Sprache im Beruf

Unsere Unworte 2021

Von F.A.Z.-Autoren
31.12.2021
, 14:26
Die Corona-Pandemie belastete auch 2021 unser Arbeitsleben.
Ob Dumpfdeutsch oder Denglisch, diese Wörter können und möchten wir im kommenden Jahr nicht mehr hören: Unsere böse Liste von ungeliebten Begriffen aus den Bereichen Beruf, Büro und Bildung.
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Tschuldigung, das ist noch die alte Hand

Die Covid-19-Pandemie hat zu Körperlosigkeit geführt. Masken verdecken Gesichter und verstecken Mimik, Umarmungen sind ohnehin out. Und wer sich beruflich trifft, verbeugt sich sachte oder schlägt maximal Fäuste, Füße oder Ellenbogen kurz gegeneinander. Sowieso werden viele reale Treffen weiter durch Videokonferenzen ersetzt. Was an Physis anderswo fehlt, stößt aber gerade in den Bildschirmgesprächen immer wieder unangenehm auf. Zwar ist es ein Segen, dass Teilnehmer sich dort zu Wort melden können, indem sie ihre Hand digital recken. Doch wenn der Vorredner das Argument schon gebracht hat und das Konferenzsystem mal wieder zu langsam reagiert, kann es zäh werden. Zumal, wenn das Mikrofon noch stummgeschaltet ist. Wer dann aufgerufen wird, aber nichts mehr zu sagen hat oder sagen will, entgegnet gern einen Satz, der an „Schnee von gestern“ erinnert, nur makabrer: „Tschuldigung, das ist noch die alte Hand.“ Es wird wirklich Zeit, dass sich wieder alle von Angesicht zu Angesicht sehen, alte und vielleicht auch neue Hände schütteln und Diskussionen mit „Hat sich erledigt!“ nicht länger aufhalten. magr.

Multi-Space-Büro

Es klingt nach Aufbruch, nach – in dieser Gestaltung – noch nie Dagewesenem. Eine neue Innovation, überschlagen sich die Raumplaner und treiben den weißen Schimmel durch die schicke Arbeitswelt. Gemeint ist aber ein alter Hut, arbeitgeberfreundlich, weil preiswert und platzsparend, nämlich das mittelgute, alte Großraumbüro. Zugegebenermaßen, es wird aufgewertet, die Möbel sind geschmackvoll-modern, es sieht wohnlich aus, das Auge arbeitet mit . . ., aber all das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Menschen inmitten einer größeren Schar von Mitmenschen arbeiten und sich konzentrieren müssen. Will jeder Kopfarbeiter, der hochkomplexe Themen durchgrübelt, ins Multi-Space oder mit juckenden Kopfhörern da hocken, statt einfach mal die Tür zu schließen? Wo doch schon das Multitasking so ein ineffizienter Unfug ist. Will er sich wirklich in die Arbeitsbox zurückziehen im wuseligen „Marktplatz“, davon ist auch gerne modisch die Rede? Oder wünscht er sich sein Einzelbüro zurück? Tür zu, fertig. Um nicht zu vereinsamen, reicht ein muckeliger Gemeinschaftsraum. Also wenn schon, dann bitte auch vom Großraumbüro reden. Klingt nicht prickelnd, aber ehrlich. uka.

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Holistisch

Wer als Arbeitgeber jung, modern und zukunftsorientiert auftreten will, kommt um ein bestimmtes Vokabular kaum herum. Gleichzeitig kann die Arbeitswelt ja nicht von heute auf morgen völlig neu gedacht oder gar umgekrempelt werden. Aber wenigstens das Wording (noch so ein denglisches Unwort aus dem beruflichen Kontext), also die Art und Weise, wie sich ein Unternehmen möglichst einheitlich nach außen präsentiert, soll dann doch bitte suggerieren, dass hier keine Sklaventreiber am Werk sind. Wer beispielsweise seine Arbeitnehmer oder Unternehmensführung als „holistisch“ betrachtet, sieht sie dem griechischen Ursprung des Wortes folgend als „ganzheitlich“. So schön nichtssagend das klingt, so viel heiße Luft ist oftmals auch dahinter. Denn: Wer seine Belegschaft als Menschen begreift, die zum einen nicht nur für die Arbeit allein leben, sondern auch ein Privatleben haben und unterschiedliche Tempi und Modi bei ihrem täglichen Tun bevorzugen und es sogar goutieren, ihre Arbeitszeit flexibel und selbstverantwortlich einteilen zu können; wer dafür sorgt, dass sich seine Mitarbeiter wohlfühlen in ihrer Arbeitsumgebung, weil das Geist und Körper beflügeln kann; wer eine gute Zusammenarbeit fördert, anstatt lauter Einzelkämpfer heranzuziehen: der hat ja nicht das Rad der schönen neuen Arbeitswelt neu erfunden. Er tut womöglich einfach nur so. Eva Heidenfelder

Bottleneck

Es gibt wenig gegen das schöne Wort Engstelle zu sagen, allenfalls dass es zu selten verwendet wird. Dabei regt es die Phantasie an: Der eine mag an Naturbilder denken, Flusslandschaften oder Felsspalten etwa, andere an heikle Fahrmanöver im Innenstadtverkehr, und sensible Gemüter könnten klaustrophobische Anwandlungen haben. Viel mehr kann man von einem Substantiv nicht erwarten. Diese wunderbare Engstelle durch Engpass oder Nadelöhr zu ersetzen, womöglich durch Flaschenhals – geschenkt. Aber „Bottleneck“ auszupacken, um deutlich zu machen, dass der Durchlass irgendwo hakt, dass es eng wird an einer Stelle, etwas nicht gut funktioniert, das ist im Berufsalltag so verbreitet wie befremdlich. Das vermeintlich anglophil-lässige Vokabular klingt eher vulgär, es erinnert an das amerikanische Schimpfwort Redneck. Oder an Bullneck, das – übertragen auf Menschen – auch nicht gerade schöne Bilder vor Augen führt. Mit der Engstelle wäre das nicht passiert. umx.

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GuMo, liebe KuK

Fasse Dich kurz! – so stand es bis in die Siebziger in deutschen Telefonzellen. Zu Recht, schließlich hatten damals nur wenige Menschen einen Telefonanschluss daheim, ganz zu schweigen von einem Smartphone mit Internet. Öffentliche Fernsprecher nicht über die Maßen zu besetzen war ein Dienst an der Allgemeinheit. Im heutigen Zeitalter der Überkommunikation gibt es dagegen keinen Grund mehr, sich kurzzufassen. Dennoch tun es viele an der vollkommen falschen Stelle und halten sich dabei wohl auch noch für sehr modern. Bestes Beispiel: die E-Mail-Anrede „GuMo, liebe KuK“. Wer nicht einmal die Zeit und die Höflichkeit besitzt, „Guten Morgen“ sowie „Kolleginnen und Kollegen“ auszuschreiben, kann auf das „liebe“ gern verzichten und sollte das mit der Kommunikation generell noch mal überdenken. Das soll kein Aufruf sein, Nachrichten mit Nichtigkeiten oder Sinnlosigkeiten vollzumüllen. Doch mag eine gruppenspezifische Grußformel auch noch so floskelhaft daherkommen – sie gehört zu den guten Umgangsformen. Und die sind nie sinnlos. magr.

Homeschooling

Es gab mal Zeiten, da war Homeschooling ein Begriff aus den Sphären der Gegner der Schulpflicht. Da gab es Gruppen, sogenannte „Homeschooling-Befürworter“, die sich vor allem online fanden, über die Zumutungen des Schulsystems wetterten und darüber lamentierten, dass es verboten war, die Schneeflocken ihre ganze Schullaufbahn über zu Hause zu unterrichten. In Corona-Zeiten dagegen ist das Wort „Homeschooling“ in den allgemeinen Sprachgebrauch so weit eingegangen, dass selbst die Rechtschreibkorrektur es nicht mehr rot unterringelt. Gern tritt es in der Begriffspaarung „Homeoffice und Homeschooling“ auf. Während aber im englischsprachigen Raum kein Mensch „Homeoffice“ sagt (das ist dort allenfalls das Innenministerium), ist „Homeschooling“ ein ziemlich lupenreiner Anglizismus. Das Cam­bridge Dictionary erklärt es als „teaching of children at home, usually by parents“. Genau: Statt mit einem englischen Begriff irgendwie zu suggerieren, das Zuhause mutiere auf magische Weise plötzlich zur Schule, wäre es doch besser, das Kind immerhin im Deutschen beim Namen zu nennen: Wie wär’s mit „Unterrichten durch Eltern“ oder „Selbstlernen zu Hause“? Die gängige Alternative „Distanzunterricht“ trifft es nämlich auch nur in den glücklichen Fällen, in denen gut digitalisierte Schulen, engagierte Lehrer und hochmotivierte Kinder voller Wissensdurst zusammentreffen (also selten). Im Falle berufstätiger Eltern wäre für die nächste Corona-Welle vielleicht auch zu überlegen, statt „Homeschooling“ wahlweise „Karrierebremse“, „Stressfaktor“ oder „Nervenzusammenbruch“ zu sagen. Die letzten beiden treffen’s auch aus dem Blickwinkel der meisten Kinder ganz gut. Aber das nur am Rande. nab.

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Sexy

Ein Unternehmensporträt des Wirtschaftsmagazins „Brand eins“ begann letztens mit einem Satz, der auf mindestens vier Ebenen verstörend war: „Mein Sohn, 14, findet Bratpfannen nicht wirklich sexy.“ Das Schlimmste dabei: Vor Abdruck hatte sich scheinbar niemand daran gestört, dass hier ein Wort offensichtlich falsch steht. Sexy. Marketingleute haben es einst aus dem Privatleben raus in die Unternehmenswelt gezerrt. Dabei waren sie so erfolgreich, dass heute kaum mehr auffällt, wie sehr sich „sexy“ verirrt hat. Mit einem antiquarischen Westernhagen-Brüller wird es verwendet, wenn es um Digitalisierung, Automarken, Ventiltechnik, ja um das ganze „Business“ geht. Dabei wäre es für alle besser, wenn man die Geschäftswelt Geschäftswelt und die Erotik Erotik sein lassen würde. Wie wäre es mal wieder mit einem soliden „gut“? Dann würden die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch nicht mehr so verstört blicken, wenn ihr Chef die betriebseigene Ventiltechnik preist.eis.

Rocket science

Was alles keine Raketenwissenschaft, also angeblich leicht zu lösen ist, variiert je nach Problemlage. Dieses Jahr fiel unter „keine Raketenwissenschaft“ oder „kein Hexenwerk“ nach Einschätzung von Politikern die Verringerung des CO2-Ausstoßes (Thekla Walker, Grüne), die Ausstattung von Klassenräumen mit Luftfiltern (Janine Wissler, Die Linke) sowie der Bau neuer Wohnungen (Olaf Scholz, SPD). Die Wendung bringt zum Ausdruck, dass man es mit Begriffsstutzigen zu tun hat, zu denen man selbst nicht zählt, weil man ja, um festzulegen, was keine Raketenwissenschaft ist, vorher wissen muss, was denn Raketenwissenschaft ist. Dass jedoch die Raketenwissenschaft auch nicht mehr das ist, für das sie immer gehalten wurde, haben jetzt Forscher herausgefunden. Sie hatten, wie die Weihnachtsausgabe des „British Medical Journal“ berichtet, die Intelligenz von Luft- und Raumfahrtfachleuten sowie Neurochirurgen mit der von Otto Normalverbrauchern verglichen. Heraus kam: keine großen Unterschiede in puncto Intelligenz. Allerdings stachen Raketenwissenschaftler oder Neurochirurgen mit bestimmten Fähigkeiten wie schneller Problemlösung oder Erinnerungsfähigkeiten hervor. Insofern wäre zu wünschen: Nicht mehr so oft genervt darauf zeigen, dass es so leicht sein könnte, wenn man nur wollte. Einfach selber den Raketenwissenschaftler in sich entdecken. ktr.

E-Meeten

Videokonferenzen sind erst einmal ziemlich praktisch, klar. Das hat einen spätestens die Pandemie gelehrt. Ebenso wie die Tatsache, dass sie auf Dauer und in Masse dann doch recht schnell auch ziemlich nervig werden können. Der Effekt wird noch verstärkt, wenn einem Gesprächspartner vorab per Mail ankündigen, sie freuten sich darauf, einen zu e-meeten. Wahrscheinlich ist diese unschöne Wortschöpfung für manche gar nichts Neues. Wer aber bislang davon verschont geblieben ist und sich nach dieser Offenbarung dabei erwischt, Gesprächspartner ungewollt genau so zu grüßen, verspürt gleich einen gewissen Hass auf sich selbst. Natürlich steht zu befürchten, dass sich das Wort wie andere Corona-Eigenheiten festsetzen wird. Immerhin wird es im viel zu großen Fundus der sprachlichen Katastrophen mancher Berufsgruppen untergehen, wenn dies nicht schon längst geschehen ist. Für alle anderen besteht womöglich noch Hoffnung. bfch.

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Boostern

Na, schon geboostert? Selten dürfte eine Frage einen solchen Raketenstart ins Repertoire der Small-Talk-Floskeln hingelegt haben wie die nach der Auffrischungsimpfung gegen Covid-19. Dem Booster eben. Im Sommer war der Begriff aus der Luft- und Raumfahrt noch ein weitgehend unbekannter. Die Blitzkarriere ist nicht verwunderlich, verheißt er doch, dass es ratzfatz vorwärtsgeht, hinaus aus der bleiernen Corona-Zeit. Zudem hat der geradezu lautmalerische Booster sprachlich im Vergleich zum gängigen Pandemie-Vokabular etwas zu bieten. Buuuuhster – das klingt kraftvoll, dynamisch. Wie gemacht für Macher und solche, die es werden wollen. Manchen kommt das Wort geradezu lustvoll über die Lippen. Ob unter Kollegen oder im Kundenkontakt, mit Freunden oder in der Familie – neuerdings wird geboostert, wo eine Sache nur schneller gehen, ein Thema Fahrt aufnehmen soll oder eine katalysatorische Wirkung erwünscht ist. Booster hier, Booster da – hoffen wir mal, dass die Wirkung nicht zu schnell verpufft. bir.

Überhaupt, die Pandemie-Begriffe . . .

Im Ernst, der ganze Corona-Mist geht uns doch allen schon genug auf den Zeiger: Warum greift man die Begriffe dann noch überall sonst auf? Boostern, wie die Kollegin Ochs schreibt, statt beschleunigen, impfen oder Immunität aufbauen statt vorbeugen oder vorbereiten, Lockdown statt dichtmachen oder schließen. Wie sadistisch muss man eigentlich sein, die Begriffe der Pandemie, die uns seit fast zwei Jahren die Lebensfreude klaut, auch in den wenigen Gesprächen einzubauen, die Gott sei Dank mal nichts mit Corona zu tun haben? Da sind ja die Sprachbilder aus dem Fußball erträglicher, das weckt wenigstens gute Assoziationen. Also bitte: Der Schiedsrichter zeigt den Pandemie-Begriffen die Rote Karte. Ab zum Duschen.guth.

Quelle: F.A.Z.
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