Langweilige Tagungen

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Von Nadine Bös
08.06.2016
, 05:09
Powerpoint, Frontalvorträge, Anzug und Krawatte: Die meisten beruflichen Tagungen sind zum Gähnen. Es geht aber auch anders, moderner und interaktiver. Bis hin zum Peinlichkeitsrisiko.

Das Café Heimathafen in Wiesbaden ist Kaffeebar, Coworkingspace und Veranstaltungs-Location in einem. Hier treffen sich Hipster - das sieht man auf den ersten Blick. An der Werbung für „Chari-Tea“ und „Lemon-Aid“. An der liebevoll beschrifteten Kreidetafel, die statt einer Getränkekarte an der Wand hängt. An den veganen Salaten in Weckgläsern, die Kellner mit runden Tabletts den Gästen als „Flying Buffet“ anbieten.

Oliver Stoisiek von der Deutschen Bank und Holger Hiltmann vom Pharmakonzern Merck stehen draußen und wundern sich. Darüber, dass hier die meisten grüne oder gelbe Limo trinken und keiner Kaffee. Darüber, wie der jeweils andere in Jeans und ohne Krawatte aussieht. Darüber, dass das hier tatsächlich eine berufliche Tagung sein soll, am Freitagabend und obendrein noch mit Band und Karaoke. Vor allem aber wundern sie sich über sich selbst. Denn gerade haben sie sich spontan dazu bereit erklärt, gemeinsam als Gäste in einer fingierten Spielshow aufzutreten. Live. In einer halben Stunde geht es los.

Stoisiek und Hiltmann sind Personalmanager in ihrem jeweiligen Unternehmen, beide sind Bereichsleiter und haben vor allem mit dem Thema Berufsausbildung zu tun. Zwei- bis dreimal im Jahr sehen sie sich auf einschlägigen Konferenzen. „Meistens in einem noblen Hotel, in Anzug und Krawatte und mit schickem Dinner“, so beschreibt es Stoisiek. „Hier ist es völlig anders - locker, ungezwungen, es fühlt sich nicht so offiziell an.“ Trotzdem könne man viele spannende Ideen mitnehmen, findet Hiltmann. „Viel mehr vielleicht als von einer Tagung, bei der man stundenlang mit einem Haufen Powerpoint-Vorträgen in einen dunklen Raum gesperrt wird.“

Genau das ist die Hoffnung des Veranstalters, der „Personaler Late Night Show“, wie die Wiesbadener Konferenz heißt. Henner Knabenreich ist Personalberater und Blogger, hat schon öfter mit ungewöhnlichen Tagungsformaten experimentiert. Viele seiner Ideen hat er sich von Treffen abgeguckt, die eher in der Blogger- und Programmierergemeinde üblich sind. „Mir geht es vor allem darum, dass die Personaler aus ihren Silos hervorkriechen, sich untereinander vernetzen und austauschen“, sagt er. „Das passiert nur ansatzweise auf teuren Konferenzen und Kongressen, auf denen die Teilnehmer dann langweiligen Powerpoint-Schlachten ausgesetzt werden. Der echte Austausch mit Kollegen auf Augenhöhe findet dann eben nur in den Kaffeepausen statt.“ So dreht Knabenreich das Prinzip einfach um: Er macht eine einzige lange Kaffeepause, unterbrochen von einigen wenigen Programmpunkten.

„Viel Zeit und viele Ressourcen gehen flöten“

Moderationsexperten hat Knabenreich damit auf seiner Seite. „Tagungen, Konferenzen, Seminare, das alles läuft nach wie vor überwiegend nach dem Prinzip des Frontalunterrichts ab“, sagt der Pädagoge und Kreativitätsforscher Olaf Axel Burow von der Universität Kassel. „Das ist sehr bedauerlich; viel Zeit und viele Ressourcen gehen dabei flöten.“ Burow beschäftigt sich in seiner Forschung vor allem mit Themen der Großgruppenmoderation und weiß: Viele Redner bei Tagungen und Konferenzen sind Führungskräfte, „oftmals mit hohem Selbstdarstellungsbedürfnis“. Und viele erlägen „dem Irrtum, dass sich durch zentrale Beschallung Botschaften rüberbringen lassen“. Dabei gelte: „80 Prozent dessen, was ein frontal Vortragender sagt, nimmt das Publikum gar nicht auf!“

Knabenreich macht es deshalb ganz anders. Seine Tagungsidee ist unkompliziert: Er veranstaltet eine Mischung aus Talk- und Unterhaltungsshow mit langem Austausch vorher und nachher. Ein Moderator aus dem Rundfunk interviewt die wenigen Redner, die allesamt ihre Ideen zur Gewinnung von Fachkräften in schwierigen Branchen darstellen. Die „Werbepausen“ füllen die Sponsoren der Veranstaltung, die in fünfminütigen Präsentationen ohne elektronische Hilfsmittel ihre Geschäftsmodelle vorstellen. Die Zuschauer stimmen am Ende über den besten Vortrag ab. Zwischendurch spielt eine Band thematisch passende Lieder: „You’re the one that I want“ etwa oder den eigens komponierten Jingle „Fachkräftemangeeeel“. Tusch - der Moderator springt mit Schwung von der Bühne. Einige klatschen, andere wenden sich peinlich berührt ab und murmeln etwas von „Büttenreden“ und „Karneval“.

Das Beispiel ist eine extreme Version dessen, was die Forschung schon lange über moderne Konferenzmethoden weiß. Eine Sache haben sie alle gemeinsam: Sie beziehen die Teilnehmer stark mit ein. Burow fasst es so zusammen: „Man muss die Weisheit der vielen nutzen.“ Die meisten sogenannten partizipativen Methoden stammen aus den achtziger Jahren. Open-Space-Konferenzen etwa setzen darauf, dass die Teilnehmer selbst Themen identifizieren, über die sie sprechen möchten, und dazu Arbeitsgruppen organisieren. Zukunftskonferenzen haben zum Ziel, dass die Tagungsbesucher Entwürfe für eine gemeinsame Zukunft erarbeiten. In „World Cafés“ sitzen die Gäste in wechselnden Kleingruppen an Tischen und erarbeiten dort gemeinsam verschiedene Themen.

„Powerpointfreie Zone muss dabei übrigens gar nicht zwingend sein“, sagt Burow. „Dieser ganze Ärger über Powerpoint kommt doch daher, dass viele Präsentationen einfach total schlecht gemacht sind. Natürlich sind Textfriedhöfe und überfrachtete Grafiken nervig.“ Aber ein paar gut gemachte Vortragsfolien seien keinesfalls verkehrt. „Schlagworte oder Thesen noch mal an die Wand werfen, ein emotionales Bild oder einen kurzen Film zeigen, ein paar wirklich prägnante Zahlen aus dem Vortrag herausgreifen - das alles ist ja sogar sehr gut für die Zuhörer.“

Es gibt auch noch modernere Ansätze zur Konferenzgestaltung. Vom Silicon Valley ausgehend, haben sich seit 2005 die sogenannten Barcamps verbreitet, die vor allem Internet- und Technikthemen abdecken, aber mittlerweile auch in verschiedene andere Wirtschaftsfelder überschwappen. Sie werden auch „Unkonferenzen“ genannt, weil sie sich bewusst keine Tagesordnung setzen und keine feste Teilnehmerliste haben. Wer sich fürs Thema interessiert, kommt, Eintritt braucht niemand zu zahlen, die Gäste füllen selbst einen Stundenplan aus, setzen sich zusammen und arbeiten drauflos - oftmals mit erstaunlich hoher Produktivität.

Spielen mit Spaghetti - oder auf dem Computer

Immer häufiger werden laut Burow auch spielerische Elemente für Konferenzen genutzt. Am berühmtesten geworden ist in diesem Zusammenhang wohl die „Marshmallow Challenge“ - eine Übung, in der Kleingruppen gemeinsam Türme aus Marshmallows und ungekochten Spaghetti bauen und anschließend als Gruppe über ihr Verhalten reflektieren. „Spielen ist eine Quelle der Erkenntnis“, sagt Burow. „In Amerika sind spielerische Elemente im Kontext beruflicher Konferenzen schon lange sehr etabliert. In Deutschland muss man immer noch damit aufpassen.“ Oft gebe es noch von älteren Männern und strikten Hierarchien geprägte Unternehmen oder Branchen, in denen Spiele hauptsächlich Kopfschütteln erzeugten.

Der Unternehmensberatung PWC ist das egal. Deren Partner Derk Fischer hat sich zum Ziel gesetzt, Manager spielerisch dafür zu sensibilisieren, welche Gefahren für ihr Unternehmen durch sogenannte Cyber-Attacken drohen, also durch Angriffe von Datendieben. Ein eigentlich höchst trockenes Thema, das die Beratungsgesellschaft in die Unternehmenswirklichkeit tragen möchte. Um den Chefs das Ganze schmackhaft zu machen, spielen Fischer und einige seiner Kollegen neuerdings mit den Managern ein eigens entwickeltes Computerspiel. Die Manager sitzen vor Bildschirmen und bilden zwei Mannschaften. Die einen sind die Hacker, die das Unternehmen angreifen, die anderen sitzen im Unternehmen und verteidigen die Daten.

