Lehrlinge verzweifelt gesucht

Personalmangel bringt Hotels in neue Nöte

Von Dietrich Creutzburg, Berlin
23.09.2021
, 10:08
Viele Gäste, wenige Kellner
Zehntausende unbesetzte Stellen, bis zu 60 Prozent weniger Ausbildungsanfänger. Für die von Corona besonders betroffenen Branchen sind die Probleme immer noch akut.
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Das Hotel- und Gastgewerbe hat nach den Belastungen durch die Corona-Krise ein Personalproblem. Allein bei der Bundesagentur für Arbeit sind derzeit 30.000 unbesetzte Arbeitsstellen in den Berufen rund um Gastronomie und Tourismus regis­triert. Das sind 70 Prozent mehr als vor einem Jahr und entspricht nun wieder dem Vorkrisenniveau. Zugleich aber dünnt ein heftiger Einbruch am Ausbildungsmarkt den Berufsnachwuchs weiter aus – und gefährdet damit womöglich die Vielfalt des Angebots an Gäste.

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Aufschluss über das Ausmaß dieses Einbruchs liefert eine Übersicht, die das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Reginald Hanke zusammengestellt hat. Sie liegt der F.A.Z. vor. Während im Corona-Jahr 2020 über alle Berufe hinweg 11 Prozent weniger junge Menschen als 2019 eine Lehre begannen, hat sich die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge in den von Lockdown und Kontaktbeschränkungen besonders betroffenen Bereichen teilweise mehr als halbiert.

Problem für die Gastronomie verschärft sich

Die Zahl angehender Köche im ersten Ausbildungsjahr sank den Angaben zufolge um 20 Prozent. Für Hotelkaufleute steht ein Rückgang um 31 Prozent zu Buche. Und die Zahl der Neueinsteiger als künftige Tourismuskaufleute schrumpfte gar um 61 Prozent. Ähnlich sieht es im Friseurhandwerk aus, das von den Corona-Beschränkungen ebenfalls hart betroffen war: Die Zahl neuer Ausbildungsverträge sank dort um 19 Prozent. In anderen Handwerksberufen, etwa Zimmerer und Zweiradmechatroniker, begannen indes trotz Corona mehr Jugendliche eine Lehre.

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Ein Blick in die aktuelle Vermittlungsstatistik der Bundesagentur bestätigt, dass sich das Problem in den Gas­tronomieberufen derzeit eher noch verschärft. Hotelbetriebe hatten den Arbeitsagenturen für das jetzt beginnende Ausbildungsjahr insgesamt 7067 neu zu besetzende Lehrstellen gemeldet. Das waren 17 Prozent weniger als zum Vorjahreszeitpunkt. 3193 davon waren Ende August noch unbesetzt.

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10 Prozent weniger Lehrstellenangebote als im Vorjahr

Zugleich interessieren sich weniger junge Menschen für Ausbildungen in diesen Branchen. In der Hotellerie suchten bis Ende August nur 3156 Bewerber eine Lehrstelle mithilfe der Arbeitsagentur, 29 Prozent weniger als vor einem Jahr. Nur graduell besser sieht es im Gaststättengewerbe aus: 10 Prozent weniger Lehrstellenangebote als im Vorjahr und 21 Prozent weniger Bewerber.

Das Wirtschaftsministerium weist in seiner Antwort an Hanke allerdings darauf hin, dass nicht alle Betriebe und Bewerber die Arbeitsagentur einschalten – und deren Anteil zurzeit „durch die Pandemie bedingt niedriger liegen dürfte“ als üblich. Zugleich verweist das Ministerium auf eine Reihe von Ausbildungsförderprogrammen, welche die Regierung in der Pandemie aufgelegt habe – mit besonderem Schwerpunkt auf kleinen und mittleren Betrieben.

FDP-Mann Hanke sieht deren Wirkung aber gerade für die von der Krise besonders gebeutelten Branchen eher skeptisch: Die Hilfen nützten dort nur wenig, da sie vor allem den Erhalt von Lehrstellen stützten. Das Problem sei aber: „Wenn Jugendliche das Gefühl haben, dass eine Branche keinen sicheren Arbeitsplatz bieten kann, ist eine Ausbildung dort auch nicht erstrebenswert“, warnt Hanke. „Kann diese Entwicklung nicht gestoppt werden, droht in Zukunft ein Rückgang an Vielfalt und Qualität im deutschen Tourismus.“

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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