Mangelberuf

Ärzte verzweifelt gesucht

Von Andreas Mihm
22.11.2007
, 12:30
Tausende Ärzte suchen ihr Heil anderswo
Dass noch Ärzte arbeitslos gemeldet sind, mag verwundern. Denn Mediziner können sich immer öfter aussuchen, wo und für wen sie arbeiten. Mit ihrem Einkommen geht es bergauf, mit der Stimmung bergab.
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Die Ärzte schlagen Alarm. In den kommenden fünf Jahren werden mehr als 41.000 Mediziner in den Ruhestand gehen, bis 2017 sogar 77.000. Das haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Bundesärztekammer ausgerechnet. "Uns bricht der Nachwuchs weg", klagt Jörg-Dietrich Hoppe, der Präsident der Bundesärztekammer, und legt sorgenvoll die schmale Stirn in Falten. Bei Hausärzten zeigt die Fallzahlkurve leicht, aber stetig nach unten. Eine Studie der KBV zur Entwicklung der Zahl und Altersstruktur von Ärzten nennt Augen-, Frauen-, Haut- und Nervenärzte als "Fachgruppen, bei denen Versorgungsengpässe drohen".

Steht das Land vor einem ärztlichen Versorgungsnotstand? Nicht die Spur, heißt es bei den Krankenkassen. 2006 sei die Zahl der Ärzte in Deutschland um 1,2 Prozent gestiegen, einen solchen Zuwachs habe es seit dem Jahr 2000 nicht mehr gegeben. 311.230 berufstätige Ärzte wurden im vergangenen Jahr gezählt, mehr als dreimal so viele wie 1960.

Dramatische Lage auf dem Land

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Auch im internationalen Vergleich erscheint die Lage nicht so beklagenswert. Laut OECD lag die Arztdichte in Deutschland mit 34 Ärzten je 10.000 Einwohner über dem Durchschnitt der 30 untersuchten Industriestaaten. Doch Hoppe warnt, dass mehr und mehr Haus- und Fachärzte die Pensionsgrenze erreichten und ausreichender Nachwuchs nicht in Sicht sei. In ländlichen Gebieten Ost- wie Westdeutschlands sei die Lage teils dramatisch. Patienten müssen längere Wartezeiten oder Anfahrten in Kauf nehmen, Hausbesuche werden seltener. Mit spektakulären Aktionen wie mietfreien Wohnungen versuchen Bürgermeister Mediziner aufs Land zu locken - doch die gehen lieber in die Städte.

Der Arbeitsmarkt für Ärzte ist längst ein Anbietermarkt - sie können sich aussuchen, wo und zu welchen Konditionen sie arbeiten. Auf 100 und mehr Seiten offeriert das "Deutsche Ärzteblatt", Standesorgan der Mediziner, im Wochenrhythmus Stellenanzeigen. Dass noch Ärzte arbeitslos gemeldet sind, mag verwundern. Im Oktober hatte die Bundesagentur für Arbeit 3507 arbeitslose Ärzte registriert. Doch überstieg die Zahl der Abgänge (1396) die der Zugänge (1164) deutlich. In Krankenhäusern sind nach Schätzungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft bis zu 3000 Stellen unbesetzt. Dabei hatten die Kliniken schon 2006 die Zahl der Ärzte um 3,4 Prozent gesteigert, zur Erfüllung von Tarifverträgen und europäischem Recht.

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Nicht alles hängt am Geld

Seit den Streiks im vergangenen Jahr bekommen die Ärzte im Krankenhaus mehr Geld, und auch in niedergelassener Praxis werde es 2009 finanziell wieder bergauf gehen, sagt Kassenärztechef Köhler ("Man kommt auf 85 .000 Euro im Jahr"). Doch die Berufszufriedenheit hängt nicht allein am Geld. Verbaute Aufstiegschancen, Probleme, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen, fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und die Bürokratisierung ärztlicher Tätigkeiten schrecken ab.

53 Prozent der Klinikärzte erwägen laut einer Umfrage der Gewerkschaft Marburger Bund, den Job "an den Nagel zu hängen". Mindestens 16.000 suchen ihr Heil im Ausland, hat die Bundesärztekammer registriert (Die Mediziner zieht es ins Ausland). Fast 2600 gingen im vergangen Jahr, 2005 waren es 2250 und im Jahr davor 2730. Die meisten zieht es nach Großbritannien, Amerika und in die Schweiz. Zumindest der Zahl nach wird der Schwund durch Zuzug ausgeglichen: 16.080 ausländische Ärzte arbeiteten 2006 in Deutschland, mehr als 5700 stammten aus Osteuropa. "Keine tragfähige Lösung", sagt Kassenärztechef Köhler. Der Zuzug fülle nicht die Lücke, zum anderen schlitterten so die Herkunftsländer in den Ärztemangel.

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Quelle: F.A.Z., 17.11.2007, Nr. 268 / Seite C5
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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