Gesundheitspolitik

Auch die Ärzte zieht es in die Städte

Von Claus-Peter Müller
20.05.2008
, 12:00
Niederlassung auf dem Land soll mit Zuschlägen gefördert werden
Immer weniger Abiturienten absolvieren ihr Medizinstudium erfolgreich, immer mehr junge Ärzte wandern aus oder wollen als Manager in der Industrie mehr Geld verdienen, sagen die Standesvertreter. Ärztemangel? So einfach ist es nicht.
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Die organisierte Ärzteschaft warnt vor einem Ärztemangel. Immer weniger Abiturienten absolvierten ein Medizinstudium erfolgreich, unterdessen gingen immer mehr junge Ärzte ins Ausland oder wollten als Manager in der Industrie unter geringerer Arbeitsbelastung mehr Geld verdienen. Doch so einfach ist es nicht. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Niedersachsen spricht einstweilen nur von einem "gefühlten Ärztemangel". Die Niedersachsen müssen es am besten wissen, denn hier, nicht in Mecklenburg-Vorpommern, ist die "Arztdichte", das Verhältnis von Ärzten zur Einwohnerzahl, am geringsten. In Niedersachsen kommen auf einen Arzt, der von der Ärztekammer registriert ist, rechnerisch 241 Einwohner. Im ostdeutschen Mittel sind es 226, in Mecklenburg-Vorpommern 199, im westdeutschen Mittel 198, und in Bayern 187. Letzteres ist unter Ärzten das beliebteste Flächenland. Noch begehrter sind nur die Stadtstaaten Bremen (157 Einwohner je Arzt, Hamburg 147 und Berlin 133).

Im internationalen Vergleich ist die Arztdichte in Deutschland nicht gering. Am höchsten war sie nach Angaben der Vereinten Nationen im Jahr 2004 in Kuba. In der kommunistischen Diktatur kamen 591 Ärzte auf 100.000 Einwohner, in Russland 425. Im früheren EU-Raum liegt Italien mit 420 Ärzten je 100 000 Einwohner an der Spitze. Österreich (338) sowie Deutschland und Frankreich (je 337) folgen. Mit deutlich weniger Ärzten müssen die Amerikaner (256), die Polen (247) und die Briten (230) leben. Einen direkten Zusammenhang zwischen Arztdichte und Lebenserwartung gibt es nicht.

Zahl der Medizinstudenten stagniert

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Die Zahl der Medizinstudenten ist in Deutschland seit Jahren etwa konstant. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als das Medizinstudium einer Lizenz zum Gelddrucken glich, schnellte die Zahl der Studienanfänger im Fach Medizin in Deutschland nach oben. Von 1975 bis 1985 stieg die Zahl der Medizinstudenten in Deutschland von 43 368 auf 84 063. Plötzlich war von der "Ärzteschwemme" die Rede. Aus Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit wurden Kurse finanziert, um mit Steuermitteln teuer ausgebildete Ärzte zu Journalisten oder Computerspezialisten umzuschulen.

Deutschland liegt bei der Arztdichte international im Mittelfeld
Deutschland liegt bei der Arztdichte international im Mittelfeld Bild: AP

Die jungen Leute zogen Konsequenzen. Für jene, die nur der Aussicht auf Reichtum wegen hatten Arzt werden wollen, wurde der Beruf unattraktiv. Trotz der deutschen Wiedervereinigung und der Aufnahme der ostdeutschen Studenten in die zuvor westdeutsche Statistik sank die Zahl der Medizinstudenten in Deutschland von 85 091 im Jahr 1989 bis zum Ende der neunziger Jahre auf gut 80 000, wo sie bis heute (2006: 80 499) etwa verharrt.

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Kaum Abbrecher

Zugleich sind die Medizinstudenten unter allen angehenden Akademikern jene, die ihrem Fach am treuesten sind. Die Studienabbruchquote in der Humanmedizin war im Jahr 2004, wie schon in den Vorjahren, mit neun Prozent eine der geringsten. Nur in Zahn- und Veterinärmedizin war sie mit zwei Prozent noch geringer. Im Durchschnitt der Fächer, die an deutschen Universitäten gelehrt wurden, betrug sie 24 Prozent. Am höchsten war sie unter Sprach- und Kulturwissenschaftlern (43 Prozent), während gut ein Viertel der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler (26 Prozent) sowie der Mathematiker, der Natur- und Ingenieurwissenschaftler (28 Prozent) aufgab. Noch positiver fällt die "Schwundquote" für die Mediziner aus, welche das Hochschul-Informations-System in Hannover publiziert. Im Jahr 2002 brachen zwar zehn Prozent der Humanmediziner ihr Studium ab, und drei Prozent wechselten in ein anderes Fach. Doch diesem "Schwund" stand eine "Zuwanderung" aus anderen Fächern von 15 Prozent gegenüber, so dass die Bilanz mit plus zwei Prozent für die Ärzte grandios ausfiel.

Unbestritten ist auch das Ausland für deutsche Ärzte attraktiv. 2001 wanderten 1437 Mediziner aus, 2006 schon 2575. Einige pendeln auch, zumal die preiswerten Fluglinien, die zum Beispiel das Paderborner oder Altenburger Land mit London verbinden, die Ärzte hierzu geradezu einladen. Im Flughafen Altenburg-Nobitz gehören Ärzte zu den regelmäßigen Berufspendlern, und der Geschäftsführer eines Krankenhauses in Bielefeld berichtet, die jungen Ärzte nutzten die Arbeitszeitverkürzungen, die sie sich in den vergangenen Jahren vor Gericht erstritten und im Arbeitskampf erstreikt haben, um ihr Einkommen in England aufzubessern. Doch Deutschland ist wiederum für Ärzte vor allem aus Osteuropa attraktiv. Die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland stieg von 2000 bis 2006 von 11 651 auf 16 080. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wertet dies als Beleg für einen Ärztemangel. Die Zahl der ausländischen Ärzte entspricht jedoch etwa jener der 16.000 deutschen Ärzte, die inzwischen im Ausland arbeiten. Die Internationalisierung des Arztberufs, ist, zumal in einer globalisierten Welt, jedoch relativ. Denn auch die Gesamtzahl der Ärzte in Deutschland steigt seit Jahrzehnten. Bei den Landesärztekammern waren 1996 noch 343.556 Ärzte registriert, 2006 waren es schon 406.974. Davon galten 311.230 Ärzte als praktizierend; sie arbeiteten - rechnerisch gesehen - auf 278 000 Vollzeitstellen. Der "Ausländeranteil" unter den Ärzten beträgt also 3,95 Prozent bezogen auf die Personen, 5,8 Prozent bezogen auf die Vollzeitstellen.

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Kehrseite der Zulassungsbeschränkungen

Vor zwei Jahrzehnten forderten die Standesvertreter der Ärzteschaft, die heute vor dem Mangel warnen, noch strengere Zulassungsbeschränkungen zum Studium und zur Kassenpraxis, denn die wachsende Konkurrenz erschwerte das Geschäft. Bald waren die meisten "Planungsbereiche" mit Zulassungssperren überzogen. Die Kassenärzteschaft schnitt sich vom Nachwuchs ab und begann kollektiv zu vergreisen. Derzeit sichern in Niedersachsen etwa 5000 Fachärzte für Allgemeinmedizin und hausärztlich tätige Internisten allein den hausärztlichen Teil der ambulanten Versorgung. Sollten im Jahr 2020 alle Kassen-Vertragsärzte schon mit 60 Jahren ihre Praxis aufgeben und damit einem verbreiteten Trend zum früheren Ausstieg aus dem Berufsleben folgen, schieden 3400 der 5000 gegenwärtig tätigen Ärzte aus. Sollten alle Ärzte bis zum Alter von 68 Jahren in ihrer Praxis bleiben, schieden in den kommenden zwölf Jahren nur 2000 Hausärzte aus. Rolf Hufenbach, Leiter der Abteilung Sicherstellung und Qualitätssicherung der KV Niedersachsen, unterstellt in seiner Betrachtung einen "fiktiven Zugang" von 2300 Hausärzten zur kassenärztlichen Versorgung bis 2020. Arbeiteten alle Ärzte bis zur zulässigen Grenze von 68 Jahren, wäre das gegenwärtige Versorgungsniveau zu halten. Hörten alle Vertragsärzte mit 60 Jahren auf, fehlten etwa 1000 Hausärzte. Die KV hat in ihrer Berechnung schon berücksichtigt, dass die Zahl der Einwohner sinkt, aber nicht, ob das Altern der Bevölkerung den Bedarf an medizinischer Leistung verändern wird.

