Knast-Lehrer

Freiwillig im Gefängnis

Von Nadine Bös
09.09.2015
, 06:00
Einschluss. Im Schulflügel bleiben die Türen allerdings viel häufiger offen als anderswo im Gefängnis.
Michael Dumbruch war 17 Jahre lang Realschullehrer. Dann ließ er sich in den Knast versetzen - um dort Schulabbrechern in Haft eine zweite Chance zu geben. Ein Besuch hinter Gittern.

Über den Treppenaufgängen haben sie Netze gespannt. Beigefarbene Netze mit großen Maschen. Gäbe es keine Netze, wären die Treppenhäuser nach oben hin offen. Das wäre zu riskant. Nicht weil jemand abhauen könnte, dafür sorgen Eisengitter, Backsteinmauern, Stacheldrähte. Aber weil sich jemand runterstürzen könnte und sich selbst umbringen. Oder schlimmer noch: jemand anderen.

Verzweiflung, Selbstmordgedanken, Gewalt - all das gehört zum Alltag der Menschen, mit denen Michael Dumbruch hier täglich arbeitet. Seine 63 Schützlinge sitzen im B-Flügel der Justizvollzugsanstalt Münster ein. Vom runden Innenhof des alten Gebäudes mit dem Kuppeldach aus geht es durch mehrere dicke Türen über Galeriegänge in den neueren Teil der Anstalt. Hier teilen sich Mörder und Erpresser, Vergewaltiger die Flure mit Kleinkriminellen, die gestohlen haben oder zu oft schwarzgefahren sind.

Sie alle haben eins gemeinsam: Sie dürfen hinter Gittern einen Schulabschluss erwerben. In ihrem Teil des Gefängnisses sind tagsüber die Zellentüren offen, es gibt Klassenräume, Schreibtische, ja sogar eine Bibliothek. Die Haftzeit hier zu verbringen ist ein Privileg, das nur wenige Straftäter haben, die sich während ihrer Zeit im Gefängnis sehr gut verhalten haben. Aus ganz Nordrhein-Westfalen kommen sie im Pädagogischen Zentrum der JVA Münster zusammen, um zu lernen.

„Du bist völlig verrückt geworden“ haben die Kollegen gesagt

Michael Dumbruch ist ihr Lehrer. Er unterrichtet Englisch, Geschichte, Erdkunde und Informatik. Zusammen mit seinen sieben Kolleginnen und Kollegen macht er die Gefangenen fit für den Haupt- oder Realschulabschluss. Momentan betreut er als Klassenlehrer eine Gruppe von zwölf Häftlingen, die die mittlere Reife erwerben möchten. Statt bei Elternabenden und Klassenkonferenzen sitzt er einmal die Woche in der Vollzugskonferenz der Anstalt. Dort diskutiert er mit dem Rest des Personals über Fortschritte und Verhalten seiner Schüler, darüber, wer ein Disziplinarverfahren bekommt oder wer Hafterleichterungen erhält. Manchmal besucht er die Gefangenen auch in den „Hafträumen“, wie die Zellen genannt werden. Mal spricht er mit ihnen über Lernfortschritte und Perspektiven nach dem Knast. „Mal bin ich gefragt als Trostspender, wenn der Opa gestorben ist“, sagt Dumbruch.

Siebzehn Jahre seines Lebens war Michael Dumbruch ein ganz normaler Realschullehrer. Sogar zum stellvertretenden Schulleiter hatte er es gebracht. Dann tauschte er 75 Tage Ferien gegen 30 Tage Urlaub, 28 Präsenzstunden in der Schule gegen eine 40-Stunden-Woche, sein Konrektorengehalt gegen das eines einfachen Lehrers und seine jugendlichen Schüler gegen erwachsene, kriminelle Schulabbrecher. „Du bist völlig verrückt geworden, haben meine Kollegen damals zu mir gesagt“, erinnert er sich. „Die konnten mich überhaupt nicht verstehen, als ich mich auf die Stellenanzeige der Münsteraner JVA bewarb.“

Dumbruch vermisste die Abwechslung und die Herausforderung. Das hundertste Handy zu konfiszieren, zum fünfhundertsten Male mit überbesorgten Eltern über die Fünf in Englisch zu diskutieren - Dumbruch fühlte sich gelangweilt und genervt, unterfordert von der Gleichförmigkeit der Schulwochen und überfordert von den wachsenden Ansprüchen der Schüler und Eltern.

Mit Erwachsenen hatte er schon früher gearbeitet, an einem Bildungszentrum des Handels und an der VHS - im Gefängnis würden es wieder Erwachsene sein, nur mit etwas spezielleren Biographien. Er würde mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren können, kleine Gruppen unterrichten, ein kleines Kollegium haben und ein Büro, um dort die Stunden vor- und nachzubereiten. Und wenn es gut lief, würde er dazu beitragen, dass der eine oder andere draußen einmal mit Hilfe seines Abschlusses einen Job oder eine Lehrstelle findet. „Dass sie irgendwann einmal straffrei leben können - das ist das Ziel“, sagt Dumbruch. „Das schaffen vielleicht nur zehn Prozent der Leute, die in meinem Unterricht sitzen. Aber für diese zehn Prozent lohnt es sich jeden Tag wieder.“

Keiner schwätzt, keiner fehlt

In der acht Quadratmeter großen Zelle von Markus Müller ist für solcherlei Hoffnungen wenig Platz. Müller, der in Wirklichkeit anders heißt, geht in Dumbruchs Realschulklasse. Auf dem Holzschreibtisch quillt der Aschenbecher über, an der Wand über dem Bett hängen Poster von spärlich bekleideten Frauen, im Waschbecken neben der Toilette türmt sich benutztes Geschirr. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den Abschluss mache, um irgendwann draußen einen tollen Job zu finden“, sagt Müller. „Ich mache das in erster Linie für mich, um mir zu beweisen, dass ich das schaffe. Damit ich ein Ziel habe hier drin.“

Und damit das Leben in Haft sich möglichst angenehm gestaltet: Zur Schule zu gehen zählt hinter Gittern als Arbeit; die Schüler können sich aufs Lernen konzentrieren, müssen nicht nebenher in einer Gefängniswerkstatt tätig sein, Wäsche waschen oder Flure putzen. Rund 110 Euro bekommen sie monatlich an „Lohn“ ausbezahlt, noch einmal etwa 146 Euro werden für die Zeit nach der Haft angespart. Markus Müller konnte sich davon sogar einen Fernseher leisten. Nun sieht er mehr von seinem Lieblingsverein Fortuna Düsseldorf als nur die kleine Fan-Postkarte, die er mit Tesafilm an die Innenseite seiner Zellentür geklebt hat.

Es ist Mittwochmorgen, zweite Stunde Englisch. Mucksmäuschenstill sitzen Markus Müller und seine elf Mitschüler an ihren Tischen und quälen sich durch den Text „Travelling to Britain“. Alle tragen T-Shirts und Turnschuhe, die meisten Jogginghosen. Manchmal zeigt einer mit dem Finger auf. Michael Dumbruch geht dann hin und erklärt im Flüsterton eine Vokabel. Keiner schwätzt, keiner fehlt. Das würde nichts bringen, schließlich könnte man ihn persönlich aus der Zelle abholen. Handys klingeln auch nicht zwischendurch, denn die sind im Knast grundsätzlich verboten. Später präsentiert ein Schüler die gelesenen Inhalte vor der Klasse: „It gives many ways to travel to Britain. With the boat, with the train or with the plane.“ Michael Dumbruch korrigiert nur sparsam. „Hauptsache, sie kommen überhaupt ans Reden.“ Der Klassenraum ist schmal, die Decken niedrig, die Fenster klein und weiß vergittert. Die Tür hat keine Klinke, dafür ein Guckloch in der Mitte. Die Ausstattung aber ist richtig gut: Eine elektronische Tafel erlaubt Dumbruch, die Inhalte seines Laptops für seine Schüler an die Wand zu beamen und gleichzeitig handschriftliche Ergänzungen zu machen. Nebenan im Computerraum dürfen die Schüler sogar selbst den Umgang mit PCs üben. Ohne Internet freilich - das wäre zu gefährlich.

„Keine Ahnung wie die Schüler im Knast so ticken“

Als er vor fünf Jahren seinen ersten Arbeitstag im Gefängnis begann, war Dumbruch etwas mulmig zumute: „Ich hatte ganz schön Herzrasen, als ich das Gittertor zum Schulflügel aufschloss“, erinnert er sich. „Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwartet und wie die Schüler im Knast so ticken.“ Seine erste Stunde Englisch wird er nie vergessen. „Ich bin da reingegangen und habe mich direkt auf Englisch vorgestellt und so eine Art Begrüßungsrede gehalten. Dann habe ich relativ schnell gemerkt, dass mich kaum einer verstanden hat - und alles schnell noch mal auf Deutsch wiederholt.“

Die meisten Schüler hier sind Dumbruch dankbar. Und sie zeigen ihre Dankbarkeit inniger, als er es draußen an der Regelschule je erlebt hat. Sie schreiben ihm Postkarten oder malen Bilder, einer hat ihm im Werkunterricht eine Pendeluhr für sein Büro gebastelt. Es gibt aber auch andere Geschichten. Zum Beispiel die von dem Realschüler, der fast alle Klausuren mit Zwei bestand und dann drei Tage vor der Prüfung aus dem Gefängnis entlassen wurde. „Der hat die Prüfung nie gemacht. Wenig später durfte ich ihn dafür wieder hier drin in einer Zelle begrüßen“, erzählt Dumbruch. Auch lustige Anekdoten gibt es. Etwa die von dem Schüler, der in der Gemeinschaftsküche Hähnchen mit Pommes brutzelte und das Gericht dann an einer Schnur durch die Fenstergitter zu einem anderen Gefangenen schmuggelte.

Außerhalb des Schultraktes ist Selbstgekochtes in der JVA nämlich verboten. „Pendeln“ nennen sie solche Schmuggeleien im Gefängnisjargon und bestrafen es mit Einschluss ab mittags. Mittlerweile kennt Dumbruch viele dieser ganz speziellen Knast-Ausdrücke. Und obwohl er sich längst in einen routinierten Gefängnispädagogen verwandelt hat, ist sein Job nicht immer leicht. Zwei Suizide von Insassen hat es während seiner Dienstzeit hier im Schulflügel schon gegeben. In einem Fall hatte sich ein Insasse in seiner Zelle erhängt. Mehrere Schüler hatten im Vorbeigehen die Leiche gesehen. „Sie waren sehr geschockt und zum Teil fast traumatisiert“, sagt Dumbruch. „Und an mir selbst ist das auch nicht spurlos vorübergegangen. Solche Geschichten nimmt man abends schon mit nach Hause.“

Vertrauen statt Kontrolle

Es gibt auch immer mal wieder Streitigkeiten zwischen den Schülern. Selten eskalieren sie. Doch dann „muss man den Mut haben, sich dazwischenzustellen - selbst wenn man aus den Akten vielleicht weiß, dass man da gerade zwei Gewaltverbrecher vor sich hat“. Einen Pieper, mit dem er im Notfall das Sicherheitspersonal alarmieren könnte, hat er bewusst abgelehnt, so wie alle seine Knastlehrer-Kollegen auch. „Natürlich ist das manchmal unheimlich. Trotzdem wollen wir hier bewusst auf Sicherheitsausrüstung verzichten und so gezielt Vertrauen schaffen.“

Bislang klappt das prima. „Der Dumbruch ist wirklich super“, sagt Markus Müller über seinen Lehrer. „Wir sind wie seine Kinder. Der hört uns immer zu, und der will uns alle durchbringen. Und der ist immer da. Der kommt sogar mit Schnupfen und Husten zum Unterricht. Der hängt sich einfach rein.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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