Serie „Ich mach mein Ding“

Ein ungewöhnlicher Bankenwechsel

Von Ursula Kals
07.09.2015
, 05:26
Im Einklang mit sich selbst: Schwester Katharina
Katrin Rohrmann ist Volkswirtin und hat bei der Deutschen Bank gearbeitet. Dann ist sie ins Kloster eingetreten. Heute lebt sie als Schwester Katharina am Starnberger See. Teil 6 der Serie „Ich mach mein Ding“
ANZEIGE

Der schönste Ort für sie? Gern zieht sie sich an das romantisch-verwitterte Bootshaus am Starnberger See zurück. Ihr Blick streift die Benediktenwand und den Rabenkopf, fern zeichnet sich das Karwendelgebirge ab. Ein überirdisch schöner Ort in Oberbayern. An heißen Sommertagen schwimmt Schwester Katharina hier am Privatsteg der Missions-Benediktinerinnen weit hinaus. Noch wohler aber fühlt sie sich in der Kapelle des Klosters in Tutzing, fünf Minuten den Hang hoch. In der Mitte steht der Altar, die mit Bibelzitaten geschmückten Fenster inszenieren Lichterspiele. Hier beten und singen die 70 Ordensfrauen. Die Augen der zierlichen Schwester leuchten, als sie zu ihrem Platz an der Bank führt.

ANZEIGE

Jahre zuvor hat sie in einer ganz anderen Bank gewirkt. Die heute 41-Jährige ging gern in die Deutsche Bank in Stuttgart, wo sie im Credit-Risk-Management arbeitete. Dann aber schlich sich ein anderes Gefühl in das Leben der aufgeschlossenen Frau, die um die halbe Welt gereist war und vor der eine verheißungsvolle, lukrative Karriere bei der Großbank lag. „Das Gefühl, ob das wirklich alles in meinem Leben gewesen ist.“ Mit einem klassischen Berufungserlebnis kann sie nicht aufwarten. Aber mit dem stärker werdenden Eindruck, ihrem Leben eine neue, spirituelle Richtung geben zu wollen.

Diese Sehnsucht nach einem gotterfüllten Leben war keineswegs absehbar, als Katrin Rohrmann in Arnsberg ihr Abitur in der Tasche hatte. Zwar war sie in einer katholischen Familie aufgewachsen, war Ministrantin, Lektorin, Kommunionhelferin. Und schon als 18-Jährige hielt sie Wortgottesdienste im Altenheim. Aber ihre Berufspläne hatten mit der Kirche nichts zu tun. Zunächst machte sie im Sauerland eine Lehre als Industriekauffrau. „Ich wollte im Zweifelsfall etwas in der Tasche haben und das Berufsleben kennenlernen. Darin bin ich rational, das Kopfgesteuerte ist ein Teil von mir.“ Die Eltern haben ihr freien Raum gegeben. Vielleicht auch, weil der Vater gern studiert hätte, das aber nach dem Krieg nicht ging, die Mutter zwar „mit Engagement“ Lehrerin geworden ist, aber lieber etwas anderes gemacht hätte. Für Katrin Rohrmann stand fest, dass sie studieren wollte. „Wirtschaft hat mich interessiert, auch Geschichte, aber ich wollte nicht Lehrerin werden.“ In Konstanz schrieb sie sich für Volkswirtschaft ein. Ein Jahr studierte sie in Montreal. „Französisch sprechen zu können und in Kanada zu sein, die Mischung fand ich einfach klasse.“

Mit dem Rucksack durch die Welt

Frisch diplomiert, ging sie auf Weltreise. „Das war immer mein Traum.“ Ein gut gepflegtes Sparbuch und ihre Unternehmungslust machten das möglich. Die 23-Jährige begann in Australien, reiste über die Fidschiinseln nach San Francisco und Montreal. „Als Backpacker kriegt man schnell Kontakt, ist aber frei, das zu tun, was man will.“

ANZEIGE

Während eines Praktikums hatte sie sich mit Wettbewerbsanalyse befasst, ein Gebiet, das ihr gut gefiel. Sie bewarb sich bei der Deutschen Bank und wurde in Stuttgart Trainee. Sie machte ihre Sache gut, wurde übernommen und befasste sich fortan mit mittelständischen Unternehmen von rund fünf Millionen Umsatz bis hin zu Baukonzernen. Einige Monate verbrachte sie in der Frankfurter Zentrale und in Brüssel und fand es „ spannend zu erleben, wie internationale Kollegen arbeiten“. Das klingt nach einer freudvollen Tätigkeit? „Aber ja. Das waren fünf gute Jahre, in denen ich viel gelernt und gesehen habe, die will ich nicht missen.“ Äußerlich führte sie das Leben einer moderat ehrgeizigen, sportlichen jungen Frau, ging ins Fitnessstudio, fuhr Fahrrad, urlaubte in der Toskana, sang im Chor - „alles eben ganz normal“, lacht sie. Einzig die Mittagspausen verbrachte sie nicht beim Steh-Italiener, sondern immer öfter in der Domkirche. Die lag nur wenige Minuten von ihrem Arbeitsplatz entfernt. „Irgendwann wurde der Wunsch stärker, mehr Zeit für mich zu haben und mir Fragen nach dem Sinn unseres Seins anzugucken. Und ich wusste, es sollte in einem religiösen Rahmen stattfinden.“ Sie googelte und stieß auf ein Angebot des „Klosters auf Zeit“ in Tutzing, eine Art Hospitanz für interessierte Laien. Vor zehn Jahren lernte sie das Kloster kennen, das stolz und ein wenig verschachtelt über dem See thront. „Im Kloster habe ich toughe, starke Frauen erlebt, die ihren Platz in der Kirche gefunden haben.“ Diese zehn Tage bescherten ihr ein noch diffuses Gefühl, „irgendwie angekommen zu sein. Da ist etwas ins Rollen gekommen.“ Die Gemeinschaft zog sie an. Sie verbrachte mehrere Wochenenden in Bayern und erkannte, dass sie für ihren Glauben die Gemeinschaft der anderen braucht. „Das gemeinsame Gebet hat mir geholfen, Gott wirken zu lassen“, sagt sie mit ruhiger Ernsthaftigkeit, wohl wissend, dass nichtreligiöse Menschen ihr in dieser Wortwahl schwer folgen können.

Als ihr Arbeitgeber ihr das Angebot machte, ein Projekt in Japan zu übernehmen, war ihr klar, dass sie sich entscheiden musste. Katrin Rohrmann entschied sich für das Leben als Ordensfrau. Sie tauschte ihre Kostüme gegen das schlichte Ordensgewand, trat 2007 ins Kloster ein und wurde Schwester Katharina. Zuvor löste sie ihre Wohnung auf, besuchte Freunde, verbrachte mit der Familie einen Skiurlaub. Oft hat sie in dieser Zeit des Umbruchs mit ihrem Bruder, der als Ökotrophologe auf Norderney arbeitet, gesprochen. „Meine Familie hat mich in meinem Entschluss unterstützt, dafür bin ich ihr dankbar.“ Mit 32 Jahren machte sie ihr Postulat, nahm dann den weißen Schleier zum grauen Gewand und wurde zwei Jahre Novizin, legte die erste Profess ab, um schließlich in einer feierlichen Eucharistiefeier die ewige Profess abzulegen - „eine Bindung auf Lebenszeit“. Seither trägt sie den goldenen Ring als Zeichen der Treue zu Gott, das schwarze Ordenskleid und unterwirft sich einem Tagesrhythmus, den feste Gebetszeiten strukturieren. Morgens um 5.30 Uhr gibt es die Laudes, das Morgenlob. Die Schwestern, das Durchschnittsalter beträgt 71 Jahre, treffen sich zum Mittagsgebet, zur Vesper am frühen Abend und zur Komplet um 19.45 Uhr. Wer mag, zieht sich dann in sein 12-Quadratmeter-Zimmer zurück, geht spazieren oder liest.

