Umgang mit Missbrauchsfällen

Gegen das Schweigen

Von Carolin Wilms
30.10.2018
, 13:34
Auf Abstand: Justizbeamte verfolgen per Video eine Befragung im Kinderschutzzentrum der Childhood-Stiftung.
Das Thema Kindesmissbrauch stellt Juristen und Mediziner vor Herausforderungen wie nur wenig anderes in ihrem Beruf. Im Studium bereitet sie aber kaum einer darauf vor.
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Ich bin der beste Richter am Amtsgericht München, wenn es ums Legospielen geht“, sagt Robert Grain, Ermittlungsrichter am selben Gericht, augenzwinkernd. „Wir haben vier Kästen Lego.“ Durch das Spielen mit den Kindern entstehe eine Gesprächsatmosphäre, die ihm erlaube, sie nach schlimmen Ereignissen zu befragen, sagt Grain. Die Vernehmung wird in den Nebenraum übertragen. Dort sitzen Vertreter der Staatsanwaltschaft, des Jugendamtes, Nebenkläger, Sachverständige, Verteidiger – und mitunter der mutmaßliche Täter, der ein Anwesenheitsrecht hat. Die Zeugenvernehmung wird per Video aufgezeichnet, damit Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, das Erlebte nicht wiederholt berichten müssen.

Möglich wurde diese Form der Vernehmung dadurch, dass im Jahr 1998 die Strafprozessordnung um den Paragraphen 255a, Absatz 2 ergänzt wurde: Vorführung einer aufgezeichneten Zeugenvernehmung. „Die Kinder hatten eine furchtbare Angst, wenn sie vor Gericht aussagen mussten“, weiß Grain, „und unsereiner in schwarzen Roben dasaß.“ Seine Vorgänger haben im Jahr 2000 die strafrechtliche Videovernehmung bei Kindern als Erste in Deutschland begonnen. Grain hat sich diese Methode selbst angeeignet. Er habe zwar gelernt, Erwachsenen Fragen zu stellen, aber Kinder zu vernehmen, darauf müsse man sich erst einstellen. Dabei helfe es, wenn man selbst Kinder habe. „Dann weiß man auch, wie man mit einer Vierjährigen umgeht, die plötzlich sagt: Ich will nicht mehr.“ Das könne man nicht in der Ausbildung vermitteln, sagt Grain. Im Studium schon gar nicht.

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Normalerweise gilt in der Strafprozessordnung der Unmittelbarkeitsgrundsatz, der besagt, dass der Zeuge selbst unmittelbar in der Verhandlung aussagen muss. Das könne bei unsensiblem Auftreten von Verfahrensbeteiligten dazu führen, dass das Opfer den Eindruck bekomme, statt des Täters selbst schuld zu sein, sagt die Ermittlungsrichterin Claudia Webers vom Amtsgericht Leipzig. Im Extremfall fühle es sich bei der Befragung wie ein Angeklagter. „Die überaus unangenehme Situation, die unvermeidbare Fragen bei der Wahrheitsfindung mit sich bringen, wird für Kinder durch die Videovernehmung entschärft“, erklärt sie. Es ist eine sehr wichtige Vernehmung, denn in den meisten Fällen sexueller Übergriffe gibt es keine weiteren Zeugen.

Keine Vernehmungstechniken im Jura-Studium

Dennoch wird in Deutschland von der Möglichkeit zur Videovernehmung in Strafverfahren bei Kindern bislang noch zu wenig Gebrauch gemacht. „Es fehlt teilweise an der notwendigen justiz-politischen Sensibilisierung“, sagt Andreas Mosbacher, Richter am Bundesgerichtshof im Leipziger Strafsenat, „damit mehr Gerichte die Videovernehmung nutzen.“

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Im Jura-Studium werden keine Vernehmungstechniken vermittelt – und damit ist auch die Videovernehmung außen vor. Das gilt sogar dann, wenn sich die Studierenden für den Schwerpunkt Strafrecht entscheiden, den man vom fünften Semester an wählen kann. „Es ist schade, dass erst nach dem Studium und dem Referendariat auf Richterakademien Kurse für Vernehmungen angeboten werden“, sagt Mosbacher, der zudem Honorarprofessor für Strafrecht an der Universität Leipzig ist. Dabei werde die Vernehmung von kindlichen Zeugen nicht einmal allen Juristen an Jugendgerichten beigebracht, sagt Mosbacher. Immerhin würden für diese Aufgabe diejenigen ausgewählt, die hierfür am geeignetsten erscheinen.

