Serie „Ich mach mein Ding“

Der Eismann, der aus dem Wasser kam

Von Uwe Marx
01.08.2015
, 06:00
Markus Deiblers großer Traum: Sein Eiscafé
Markus Deibler war Spitzenschwimmer, Weltmeister und Weltrekordhalter. Aber er wollte Eis machen, schmiss alles hin - und lieferte eine zweite Erfolgsgeschichte. Erster Teil unserer Serie „Ich mach mein Ding“.
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Das ist der Vorteil gegenüber einer Bäckerei“, sagt Markus Deibler. „Wir machen erst um 12 Uhr auf.“ Er ist also nicht zum frühen Aufstehen verdammt, auch wenn es immer wieder vorkommt. Abgesehen davon, ist der Schwabe, der in Hamburg heimisch wurde, in einem Sehnsuchtsgewerbe aktiv, das an lange, heiße Sommer denken lässt. An Urlaub, Italien, den Geschmack von Vanille, Schokolade, Früchten, Sahne. Dabei ist Deiblers Geschmackswirklichkeit noch viel variantenreicher: Limette-Salbei, Cheesecake-Himbeer, Zitrone-Thymian, Mango-Chili. Und das sind nur vier von vielen Beispielen. Markus Deibler verkauft nämlich in St. Pauli selbstgemachtes Eis, nur eine Querstraße entfernt von der Reeperbahn.

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Das Luciella’s, das er hier mit Luisa Mentele, der früheren Freundin seines Bruders, vor etwa zwei Jahren gegründet hat, steht für die Erfüllung eines Traums - aber auch für eine biographische Wendung, wie sie nicht oft vorkommt. Als Deibler seine Eisdiele eröffnete, war er einer der besten Schwimmer Deutschlands. Und als er Ende des Jahres 2014 seine Sportlerkarriere beendete, wurde er endgültig ein Umsteiger mit Seltenheitswert. Er war gerade bei der Kurzbahn-WM in Doha Weltmeister über 100 Meter Lagen geworden, Weltrekordler obendrein, ein heißer Kandidat für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Rio des Janeiro, gerade mal 24 Jahre alt. Sei’s drum, er ließ das alles hinter sich. Und machte weiter in Eis, intensiver denn je.

„Ich hatte einfach Bock, was anderes zu machen“, sagt er. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als Höchstleistungen in Reichweite waren und von außen betrachtet alles dafür sprach, die Sportlerkarriere entschlossen fortzusetzen. Aber beides zusammen, Eis und Wasser, das sei nicht mehr gegangen, sagt Deibler. Diese Erfahrung hatte er schon mal gemacht: dass man nämlich nur eine Sache richtig machen kann, nicht aber zwei auf einmal. Deshalb hatte er sich einst auch gegen sein Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg entschieden, wo er in Wirtschaftsingenieurwesen eingeschrieben war. „Vollzeit schwimmen und richtig studieren - da hätte ich gar keine Zeit mehr für andere Sachen gehabt.“ Also verließ er die Uni. Deshalb kann er heute auch sagen: „Aus meinem Studium habe ich für die Idee mit der Eisdiele nichts mitgebracht. Es hat mir nichts Nennenswertes gebracht.“

„Riesen-Risiko“

Hier ist also keiner zum Kleinunternehmer geworden, der sich darauf von langer Hand und durch eine Hochschulausbildung vorbereitet hat. Auch familiär ist Deibler nicht vorbelastet. Er kommt aus einer Lehrerfamilie, hier gehe es traditionell eher um Sicherheit als um berufliches Risiko, erklärt er. Allerdings: „Ich bin eher der Typ, der Dinge macht, die andere nicht unbedingt erwarten.“ Zum Beispiel mit viel Herzblut Eis herstellen und verkaufen. Sein Bruder Steffen dagegen, ebenfalls ein deutscher Spitzenschwimmer, ist immer noch aktiv und macht gerade seinen Bachelor in Umwelttechnik.

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Die Unternehmensgründung sei aber nicht nur eine romantische Angelegenheit gewesen, sondern ein „Riesen-Risiko“. Als Schwimmer habe er besser verdient, außerdem musste er nicht so viel investieren. Er habe sich von Bekannten Geld geliehen und Reserven aus seiner Zeit als Sportler angefasst. Eine sechsstellige Summe kam da zusammen, und es war absehbar, „dass wir viel Eis verkaufen müssen, um davon leben zu können“.

Die alten Eismaschinen tun's auch

Inzwischen sind sie auf einem guten Weg. Und das auch ohne den Bonus eines mehrmaligen deutschen Meisters und Olympiateilnehmers. Deshalb hängen auch keine Medaillen oder Fotos aus seiner aktiven Zeit in der Eisdiele. Hier gebe es Eis, aber kein Weltmeister-Eis. Zumal er ja nicht allein ist. Die Freundin hat nach einem Auslandssemester in Italien die Idee mit der Eisdiele angeregt, danach lief alles unter dem Motto: entweder richtig oder gar nicht. Und richtig, das bedeutete bei den beiden Jungunternehmern: handgemacht, natürlich, puristisch. Also kommen im Luciella’s, das in einem früheren Blumenladen untergebracht ist, nur Milchprodukte aus Hamburger Milchhöfen und frische Zutaten ins Eis, sonst nichts. 1,30 Euro kostet die erste Kugel, 1,10 Euro die zweite, die etwa zehn Sorten wechseln täglich. „Unsere Kunden müssen sich überraschen lassen“, sagt der Eismacher. 350 Sorten haben sie seit der Gründung schon angeboten. Sein persönlicher Favorit ist gerade Milchreis. Zu den ersten Investitionen gehörten zwei italienische Eismaschinen der Marke Cattabriga, Neupreis 25.000 Euro. Deibler fand auf Ebay zwei alte, die tun’s auch.

