Audi-Personalchef Thomas Sigi

„Wir stellen Menschen ein, keine Noten“

27.09.2015
, 08:20
Audi-Personalvorstand Thomas Sigi
Gute Noten sind nicht alles. Wichtig ist, dass jemand engagiert ist und sich durchbeißen kann, sagt Audi-Personalvorstand Thomas Sigi im Interview. Auch Flüchtlingen würde er gern eine Chance geben - wenn bloß die bürokratischen Hürden nicht wären.
ANZEIGE

Herr Sigi, warum haben Sie einen großen Teil Ihrer Azubis mit Tabletcomputern ausgestattet?

Diese Generation Z wird mit einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt aufwachsen, darauf bereiten wir sie durch das mobile digitale Lernen vor. In ihrer Freizeit sind die jungen Menschen fast nur noch digital unterwegs - sie lesen kaum Bücher, ob uns das gefällt oder nicht.

ANZEIGE

Bleibt da das Erfahrungswissen von Ausbildern nicht auf der Strecke?

Nein, ein Trainer steht jeweils 18 Auszubildenden zur Seite. Unser Konzept ersetzt nicht die klassische Ausbildungsstruktur, sondern ergänzt sie. Ich bin absolut nicht der Meinung, dass Menschen durch Maschinen ersetzt werden können. Kabelbäume verlegen, das geht zum Beispiel nur durch die menschliche Hand.

Welche Vorteile haben die Tablets?

Die liegen auf der Hand: Die Azubis können Lerninhalte abrufen, Wissen online teilen und Arbeitstechniken im Team erarbeiten. Vor einem Jahr haben wir die ersten Tablets angeschafft und gesehen, dass die Lernfreude steigt. Die jungen Leute haben Spaß daran, sogar eigene Lerninhalte, wir nennen das Lernnuggets, zu erstellen. Wir lassen das wissenschaftlich begleiten. Es zeigt sich, dass dieses selbsterarbeitete Wissen nachhaltiger gespeichert wird.

Lernnuggets - das klingt gewöhnungsbedürftig.

Unsere Arbeit wird sich vermutlich komplett verändern, deutlich komplexer werden, man wird mehr IT-Know-how benötigen. Vielleicht brauchen wir in fünf Jahren nicht den klassischen Karosseriebauer, sondern den Karosserie-Informatiker. Vielleicht gibt es bald den Maschinenbauinformatiker, das ist eine Herausforderung, weil die Fakultäten zusammenarbeiten müssten. Wir müssen den Menschen die Angst vor der Digitalisierung nehmen. Lebenslanges Lernen ist kein Schlagwort. Es ist falsch, zu glauben, wenn man mal einen Bachelor gemacht hat, das reiche bis zur Rente.

ANZEIGE

Haben mittelmäßige Schüler heute überhaupt Chancen auf eine Lehrstelle?

Wir stellen Menschen ein, keine Noten. Natürlich wollen wir die Besten - aber wer sind die Besten? Ein guter Abschluss spielt eine gewisse Rolle, wir brauchen eine Messlatte, über die einer springt. Aber darüber hinaus interessiert uns, was ist das für ein Mensch, engagiert er sich für irgendetwas? Relativ viele Azubis beginnen nach ihrer Ausbildung ein Studium, das unterstützen wir aktuell mit 201 Stipendienplätzen und Hochschul-Kooperationen.

Wird die Frage nach Spitzennoten bei Ihren Ingenieursbewerbern auch so entspannt gehandhabt?

Wenn ich einen Kandidaten habe, der einen Durchmarsch mit Einserabschluss vorzuweisen hat, und einen anderen, der sich das Studium selbst finanzieren musste, dafür dann länger gebraucht und weniger gut abgeschlossen hat, dann sind das sicherlich gleichwertige Kandidaten. Der Zweite hat gezeigt, dass er sich durchbeißen kann.

ANZEIGE

Sie haben viel Respekt für Bewerber aus nicht so begüterten Verhältnissen?

Das ist so, denn das zeigt, dass jemand Durchhaltevermögen hat. Ich habe vor meinem BWL-Studium eine Ausbildung als Zahntechniker gemacht, später als Personalreferent bei Audi in Neckarsulm angefangen. Mein Sohn ist jetzt 19 Jahre alt und will Wirtschaft studieren. Momentan absolviert er eine kaufmännische Ausbildung. Ich finde, das ist ein guter Weg.

Praxisnähe gibt’s doch auch im dualen Studium...

Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht, 50 Prozent unserer dualen Studierenden sind Frauen. Sie kennen das Unternehmen, die Prozesse, können schnell Verantwortung übernehmen. So ein Programm ist anspruchsvoll. Die jungen Leute müssen sich gut organisieren, die Semesterferien verbringen sie zum großen Teil im Unternehmen.

Sie haben auch noch rund 2000 akademische Praktikanten - warum so viele?

Das hat sich bewährt, weil wir die jungen Leute gut kennenlernen und sie uns. Wenn sie sich später auf eine feste Stelle bewerben, erleichtert das den Auswahlprozess. Der Frauenanteil bei den Praktikanten beträgt übrigens 35 Prozent.

Schauen Sie bei den Bewerbern darauf, ob sich jemand sozial engagiert?

Das kommt auf jeden Fall gut an, wenn klar ist, dass das auf wirklichem Interesse beruht. Und das geht später weiter. Wir haben an drei Standorten einen Freiwilligentag eingeführt, bei dem für die Teilnehmer jeweils ein Projekt im Mittelpunkt steht, etwa der Bau eines Spielplatzes. Ich habe mitgeholfen, einen Schulgarten anzulegen. Da waren wir nur zu sechst und mussten zwei Tonnen Erde bewegen... - aber hinterher gab es eine schöne Party!

ANZEIGE

Warum fahren Sie selbst seit 30 Jahren Rettungsdienst?

Das prägt. Wenn Sie Pech haben, können Sie mich abends in der roten Jacke erleben. Es kommt immer mal wieder vor, dass ich auf Mitarbeiter von uns treffe. Die sind dann ganz erstaunt, mich in diesem Kontext zu erleben.

Streben Sie eine große Vielfalt in Ihrer Belegschaft an?

Das ist mir ein Anliegen. Wir brauchen den Highflyer, der ungewöhnliche Ideen hat, scheitert, aufsteht und weiterläuft. Mitarbeiter, die im Weltall wühlen wollen. Durch unser Audi-Ideenprogramm haben wir in den vergangenen 20 Jahren rund eine Milliarde Euro an Einsparungen erzielt. Aber wir haben ebenso ein Programm von zwölf bis sechzehn Teilnehmern aufgelegt, die aufgrund ihrer sozialen und familiären Strukturen keinen qualifizierten Schulabschluss gemacht haben. Arbeitslosigkeit ist keine Perspektive.

Aber braucht man bei Ihnen nicht auch etwas Benzin im Blut?

Natürlich, wir suchen nach Menschen, die für den Vorsprung durch Technik brennen und ihn mitgestalten wollen. Die Mitarbeiter, die aus Familientradition bei uns arbeiten und stolz darauf sind, eine Audi-Latzhose zu tragen, sind übrigens meist die treusten. Sie stehen motiviert in der Fertigung und haben eine hohe Arbeitszufriedenheit, weil sie an einem Audi mitbauen.

Und wenn ich mit Autos und Technik wenig am Hut habe? Werden Schüler auf die Berufswelt vorbereitet?

Interesse an Technik muss man früh wecken und Berufsfelder aufzeigen. Das ist ein Grund, warum wir uns in Schulen engagieren, Schülerpraktika und Tage der offenen Tür anbieten. Das ist unter anderem ein guter Weg, junge Frauen für technische Berufe zu begeistern.

ANZEIGE

Warum ist das für Sie wichtig, junge Frauen einzustellen?

Davon profitieren alle. Die Diversity-Kultur insgesamt tut einem Unternehmen gut und wirkt sich positiv auf das Arbeitsklima aus. Wir schaffen es mittlerweile in der gewerblichen Berufsausbildung 30 Prozent Frauen zu haben. Das ist kein Selbstläufer. Noch gibt es unter den Absolventen der MINT-Studiengänge nur 11 Prozent Frauen.

Wie sieht es denn mit möglichen Bewerbungen von Flüchtlingen aus?

Darüber sind wir intensiv im Gespräch, aber bei einer möglichen Einstellung gibt es hohe Hürden mit der Arbeitsbewilligung, die Politik muss die Verfahren beschleunigen. Integration funktioniert nur, wenn die Menschen Arbeit haben. Wir haben eine Million Euro zur Verfügung gestellt, um Hilfsaktionen unserer Mitarbeiter zu unterstützen. So finanzieren wir unter anderem Sprachkurse. Wenn die Summe aufgebraucht ist, planen wir weiter. Aber Geld allein löst die Probleme nicht.

Das Gespräch führte Ursula Kals.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE