Gut aussehen im Job

Ware Schönheit

Von Isa Hoffinger
26.09.2008
, 09:05
Botox für die Karriere?
Wer Schönheit verkauft, sollte selbst gut aussehen. Kein Wunder, dass viele Arbeitnehmer in der Kosmetikindustrie eine Botox-Behandlung als Investition in ihre berufliche Zukunft betrachten.
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Als Martina Bauer zu ihrem 40. Geburtstag von einer Kollegin ein Pergament überreicht bekam, ahnte sie noch nichts Schlimmes. "Es war ein Gutschein von einem Schönheitsinstitut", erzählt Bauer, die Kosmetikerin ist und den Spa-Bereich eines Hotels leitet. "Bei uns ist das nicht ungewöhnlich", sagt sie. "Viele Kolleginnen wünschen sich eine Maniküre oder Kosmetik zum Geburtstag." Doch als Martina Bauer las, was ihr die Kollegin, mit der sie gut befreundet war, geschenkt hatte, zuckte sie dann doch zusammen und ließ den Gutschein rasch in ihrer Tasche verschwinden. Die Behandlung, die sie spendiert bekam, nannte sich "Botox to go".

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Später löste Martina Bauer, die in Wirklichkeit anders heißt, den Gutschein ein, in Begleitung ihrer Kollegin und Freundin. Deren Geschenk war nicht ganz uneigennützig. Denn das Berliner Institut "Shape and Beauty", das die Injektion mit Botulinumtoxin, kurz Botox, durchführte, gewährt allen, die neue Kunden werben, einen erheblichen Rabatt. Botox ist ein Gift, es lähmt die Muskeln, dadurch verschwinden Falten. "Ich wusste, dass sich meine Kollegin dort auch ab und zu Botox spritzen lässt", berichtet Bauer.

"Viele Frauen, die in der Beauty-Branche arbeiten, versuchen ihre Karriere abzusichern und entscheiden sich irgendwann für eine Schönheitskorrektur." Darüber werde im Beruf allerdings nicht so offen gesprochen. "Wenn jemand aus dem Urlaub zurückkommt und deutlich besser aussieht als vorher, dann erklärt er das lieber mit viel Bewegung an der frischen Luft oder ausreichend Schlaf", sagt Bauer. Deshalb habe sie das Geschenk im ersten Moment auch als "zu intim" empfunden.

Für viele Schauspieler wie Emmanuelle Beart sind Schönheitsoperationen kein Tabu
Für viele Schauspieler wie Emmanuelle Beart sind Schönheitsoperationen kein Tabu Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Neue Lippen für drei Tankfüllungen

Dass es immer noch Schamgrenzen gibt, wenn es um Schönheitsbehandlungen oder Liftings geht, ist fast schon erstaunlich. Denn eigentlich sind Themen wie "Face-Brightening" oder "Figurforming" längst keine Tabus mehr. Die Werbung der Schönheitsindustrie ist allgegenwärtig. Prominente bekennen sich immer öfter zu Verjüngungsmethoden, nicht nur die Privatsender zeigen Vorher-Nachher-Shows und Dokumentationen über Schönheitsoperationen. Und die knapp hundert Titel der Lifestylepresse, die den größten Teil ihres Umsatzes den Anzeigen von Kosmetikkonzernen verdanken, berichten mit einer Gesamtauflage von 150 Millionen ständig über neue Schönheitstrends.

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Glaubt man den Berichten, werden die Anti-Aging-Methoden immer wirkungsvoller und zugleich schonender. Von "sanften Pieksern" ist in Frauenzeitschriften gern die Rede, wenn es um das Spritzen von Botox oder um Lasertherapien gegen Falten geht. Der Preis für ästhetische Korrekturen ist inzwischen für eine breite Masse erschwinglich. Eine Botox-Spritze zum Beispiel wird heute von vielen anscheinend genauso spontan gekauft wie ein Paar neue Schuhe, mit 250 Euro ist sie auch nicht viel teurer als drei Tankfüllungen.

Der größte Umsatz wird allerdings nach wie vor mit herkömmlicher Kosmetik erzielt. "L'Oréal, der weltgrößte Kosmetikkonzern, ist an der Börse dreimal so viel wert wie der größte Autohersteller General Motors", schreibt Ulrich Renz in seinem Buch "Schönheit. Eine Wissenschaft für sich". Nach seiner Meinung steckt hinter dem Schönheitskult unserer Zeit ein uraltes Bedürfnis nach Anerkennung und materieller Sicherheit. Schöne Menschen, das belegen Studien, sind nicht nur erfolgreicher in der Partnerwahl, sondern auch im Beruf. Leider nur am Rande erwähnt Renz, dass in der Beautybranche offenbar nicht die Nachfrage das Angebot steuert, sondern umgekehrt: je mehr Möglichkeiten, desto mehr Begehrlichkeiten - und das gilt vor allem für diejenigen, die jeden Tag beruflich mit Schönheit zu tun haben.

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Die operierte Nase für die Einstellung

Daniela Müller aus München ist 30 Jahre alt, ihren richtigen Namen möchte auch sie nicht verraten. Nach der Ausbildung zur Arzthelferin bei einem plastischen Chirurgen legte sie eine Babypause ein. Danach bewarb sie sich um eine neue Stelle. Es hagelte Absagen. "Als alle Bewerbungen zurückgekommen sind, habe ich mich entschlossen, meine Nase operieren zu lassen", erzählt sie. "Schließlich saß ich ja früher direkt an der Quelle und hatte deshalb keine Berührungsängste." Chefs, davon ist die junge Frau überzeugt, achten schließlich nicht nur auf die Qualifikation, sondern auch auf die Optik der Bewerber.

So wie sie denken viele. "Viele Berufseinsteiger möchten ihren Start ins Arbeitsleben optimieren", sagt der Schönheitschirurg Axel Neuroth aus Düsseldorf. "Abiturienten haben früher ein Auto geschenkt bekommen, heute bekommen sie eine neue Nase." In seine Praxis, meint Neuroth, kämen keine Millionäre. "Wer es bis nach ganz oben geschafft hat, der legt keinen Wert auf eine Schönheitsoperation. Zu mir kommen Menschen, die gerade dabei sind, Karriere zu machen", berichtet er. Verkäuferinnen aus Parfümläden, Starfriseure oder Visagisten müssten besonders auf ihr Äußeres achten. "Sie verkaufen ja den Traum von Schönheit. Muttermale und Besenreiser entfernen zu lassen, auch mal eine Ober- oder Unterlidkorrektur und ein Lifting gehören da zum kleinen Pflichtprogramm."

Die Beauty-Industrie ist ihrer beste Kundin

Nicht nur Chirurgen, auch viele Kosmetikinstute profitieren von der Entwicklung. Findige Konzerne und private Schönheitspraxen setzen zunehmend auf Laufkundschaft in den Innenstädten, wo die Karriereorientierten sie auch mal in der Mittagspause oder auf dem Nachhauseweg erreichen können. Das Nivea-Haus in Hamburg etwa, das verschiedene Masken, Reinigungen und Bedampfungen anbietet, liegt zentral an der Binnenalster. Und die Berliner Charité wirbt mit dem sogenannten Lunchtime-Konzept: Nach der einstündigen Anti-Aging-Therapie kann man, so steht es auf der Homepage, "wieder zur Arbeit zurückkehren". Ein Großteil der Kunden kommt aus den eigenen Reihen. Dutzende Beauty-Redakteurinnen, Mitarbeiter von Werbeagenturen und PR-Fachleute aus Kosmetikkonzernen sitzen tagsüber in den Wartezimmern der Schönheitsinstitute. Gewissermaßen sind sie also selbst ihre besten Kunden.

Klaus Plogmeier, Facharzt für Plastische Chirurgie und Leiter des Berliner Standorts der Klinik "Mang Medical One", bestätigt, dass auch etliche seiner Kunden aus der Beauty-Industrie kommen. "Gerade in dieser Branche wird oft gelogen. Viele lassen sich operieren, geben das aber nicht zu und behaupten stattdessen, ihre Produktlinien hätten ihre Falten reduziert." Wie Ulrich Renz glaubt auch Klaus Plogmeier, dass das Geschäft mit der Eitelkeit weiter wachsen wird - und dass die steigende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt den Trend verstärkt. "Es ist eben genau wie im Tierreich: Der prächtigste Pfau bekommt die Weibchen, und ein attraktiver Mensch den besten Job."

Schneiden, straffen, spritzen

Nach Schätzungen der Vereinigung der Plastisch-Ästhetischen Chirurgen in Deutschland haben sich im vergangenen Jahr zwischen 350.000 und 400.000 Menschen operieren lassen. Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern beträgt 10:1. Rund 90.000 Behandlungen mit Botox werden jährlich nach Angaben der Vereinigung durchgeführt. Diese Behandlung ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten der Faltenreduzierung. Insgesamt nahmen etwa 500.000 Menschen Falten-Unterspritzungen in Anspruch. Der Anstieg bei den sogenannten minimalinvasiven Eingriffen, etwa Botox, beträgt rund 15 Prozent im Vergleich zu 2006. Die Zahl der Operationen ist in Deutschland im Vergleich zu 2006 um 8 Prozent gestiegen.

Hier die Rangliste der häufigsten operativen Eingriffe:

Männer:

1. Nase

2. Oberlider

3. Fettabsaugung

4. Brustreduktion

5. Haartransplantation

6. Faceliftings

Frauen:

1. Brustvergrößerung

2. Fettabsaugung

3. Lider

4. Nase

5. Bauchstraffung

6. Faceliftings

Quelle: F.A.Z.
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