Inzwischen verkauft er nicht nur im eigenen Laden, sondern auch an ein halbes Dutzend Cafés und einige Edeka-Filialen in der Umgebung. Ohnehin ist Deibler schneller als gedacht zum Experten in Fragen des Eistransports geworden. Und zwar auch für längere Strecken. Für die kürzeren reicht noch der eigene Kleintransporter, aber ohne Tiefkühlspeditionen, die sein Eis palettenweise verschicken, kommt er heute nicht mehr aus. Es wurde sogar schon bis ins Schwäbische geliefert, denn da liegt seine Heimatstadt Biberach, und Deibler fand die Idee charmant, auch dort sein Eis anzubieten. Bei einem Trainee-Programm in der örtlichen Sparkasse, die zu aktiven Zeiten einer seiner Sponsoren war und zum Abschied die Schulung spendiert hatte, knüpfte er Kontakte zu einem Supermarkt und schickte kurze Zeit später die erste Ladung von Hamburg los: 500 kleine Becher à 135 Milliliter, 200 große à 500 Milliliter. Kein Wunder, wenn er sagt, dass die Arbeit zwar „sehr schön, aber auch körperlich anstrengend“ ist. Allerdings weiß er um die Grenzen der Expansion. „Ein weiterer Laden wäre noch zu viel. Zumal die Eisdielendichte in Biberach recht hoch ist.“

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Seinem vom Schwimmen geformten Oberkörper und seinen Oberarmen sieht man an, dass er als Hochleistungssportler Schwerstarbeit gewohnt war. Das Schwimmen habe in seinem Leben inzwischen aber keinen Platz mehr, erklärt er. Er habe abtrainiert, wie es Spitzenathleten tun sollten, damit der Körper nach all den Anstrengungen und dem plötzlichen Ruhemodus nicht rebelliert. Mehr sei aber nicht drin. „Das ist ja auch kein Hobby, was wir hier machen. Dafür steht zu viel auf dem Spiel.“ Deshalb kennt er auch längst Arbeitstage, an denen er morgens um halb sieben das Haus verlässt und erst wieder am Abend um elf zurück ist. Inzwischen ist der Schwimmer in ihm kaum noch zu erkennen. Sein Bruder, erzählt Deibler, fühle sich schon nach ein paar Tagen ohne Sport unwohl. Das geht vielen Spitzenathleten so. Bei ihm ist das aber anders: „Ich kann auch monatelang mal nichts machen.“

„Keine großen Sprünge“

Dafür ist beruflich jetzt eine größere Disziplin denn je nötig. Zum einen, weil Markus Deibler trotz aller geschäftlichen Erfolge noch „keine großen Sprünge“ machen kann, wie er sagt. So stockt er sein Einkommen noch dadurch auf, dass er dann und wann Vorträge hält oder sich bei Triathlon-Seminaren einbringt - denn auch für die jahrelangen Erfahrungen eines früheren Weltklasseschwimmers gibt es noch einen Markt. Zum anderen wächst die Geschäftsidee inzwischen über die bislang noch bescheidene Infrastruktur hinaus. Das Luciella’s ist eine kleine Eisdiele, es gibt nur „Eis to go“. Zugleich betont Deibler: „Wir haben Bock auf was Zweites.“ Gut möglich also, dass es demnächst eine weitere Filiale in Hamburg gibt. Nicht schlecht für zwei Anfänger, die schon bei ihrem Start Widrigkeiten trotzen mussten: Das Luciella’s öffnete direkt neben einer anderen Eisdiele, außerdem gibt es in Hamburg alles in allem nicht zu wenig Anbieter. Eine Haltung aber hat beide von Anfang an getragen: „Das kriegen wir besser hin.“

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Und zwar so gut, dass inzwischen ein Festangestellter und mehrere Aushilfen mit anpacken, um alle Kundenwünsche zu erfüllen. Und das ist vermutlich erst der Anfang. „Wir könnten viel schneller viel größer werden, wenn wir nicht alles selbst machen würden.“ Aber etwas anderes komme nicht in Frage. Als potentiellen Lohnhersteller für andere sehen sich die beiden Jungunternehmer nicht, da kann der Start noch so verheißungsvoll gewesen sein. Zumal ja auch auf dem einmal eingeschlagenen Weg noch einiges möglich scheint. Markus Deibler hält nach so vielen Jahren im Spitzensport noch Kontakt zur Szene und hat in Gesprächen erfahren, dass Olympische Spiele noch einmal interessant für ihn werden könnten - nicht als Schwimmer, sondern als Lieferant von Eis.

Das Deutsche Haus, traditionell erste olympische Anlaufstelle für Athleten, Funktionäre, Sponsoren, Journalisten, hat für 2016 in Rio de Janeiro nämlich noch keinen Partner. 2012 in London war das noch Langnese. Deibler hat schon nachgedacht, spricht von den Schwierigkeiten bei Lagerung und Produktion vor Ort und von den „100 000 Genehmigungen“, die nötig wären. Er spielt mit dem Gedanken, sagt aber auch: „Es ist eine witzige Idee, aber Stand heute nicht sehr realistisch.“ Seine Geschichte wäre auch ohne Rio bemerkenswert genug.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Zwei junge Kamelfarmer in Oberbayern und ihre kurzen Karawanen durchs malerische Mangfalltal.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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