf dem Flughafen Zeit sei, forste sie ihre Nachrichten durch und lösche die unwichtigen. Danach gelingt es Anbuhl, wieder abzuschalten und die Auszeit zu genießen.

Angst vor der Mailflut

Die Angst vor der bevorstehenden Mailflut bei der Rückkehr plagt viele Urlauber. Dagegen hilft, Newsletter und andere regelmäßige Mitteilungen, an denen man wenig Interesse hat, vor Ferienbeginn abzubestellen. Bei den meisten Mails, die man nur in Kopie erhält, reicht es, sie zu überfliegen und abzuspeichern. Silke Anbuhl weiß zudem von Freiberuflern zu berichten, die einen oder zwei Tage früher aus dem Urlaub zurückkehren als angekündigt, um ihre Mails zu sichten und so wieder im Arbeitsalltag anzukommen.

Der Autokonzern Daimler führte 2014 die Option „Mail on Holiday“ ein. Die Mitarbeiter in Deutschland haben seitdem die Wahl, ob sie ihre Mails während des Urlaubs ansammeln oder nicht. Wenn sie „Mail on Holiday“ aktivieren, erhält jeder Adressat automatisch die Nachricht: „Ich bin bis zum Soundsovielten nicht erreichbar. Wenden Sie sich in dringenden Fällen an Herrn X oder Frau Y. Ihre Mail wird gelöscht.“ Sabrina Schrimpf von der Daimler-Unternehmenskommunikation nutzt das Angebot und lobt es in höchsten Tönen: „Wenn die Mitarbeiter erholt aus dem Urlaub zurückkehren, starten sie mit einem leeren Posteingang.“

Quelle: F.A.Z.
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