Der Bedarf für die Schulung der Vernehmungstechnik bei Kindern lässt sich schon an den 11.547 sexuellen Missbrauchsfällen bei Kindern erkennen, die im Jahr 2017 laut polizeilicher Kriminalstatistik in Deutschland strafrechtlich verfolgt wurden. Um wenigstens einige dieser Kinder altersgerecht zu betreuen, hat die schwedische Königin Silvia Ende September 2018 in Leipzig das erste deutsche Kompetenzzentrum eingeweiht. Die Idee dieses sogenannten „Childhood-Hauses“ in der Leipziger Universitätsklinik ist es, sexuell missbrauchte, misshandelte oder verwahrloste Kinder in diesem geschützten Umfeld zu versorgen, wo sie nur von speziell ausgebildeten Ärzten behandelt sowie von Richtern vernommen und die Vernehmungen per Video aufzeichnet werden. Die Stiftung der schwedischen Königin, World Childhood Foundation (WCF), hat in Schweden 30 dieser Einrichtungen ins Leben gerufen und dabei konzeptionell beraten sowie finanziell unterstützt.

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„Jugendschutzsachen erfordern jedoch fachübergreifende Kenntnisse“

„Wenn Kinder über ihre Erlebnisse mit Gewalt sprechen, geben sie ihre Geschichte nicht nur preis, sondern durchleben diese noch einmal. Diese Retraumatisierung ist unbedingt zu vermeiden“, sagte Königin Silvia bei ihrer Teilnahme am Deutschen Juristentag in Leipzig, der gleichzeitig zur Einweihung des Childhood-Hauses stattfand. Ein Erfolg wäre es nach ihrer Ansicht, wenn vermehrt Gebrauch von der Videovernehmung in Missbrauchsfällen gemacht würde. „Ich habe fünfzehn Jahre Strafrecht gemacht und kenne das klassische Handwerkszeug“, sagt Richterin Webers. „Jugendschutzsachen erfordern jedoch fachübergreifende Kenntnisse, die man bei der Bearbeitung anderer Strafverfahren nicht erlernt.“

Die beiden Deutschen Richterakademien in Trier und Wustrau in Brandenburg befassen sich in ihren Weiterbildungen auch mit den neuen Entwicklungen im Opferschutz, aber diese besondere Spezialisierung lernt man letztlich im beruflichen Alltag. Dazu hat das Amtsgericht Leipzig in Zusammenarbeit mit der WCF im Juni 2018 eine Fortbildung bei Leipzig durchgeführt, mit Vorträgen und einem fachlichen Austausch zwischen den verschiedenen Professionen aus Medizin, Justiz, Polizei und Anwaltschaft. Thema: „Videovernehmung (sexuell) missbrauchter Kinder“. Webers hat sich zudem mit ihrem Kollegen Grain in München ausgetauscht, da er viel Erfahrung mit Videovernehmungen von Kindern und Jugendlichen hat. Dabei wurde ihr klar, wie sehr etwa der entwicklungspsychologische Stand des Kindes bei der Befragung eine Rolle spielt. „Kinder haben eine unterschiedliche sittliche und sprachliche Reife“, sagt sie. „Sie müssen in einer für sie verständlichen Sprache befragt werden. Kinder benutzen etwa für Genitalien andere Begriffe als Erwachsene.“ Sie habe viel über Traumatisierung gelernt, was diese für die Erinnerung bedeuten könne und wie Kinder unliebsame Dinge verdrängen.

Vor zehn Jahren sei man bei der Strafverfolgung mit minderjährigen Zeugen vielfach noch anders umgegangen. Dabei wurde oft der Vorwurf laut, dass man nicht sensibel genug vorgegangen sei. „Man muss mit Einfühlungsvermögen an die Sache herantreten und ein angemessenes persönliches Level zu dem Kind finden“, findet Webers, die selbst Mutter ist. Sie bereitet sich auf Vernehmungen gründlich vor: Wie erkläre ich dem Kind verständlich und kindgerecht etwa das Zeugnisverweigerungsrecht, das Recht, nicht gegen bestimmte Verwandte aussagen zu müssen, oder die Verpflichtung, als Zeuge nicht lügen zu dürfen? Letztlich muss die Vernehmung frei von formalen Fehlern sein, um vor Gericht verwertbar zu sein. So müssen Fragen offen gestellt werden, ohne eine Richtung vorzugeben, um suggestive Einflüsse zu vermeiden.

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Mit Hilfe des Venezianischen Spiegels

Im neuen Leipziger Childhood-Haus ist in dem Vernehmungsraum ein sogenannter Venezianischer Spiegel angebracht, der es dem Staatsanwalt und der Verteidigung erlaubt, durch diesen in den Vernehmungsraum zu blicken. Das Opfer und der Ermittlungsrichter können aber weder durchsehen noch etwas hören. So sind auch die Mimik und Gestik des Kindes im Nachbarzimmer erkennbar. Die Verteidigung kann während der Videovernehmung Fragen schriftlich übermitteln, die der Ermittlungsrichter kindgerecht stellt. „Ich weiß schon nach dem Lesen der ersten Wörter, was jetzt kommt“, sagt Grain.

Ermittlungsrichterin Webers zufolge ist die Vernehmung in einem kindgerechten, geschützten Umfeld mit speziell dafür ausgebildeten Kräften gut für das Kind: Es könne die extrem belastende Situation so viel besser verarbeiten, sich deshalb auch besser konzentrieren und sei damit für das Gericht eine bessere Erkenntnisquelle. Auch sei dieses Vorgehen letztlich gut für das Verfahren, da stabile Zeugen „gute“ Zeugen seien. Die Vorführung der Videovernehmung in der Hauptverhandlung kann die Vernehmung des Zeugen dort ersetzen, sagt die Ermittlungsrichterin. Wichtig sei es, so Webers, dass die rechtsmedizinische Untersuchung des Kindes so schnell wie möglich erfolge. Denn nicht immer seien die Verletzungen im Genitalbereich so invasiv, dass sie auch noch nach mehreren Tagen sichtbar seien. Gerade in Fällen, in denen sich missbrauchte Kinder erst nach einiger Zeit den Eltern oder Dritten anvertrauen, werde die Aufklärung mangels objektiver Anhaltspunkte noch schwieriger, berichtet Webers aus ihrem Leipziger Arbeitsalltag.

Wie bei Studierenden der Rechtswissenschaften findet in der Medizin während des Studiums keine Spezialisierung statt. Erst in der Facharztausbildung erfahren Mediziner der Radiologie, der Rechtsmedizin und Kinderheilkunde alles über die typischen Verletzungsmuster durch Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch. Dabei variieren die Ausbildungsinhalte zwischen den Universitäten deutlich. Die angehenden Fachärzte lernen auch den rechtlichen Rahmen des ärztlichen Handels im Hinblick auf Schweigepflicht oder Spurensicherung kennen und erhalten Trainings zur Gesprächsführung, um Kinder zu befragen, deren Verletzungen nicht nachvollziehbar entstanden sind.

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Spezielle Ausbildung in den Vereinigten Staaten

Der Bedarf auf dem Gebiet ist groß. Deshalb hat die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland im Jahr 2016 die Projektgruppe Viola gegründet. Diese hat sich zur Aufgabe gemacht, die Lehre zu ergänzen und die Studierenden vorzubereiten. Lokalgruppen an mehreren medizinischen Hochschulen bündeln das Wissen von Kinderschutzorganisationen und geben es in Workshops an ihre Kommilitonen weiter.

Anders ist die Situation zum Beispiel in den Vereinigten Staaten: Dort gibt es inzwischen eine Facharztausbildung für Kinderschutz. Der Kinderarzt Matthias Bernhard vom Universitätsklinikum Leipzig ist einer von siebzig zertifizierten Kinderschutzmedizinern in Deutschland. Er hält die Fokussierung auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder in Missbrauchsfällen für eine relativ neue Erkenntnis in Deutschland. „Daher ist die besondere Abstimmung auf die betroffenen Kinder im Childhood-Haus wirklich bahnbrechend“, sagt er.

Quelle: F.A.Z.
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