Die KV, die Bundesregierung und die Kommunalpolitiker steuern gegen. Auch Krankenhausärzte, die älter als 55 Jahre sind und neu ins kassenärztliche Vertragssystem wollen, werden zugelassen. Das war früher anders. Indes dürfen ältere Ärzte auch über die Grenze von 68 Jahren hinaus arbeiten, wenn Unterversorgung droht oder bereits eingetreten ist, wie dies etwa in Wolfenbüttel geschehen ist. Das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz erlaubt es den Ärzten, Zweigpraxen zu errichten. Auch dürfen Ärzte zugleich am Krankenhaus und in der Praxis tätig sein. Junge Ärzte haben meist zwei Fragen, berichtet der Vorstandsvorsitzende der KV Niedersachsen, Gramsch: "Erstens: Was kostet die Praxis? Zweitens: Wie ist der Notfalldienst organisiert?" Denn die KV muss die ambulante Versorgung rund um die Uhr sicherstellen. Darum werben Kommunen und Bürgermeister die Ärzte an, indem sie ihnen renovierte Praxisräume mietfrei überlassen, während die KV Niedersachsen den Notfalldienst vor zwei Jahren novelliert hat. Sie hat die Notdienstkreise größer geschnitten und baut Notfallzentralen an Krankenhäusern auf, so dass die Vertragsärzte nur noch maximal vier Notdienste im Quartal leisten müssen. Gemeinsam mit den Krankenkassen fördert die KV einen Einkommenszuschuss, damit sich junge Ärzte auch in der Praxis und nicht nur im Krankenhaus zum Facharzt für Allgemeinmedizin weiterbilden lassen. Das möge Freude am Beruf wecken und den weiterbildenden Arzt entlasten. "Während aber ein Assistenzarzt im Krankenhaus etwa 4000 Euro im Monat verdient, sind es in der Praxis nur 3000 Euro", sagt Gramsch: "Wir versuchen, das Leck zu stopfen."

Niederlassungen werden über Honorierung gesteuert

Die KV wird von 2011 an nach dem Willen des Gesetzgebers die Niederlassungen über die Honorierung steuern. Für Niederlassungen in unterversorgten Gebieten gibt es einen Zuschlag, in den attraktiven Städten einen Honorarabschlag. Heute schon werden Vertragsarztsitze in knapper versorgten Regionen Niedersachsens mit einer Umsatzgarantie ausgeschrieben, "obwohl dort das meiste zu tun ist", sagt Gramsch, "doch darum ist es für uns kein Risiko." Dennoch fehlten in strukturschwachen Räumen die Nachfrager nach Praxen, sagt Hufenbach. "Es ist eben so, dass ein Arzt auch ein ganz normaler Mensch ist", sagt Gramsch. Der ländliche Raum sei für Ärzte und ihre Familien eher unattraktiv, während die Versorgung in Hannover, Braunschweig oder Göttingen keine Sorge bereiten werde. Aber auch in Harburg, das zwar in Niedersachsen liegt, doch zum urbanisierten Großraum Hamburg gehört, fehlen 28 Hausärzte. Mit den Planungsbereichen und dem Versorgungssoll sei allerdings lediglich der frühere rechnerische Status quo der Arzt-Patienten-Relation per Gesetz festgeschrieben worden, sagt Gramsch. Mit medizinischen Notwendigkeiten habe das nicht zwingend etwas zu tun.

Zuletzt erschienen "Das komplexe System der Ärztevergütung" (F.A.Z. vom 13. Mai) und "Im Zangengriff von Politik und Ökonomie" (F.A.Z. vom 5. Mai.)

Quelle: F.A.Z.
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