In Amerika hat PWC das Spiel namens „Game of Threats“ schon mit dem Management einiger Dutzend Unternehmen gespielt; in Deutschland können die Berater die Einsätze bislang noch an einer Hand abzählen. „Amerikanern lässt sich solch ein aufwendig produziertes Spiel als einzelnes Produkt verkaufen“, sagt Fischer. „In deutschen Unternehmen dagegen muss man ganze Awareness-Seminare machen, und solch ein Spiel kann dann allenfalls ein Element sein. Selbst dann ist es für viele Firmenchefs noch befremdlich, dass sie ein Rollenspiel machen sollen.“

Wie viele Mitmach-Methoden und spielerische Elemente ein Seminar oder eine Tagung verträgt, das hängt dem Pädagogen Burow zufolge längst nicht nur von kulturellen Gewohnheiten ab, die in Deutschland grundsätzlich steifer seien als in Amerika. „Das ist auch von Branche zu Branche verschieden. Die Methode muss zu den Leuten passen und zum Thema“, sagt der Experte. „Und der Moderator braucht Erfahrung und ein Gespür dafür, wie weit er gehen kann. Es ist wichtig, die Teilnehmer dazu zu bringen, ein Stück weit Grenzen zu überschreiten. Es darf aber nicht passieren, dass sie zumachen und nur noch genervt sagen: Eigentlich wollte ich mich von Vorträgen berieseln lassen, und jetzt soll ich schon in der Vorstellungsrunde meinen Namen tanzen.“

„Dass sich hier alle duzen finde ich gewöhnungsbedürftig“

Die Personaler bei der Wiesbadener „Late Night Show“ sind da vergleichsweise offen und tolerant. „Ich war in letzter Zeit viel auf Frontal-Konferenzen unterwegs und finde das hier erfrischend kurzweilig und unterhaltsam“, sagt Christina Auer, die für die Perim GmbH arbeitet, ein Nürnberger Recruiting-Unternehmen. Ihre Kollegin Katharina Kessler tut sich etwas schwerer. „Dass sich hier alle duzen, finde ich gewöhnungsbedürftig“, gibt sie zu. „Ich falle immer wieder versehentlich ins Siezen zurück.“ Und dann ist da noch die Aufgabe, die der Chef ihnen mit auf den Weg gegeben hat: während der spätabendlichen Karaoke ein Lied zu singen. Ganz ernst gemeint war der Auftrag vielleicht nicht; trotzdem geht Kessler die Songliste durch und bestellt sicherheitshalber noch einen Wein.

Einstweilen spielen die Kollegen von Merck und der Deutschen Bank auf der Bühne „Der kleine Preis“. Angelehnt an die Fernsehshow „Der große Preis“, bekommen sie Schätzaufgaben aus einer aktuellen Studie eines Einstellungstest-Anbieters und Haribo-Tüten zur Belohnung. Holger Hiltmann erspielt sich nach kleinen Anfangsschwierigkeiten gleich neun Tüten auf einmal und wirft sie übermütig in die Runde. „Kamelle“, nörgelt jemand im Publikum.

Das Spielerische nicht zu überdrehen und vor allem das Ziel der Veranstaltung nicht aus den Augen zu verlieren - das rät Burow Konferenzveranstaltern, die Gefahr laufen, mit zu vielen der „neuen Methoden“ die Peinlichkeitsgrenze zu überschreiten. „Keiner hat etwas davon, wenn die Teilnehmer sich komplett auf den Schlips getreten fühlen. Man muss sehr transparent machen, wohin die Veranstaltung führen soll.“ Der Sinn könne, wie bei dem Wiesbadener Treffen auch einmal hauptsächlich im bloßen Netzwerken liegen. „Daran ist nichts Verwerfliches, im Gegenteil“, sagt Burow. „Es mag Netzwerktalente geben, die in der Kaffeepause jeder Konferenz einfach Leute ansprechen. Aber wenn man ehrlich ist: Die meisten Menschen sind eigentlich eher schüchtern und tun sich schwer, gerade, wenn sie auf einer Veranstaltung keinen kennen. Und die modernen Konferenzmethoden können gerade solchen Teilnehmern enorm helfen.“ Der Grat zwischen Ungezwungenheit und Peinlichkeit bleibt dabei schmal. „Mir sind auch schon mal 50 von 250 Leuten schlagartig aufgestanden und gegangen, als sie merkten, dass sie nicht nur zuhören, sondern Geschichten von sich erzählen sollten“, berichtet der Pädagogikprofessor über eine Tagung mit Ingenieuren. „Zum Glück ist später das Eis doch noch gebrochen.“

Genau das passiert dann auch auf der Wiesbadener Bühne, nach einer unangenehmen Viertelstunde, während der keiner der Anwesenden den Anfang beim Karaokesingen machen möchte. Nach einer ersten mutigen Kandidatin stehen die Sänger Schlange. Auch Christina Auer und Katharina Kessler geben passend zum Recruiting-Thema den Song „I need a hero“ zum Besten. „Mission erfüllt“, seufzt Kessler hinterher. Von ihrem Auftritt gibt es natürlich auch ein iPhone-Video. Das kann sie am Montag ihrem Chef zeigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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