Arbeitsmarkt und Corona

„Die Stellenanzeigen sind schon wieder auf Vorkrisenniveau“

Von Benjamin Fischer
27.03.2021
, 13:00
Der Deutschland-Chef der Plattform Indeed spricht im Interview über die Jobsuche in Corona-Zeiten und darüber, was ein Arbeitgeber heute bieten muss, um attraktiv für Bewerber zu sein.

Herr Hensgens, Homeoffice ist eines der ganz großen Arbeitsthemen in der Pandemie: Wie schlägt sich das in Anfragen und Angeboten auf Indeed nieder?

Die Anfragen, die Homeoffice beinhalten, haben sich verdoppelt seit Beginn der Pandemie. Ungefähr in jeder hundertsten kommt das Wort mittlerweile vor – bei monatlich rund vier Millionen unterschiedlichen Nutzern auf unserer Plattform. Wenn Sie bedenken, dass die Leute stets sehr genaue Suchbegriffe und Jobprofile eingeben, ist das ein sehr hoher Wert. Auf der Seite der Anzeigen beinhalten aktuell 7,5 Prozent eine Homeoffice-Option, auch das ist eine Verdopplung.

Welche weiteren Themen sind durch die Pandemie in den Fokus gerückt?

Vor allem hat sich der Arbeitsmarkt an sich extrem gewandelt. Ich bin seit 20 Jahren in der Branche tätig und habe noch nie solche Nachfrageveränderungen mit Blick auf einzelne Sektoren erlebt. Gastronomie, Hotellerie oder auch die Veranstaltungsbranche haben ab Ende März natürlich deutlich weniger nach neuen Mitarbeitern gesucht. Im Gastrobereich ging das nach dem ersten Lockdown wieder nach oben. Diese Entwicklung dürfte sich zum Sommer hin abermals einstellen. Der Lebensmitteleinzelhandel oder die Logistik- und Pharmabranche stellen dagegen unverändert stark ein. Wir haben Leute vermittelt, die vor der Krise Koch waren und jetzt beispielsweise für Bofrost arbeiten.

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Wie steht es grundsätzlich um Jobangebote nach einem Jahr Corona-Krise?

Wir versuchen ja alle Stellen, die online ausgeschrieben werden, auf unserer Plattform zu bündeln – und was die Anzeigen angeht, sind wir jetzt schon wieder auf einem Niveau wie vor der Pandemie. Das liegt auch an Branchen, in denen weiterhin Fachkräftemangel herrscht, wie in der IT oder auf dem Bau. Der Tiefpunkt war vergangenes Jahr rund um Ostern, da hatten wir in Deutschland 22 Prozent an Anzeigen verloren. In Großbritannien waren es sogar 53 Prozent. Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich da als sehr stabil erwiesen – auch durch das Instrument Kurzarbeit.

Was treibt die Nachfrage in Deutschland trotz Pandemie zusätzlich an?

Da spielt unter anderem die Demographie eine Rolle. Im öffentlichen Dienst sind zum Beispiel 25 Prozent der Arbeitnehmer 55 Jahre alt oder älter. Die werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen. Zudem ist die Arbeitsmigration 2020 durch die Krise stark zurückgegangen, dabei ist Deutschland darauf dringend angewiesen, um Stellen zu besetzen. In der Baubranche etwa geht es bisweilen nicht einmal um qualifizierte Mitarbeiter, sondern bloß darum, überhaupt jemanden für eine Stelle zu finden.

Mit den Erfahrungen aus der Pandemie im Hinterkopf: Was muss ein attraktiver Arbeitgeber heute bieten?

Da muss man zwischen Bürotätigkeiten und anderen unterscheiden. Was Office-Jobs angeht, ist es entscheidend, wie Sie sich in der Krise gegenüber Ihren Mitarbeitern verhalten: Wenn Sie die Belegschaft mehr oder weniger zwingen, ins Büro zu kommen, wird sich das langfristig sicher negativ auswirken. Gerade jetzt zeigt sich, was schöne Versprechen wirklich wert sind. Also ob ich meinen Mitarbeitern Homeoffice ermögliche, sie mit Equipment unterstütze oder welche Sicherheitsvorkehrungen im Büro getroffen werden. Auch auf die Kommunikation kommt es jetzt besonders an. Ich habe zum Beispiel jeden Montag ein digitales Meeting mit allen Mitarbeitern.

Sollte es nach gut einem Jahr Pandemie für Bürotätigkeiten nicht grundsätzlich die Regel sein, dass zumindest die Möglichkeit für Homeoffice besteht?

Die Regel ist es sicherlich noch nicht. Doch viele Unternehmen haben mittlerweile zumindest erkannt, dass sie in Technologie investieren müssen, um als attraktiver Arbeitgeber dazustehen. Dazu gehört im nächsten Schritt dann aber auch, den Beschäftigten zu vertrauen, dass sie von zu Hause aus gute Arbeit machen. Damit investieren sie auch in ihre eigene Marke, denn das spricht sich natürlich rum. Zudem werden Unternehmen so für einen größeren Bewerberkreis interessant, da potentielle Mitarbeiter deutlich weiter weg wohnen können. Ein Umzug stellt ja bisweilen doch eine große Hürde dar. Wenn man nur ab und an mal in die Zentrale muss, ist der vielfach gar nicht nötig.

Zeichnen sich diese Lehren in den Jobangeboten über die bloße Homeoffice-Möglichkeit hinaus ab?

Ja, das sehen wir zunehmend, und wir schulen Unternehmen auch darin, sämtliche Vorteile, die sie anbieten, möglichst gut in Bewertungsportalen oder direkt in der Stellenanzeige sichtbar zu machen. Unternehmen vernachlässigen das oft. Dabei sind Anzeigen einer der besten Wege, um das eigene Profil nach außen hin zu zeigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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