Mobilität und Gesundheit

ICE statt Umzugswagen

Von Nadine Bös
08.09.2010
, 10:37
Längst nicht mehr nur Fern-, sondern auch Pendlerzug: Der ICE
Wer eine Stelle weit weg von zu Hause annimmt, steht vor der Frage: Umziehen oder pendeln? Die Deutschen wählen gern Letzteres. Und setzen ihre Gesundheit aufs Spiel: Mehr Stress, weniger Bewegung - und weniger Zeit für den Zahnarztbesuch.
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Es gab Zeiten, da verbrachte Conni Menschel mehr Stunden am Tag in einem grün gepolsterten ICE-Sessel als auf dem Sofa im heimischen Wohnzimmer. Im Wagen 34 war sein Stammplatz, gleich hinter dem BordBistro. „Dort traf sich immer so eine Art Reisegruppe“, erinnert er sich. „Zehn Leute waren wir, alle pendelten täglich von Hannover nach Berlin.“ Sie saßen jeden Morgen zusammen, erzählten über die Familie oder den letzten Urlaub, oder sie lästerten über die Bahn. Selten sprachen sie über den eigentlichen Anlass für die weite Zugfahrerei: Der Arbeitsplatz in Berlin, die Familie in Hannover. „So war es bei uns allen.“ Die Fahrgemeinschaft sah das als unabänderliches Schicksal.

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Egal ob ICE oder Regionalbahn, ob Auto oder Bus: Mehr als 1,4 Millionen Deutsche brauchen täglich eine Stunde oder länger, um die einfache Wegstrecke zu ihrem Arbeitsplatz zu überwinden. Das geht aus dem Mikrozensus 2008 hervor, aktuellere Erhebungen sind nicht zu bekommen. Viele Erwerbstätige nehmen die langen Strecken in Kauf, weil sie das Beste aus zwei Welten miteinander vereinbaren wollen: den spannenden Arbeitsplatz mit dem Häuschen im Grünen. Den Traumjob der Ehefrau mit dem Traumjob des Ehemanns. Schnelle Fernverkehrsverbindungen erlauben ihnen, sich für das Fernpendeln, statt für einen Umzug zu entscheiden. Viele verkennen aber, was sie sich damit antun, mahnen nun zunehmend Experten, wie Steffen Häfner, Facharzt für Psychosomatische Medizin an der Uniklinik Tübingen.

Zweienhalb Stunden einfache Strecke

Etwa 100 Minuten dauerte zum Beispiel Conni Menschels einfache Fahrstrecke von Hannover nach Berlin. Dazu kamen für ihn noch 30 Minuten Weg von zu Hause zum Bahnhof und 20 Minuten vom Bahnhof zu seinem Arbeitsplatz beim Elektronikhersteller Sony. Machte insgesamt zweieinhalb Stunden. „Anfangs war das noch ganz lustig“, erinnert sich der Informatikkaufmann. „Aber nach einer Weile ging es mir richtig an die Substanz.“ Menschel bekam Schlafstörungen und litt unter Konzentrationsschwäche. „Außerdem fing ich mir im Zug eine Erkältung nach der anderen ein“, sagt er.

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Facharzt Steffen Häfner kennt solche Schilderungen gut. „Schlafmangel, Magenbeschwerden, Rückenschmerzen, Übergewicht, psychische Probleme, häufige Infektionskrankheiten - die Liste der Leiden, die Berufspendler öfter treffen als andere Arbeitnehmer, ist lang“, sagt er. Ursache sei zum einen erhöhter Stress. „Bahnpendler kämpfen mit Verspätungen, Autopendler mit Staus. Da ist ständig dieser Druck. Die einen haben Angst, zu spät zu Terminen zu kommen, die anderen fürchten, abends ihre Kinder nicht mehr wach zu sehen.“ Es gebe aber auch handfeste körperliche Folgen, etwa durch Bewegungsmangel oder unregelmäßiges Essen. Und dadurch, dass vielen Pendlern die Zeit fehlt, zu Vorsorgeuntersuchungen zum Arzt zu gehen. „Eine Studie zeigt etwa, dass Pendler schlechtere Zähne haben, weil sie ihre Zahnarzttermine nicht auf die Reihe bekommen“, sagt Häfner. Aufgrund all dieser Nachteile kommt der Arzt zu dem Schluss: „Wenn das Fernpendeln eine Dauereinrichtung ist, würde ich dringend empfehlen, über einen Umzug nachzudenken.“

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Die Deutschen sind echte Umzugsmuffel

Pendeln oder umziehen? Was ist gesünder? Diese Frage stellte sich auch ein Team um den Soziologieprofessor Norbert Schneider vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Die Forscher haben 7220 Telefoninterviews mit Pendlern und Dienstreisenden geführt, aber auch mit Menschen, die sich statt fürs Pendeln für einen Umzug entschieden haben, und mit sogenannten „Nicht-Mobilen“, also mit Vergleichspersonen, die für ihre Arbeit gar keine weiten Strecken überwinden müssen. Unter anderem fragten die Forscher die Interviewten nach ihrem Gesundheitszustand und fanden heraus: Fernpendler, die für den einfachen Weg zur Arbeit länger als eine Stunde brauchen, sind kränker und gestresster als Menschen, die sich für einen Umzug entschieden - jedenfalls dann, wenn der Umzug schon länger als anderthalb Jahre her ist.