ANZEIGE

Arbeit, Freizeit und Bildung unter einem Dach

„Wir sind ein Mehrgenerationenhaus mit integriertem Lebensstil, haben alles unter einem Dach, Arbeit, Freizeit, Bildung“, sagt sie vergnügt. Nur das spontane Verreisen, das vermisst sie ab und zu. „Aber Verzicht würde ich das nicht nennen. Als Ordensschwester war ich schon in Rom, auf den Philippinen und in Nairobi. Das ist auch ein Geschenk.“ Sie erzählt das unaufgeregt im Besucherzimmer, das aus der Zeit gefallen scheint. Auf dem Furnierschrank lagert ein Tischkegelspiel, es gibt eine Eckbank, auf der Blümchendecke stehen selbstgebackene Kekse.

Plakativ-neugieriges Nachbohren à la „Bankerin wird Nonne“ ist sie gewohnt, allerdings sei sie kirchenrechtlich keine Nonne, sondern Ordensschwester. „Natürlich fragen mich die Menschen nach meinem Werdegang. Ich bin ja auch im Pfarrgemeinderat und finde es schön, dass wir mit unserer Lebensweise etwas anstoßen können. Wir wollen niemanden bekehren, aber ein Zeichen sein. Die Menschen sollen Christus in uns erkennen können, in dem, wie wir leben. Wir sind nicht besser, nicht heiliger als andere, aber auch nicht dümmer und naiver.“ Als spätberufene Akademikerin ist sie bei den Missions-Benediktinerinnen kein Einzelfall, es gibt eine promovierte Juristin, Ärztinnen und Lehrerinnen, die jetzt das Ordensgewand tragen. Grundsätzlich ist es erwünscht, dass Frauen mit einer Berufsausbildung eintreten. Wer sich auf ein Dasein hinter Klostermauern einlässt, der sollte vom Leben außerhalb einer religiösen Gemeinschaft eine klare Vorstellung haben. Auch davon, mit dem Keuschheitsgelübde umzugehen. Indiskrete Fragen einer bis vor zwei Stunden noch fremden Frau zu stellen, das fühlt sich fast unverschämt an. Aber neben dem Leben ohne nennenswerten Besitz ist die Ehelosigkeit ein beherrschendes Element eines Ordens. Schwester Katharina ist auf indiskretes Nachfragen vorbereitet. Sie hatte zwei längere Beziehungen und sich bewusst auf ein zölibatäres Leben eingelassen. „Ich bin als Frau hier eingetreten und bleibe das auch. Das gebe ich ja nicht an der Klosterpforte ab. Aber diese exklusive sexuelle Beziehung, das geht eben nicht. Mir sind gute Freundschaften voll gegenseitigen Vertrauens wichtig, wo man sich ohne Worte versteht. Das gibt mir Halt.“

Im Übrigen ist ihr Tag ausgefüllt. Die Finanzfachfrau arbeitet in der Klosterverwaltung, kümmert sich um die Buchhaltung und hält ihr Englisch vital, denn das ist die internationale Kongregationssprache. Theologie hat sie im Fernkurs belegt - „Wissen ist nicht alles, aber für mich ist es wichtig, fundiert Antworten zu geben“. Um das Chorgebet begleiten zu können, das sie so liebt, nimmt sie Orgelstunden. Mittlerweile ist die Priorin Schwester Ruth zum Gespräch gestoßen. Sie ist ebenfalls Volkswirtin und hat im bayrischen Wirtschaftsministerium gearbeitet. Den Serientitel „Ich mach mein Ding“ findet die Klostermanagerin flapsig, aber zutreffend und reflektiert: „Es geht darum: Was steckt in mir drin? Wie kann ich das entfalten? Vielleicht hat ja jemand dieses Ding für mich vorgedacht?“ Schwester Katharina lächelt: „Uns geht es um Gott. Es wäre schön, wenn er erwähnt würde.“

Lesen Sie nächste Woche: Unterrichten im Gefängnis - warum ein Lehrer seine Realschullaufbahn aufgab.

Quelle: F.A.Z.
Ursula Kals - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Ursula Kals
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE