Medizin

Ärztemangel auch im Westen

10.10.2007
, 13:00
Immer mehr Studenten wechseln während des Studiums das Fach oder wählen lukrativere Berufe in der Wirtschaft. 16.000 Ärzte arbeiten im Ausland. „Uns bricht der Nachwuchs weg“, warnt Ärztepräsident Hoppe.
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Der Ärztemangel erfasst auch die alten Bundesländer. Neben 34 ostdeutschen gelten auch 30 westdeutsche Bezirke als unterversorgt. Es fehlen nicht nur Hausärzte, sondern auch Augen-, Frauen-, Haut- und Nervenärzte. Der Mangel ist doppelt dramatisch, weil in Zukunft mit steigenden Patientenzahlen zu rechnen ist. Häufig kann die haus- und fachärztliche Versorgung nur durch ausländische Ärzte aufrechterhalten werden. Das geht aus einer neuen Untersuchung hervor, welche die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am Dienstag in Berlin vorgestellt haben.

Die Lage dürfte sich in den kommenden fünf Jahren weiter verschlechtern, da mehr als 41.000 Mediziner ausscheiden, aber nicht alle von jüngeren Ärzten ersetzt werden. "Uns bricht der Nachwuchs weg", warnte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe. Obwohl es so viele freie Stellen gebe wie nie zuvor, sinke die Zahl der Absolventen und jungen Ärzte Jahr für Jahr. "Wir laufen in einen eklatanten Ärztemangel hinein", sagte auch der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Köhler. Immer mehr Studenten wechselten während des Studiums das Fach oder wählten nach der Approbation lukrativere Berufe in der Wirtschaft. Außerdem arbeiteten zurzeit etwa 16 000 Ärzte im Ausland. Etwa ein Viertel der Medizinabsolventen gehe auf diese Weise der kurativen Medizin in Deutschland verloren. Der Zuzug von ausländischen Ärzten, vor allem aus Osteuropa, reiche nicht aus, um die Lücke zu schließen.

Forderungen an die Politik

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Die Politik müsse daher die Arbeitsbedingungen der Ärzte in Deutschland verbessern: "Das heißt: angemessene Vergütung ärztlicher Leistungen, weniger Zeit und Kraft verschlingende Bürokratie und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf." Die Kassenärztlichen Vereinigungen selbst hätten schon Maßnahmen ergriffen, um die Situation zu verbessern. So habe man die Anstellung von Medizinern - auch in Teilzeit - erleichtert sowie hälftige Zulassungen und die Gründung von Zweigpraxen ermöglicht. Außerdem könnten die Kassenärztlichen Vereinigungen in unterversorgten Gebieten Umsatzgarantien geben und Eigeneinrichtungen mit angestellten Ärzten gründen. Insbesondere in ländlichen Gebieten werde es immer schwieriger, eine allgemeinmedizinische Praxis zu verkaufen, sagte Köhler. "Jeder potentielle Nachfolger stellt sich die Frage, ob die demographische Entwicklung mit häufig überalterter Bevölkerungsstruktur, fehlenden Kollegen zur Bedienung des Notdienstes und einer mangelhaften Infrastruktur dauerhaft den Lebensunterhalt seiner Familie sichern kann."

Dringend notwendig sei eine Abkehr von der Rationierungspolitik der vergangenen Jahre, sagte Hoppe. Andernfalls drohe eine veritable Versorgungskrise. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund warf der Bundesregierung Versagen bei der Bekämpfung des Ärztemangels vor. Der Verbandsvorsitzende Frank Ulrich Montgomery forderte ein Fünf-Punkte-Sofortprogramm, um die Attraktivität des Berufes zu verbessern. Dazu müssten die Ärztehonorare im ambulanten Sektor aufgestockt, die Klinikbudgets weit über die beschlossenen 0,64 Prozent hinaus erhöht und das Weiterbildungsprogramm Allgemeinmedizin besser vergütet werden. Außerdem solle die von den Kliniken zu leistende Abgabe in Höhe von 0,5 Prozent zur Sanierung der Krankenkassen zurückgenommen und mit dem Bürokratieabbau Ernst gemacht werden. Mittelfristig forderte Montgomery die Abschaffung sämtlicher Budgets. Zudem müsse die Finanzierung der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung auf eine solide Grundlage gestellt und von den Beiträgen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer "losgeeist" werden.

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Quelle: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite 13
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