Allerdings: Die Deutschen sind echte Umzugsmuffel. Laut einer noch unveröffentlichten Untersuchung des Teams um Norbert Scheider entscheiden sich nur 22 Prozent der beruflich mobilen Deutschen für einen Umzug. 68 Prozent sind dagegen entweder Pendler oder so häufig auf Dienstreise, dass sie öfter als 60 Mal im Jahr auswärts übernachten. Der Rest der Befragten gibt an, sowohl umgezogen zu sein als auch häufig zu reisen. Ähnliche Trends zeigen sich für ganz Europa: „Das tägliche Fernpendeln ist besonders populär. Europäer meiden wo immer möglich die Entwurzelung, bleiben in ihrer Heimat und innerhalb ihrer sozialen Netzwerke“, schreiben die Wissenschaftler Detlev Lück und Silvia Ruppenthal in dem Buch „Mobile Living Across Europe II“, das Mitte September erscheint.

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Fernpendler Conni Menschel sah für sich selbst einen Umzug schlicht als „keine Option“. Er sei „totaler Familienmensch“, eine Wochenendbeziehung könne er sich nicht vorstellen. „Meine Frau aber hatte beruflich keine Möglichkeit, nach Berlin zu wechseln“, berichtet er. „Sie ist Lehrerin, und da ist es sehr schwierig, wenn Bundesländergrenzen im Spiel sind.“ Für ihn aber sei die Arbeit für Sony in Berlin eine spannende Herausforderung gewesen. Für die Pendellösung habe er sich deshalb ohne langes Zögern entschieden. „Was das wirklich heißt, habe ich unterschätzt.“ Es dauerte ein gutes halbes Jahr, bis er Veränderungen an sich wahrnahm: „Mir fiel auf, dass ich immer müde war, immer geschlaucht. Es ging mir wirklich schlecht. Selbst am Wochenende. Der Sonntag war genauso übel wie der Freitag.“ Nach einem Jahr Pendelei war Menschel so oft krank, dass es sich merklich auf seine Fehlzeiten bei der Arbeit auswirkte.

„Viele Arbeitgeber wissen gar nicht, wer pendelt und wer um die Ecke wohnt“

„Wie Beschäftigte zur Arbeit kommen, wie lange sie dafür brauchen und wie es ihnen dabei geht - solche Fragen gelten unter den meisten Arbeitgebern noch immer als Privatsache“, hat der Soziologie-Professor Norbert Schneider im Zuge seiner Untersuchungen festgestellt. „Viele wissen gar nicht, wer Fernpendler ist und wer um die Ecke wohnt. Und viele Fernpendler schweigen über ihre Mobilität, weil sie fürchten, dass sie hinterher als unproduktiv gelten und die ersten sind, die in einer Krise rausfliegen.“

Tatsächlich haben die großen Arbeitgeberverbände BDA und BDI auf die Frage nach der richtigen Strategie im Umgang mit Fernpendlern keine Antwort. Wissenschaftler hingegen sind längst alarmiert. Das Institut für Arbeit und Gesundheit, das im Auftrag der Gesetzlichen Unfallversicherung Gesundheitsrisiken in der Arbeitswelt erforscht, veranstaltete kürzlich eigens einen Expertenkongress zum Thema. „Wir müssen aufpassen, dass uns nicht irgendwann die Folgeleiden, die aus beruflicher Mobilität entstehen, geballt überraschen“, findet Institutsleiter Dirk Windemuth.

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Dehnübungen für den Zug

Auch das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sieht Unternehmen in der Pflicht, sich um ihre mobilen Beschäftigten zu kümmern. „In Zeiten des Fachkräftemangels kann es sich eigentlich niemand mehr leisten, die Gesundheit der Mitarbeiter aufs Spiel zu setzen“, sagt der IW-Arbeitsmarktfachmann Axel Plünnecke und verweist auf „jede Menge Möglichkeiten“, die es gibt, Pendlern das Leben leichter zu machen. „Das fängt an bei flexiblen Arbeitszeiten und endet bei speziellen Gesundheitskursen, in denen man Dehnübungen lernt, die man auch im Zug machen kann“, sagt Plünnecke. „Flexible Vereinbarungen könnten zum Beispiel beinhalten, an vier Tagen in der Woche länger zu arbeiten und am fünften gar nicht.“

Telearbeit sei eine weitere Möglichkeit oder die gezielte Nutzung von Reisezeit als Arbeitszeit. „Ob jemand im ICE am Laptop sitzt oder am Schreibtisch, ist oft egal.“ Plünnecke weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht: Seit vier Jahren pendelt er selbst täglich von Frankfurt nach Köln. Insofern ist es ihm auch ein Stück Herzensangelegenheit, das Schicksal der Pendler auf die Agenda der Unternehmen zu heben. Bislang sei die Pendlerfrage dort „eher ein Nischenthema“.

So endet wohl noch manche lange ICE-Reise wie die von Conni Menschel. Nach etwa einem Jahr kündigte er die Stelle in Berlin und heuerte wieder bei seiner alten Firma, dem Softwareunternehmen Vicon in Hannover an. Dort freute man sich, einen bewährten Mitarbeiter zurückholen zu können - mittlerweile sogar mit Zusatzqualifikation: Inzwischen hatte Menschel per Fernstudium den Bachelor of Business Administration erworben. Den Entschluss, das Pendeln aufzugeben, hat er nie bereut. „Kein Job der Welt ist es wert, dass man sich so kaputt macht.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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