Ingenieure

Fahrrad-Fanatiker gesucht

Von Maximilian Sachse
29.08.2021
, 21:38
Neuheiten am Rande der Pressekonferenz zur Messe Eurobike
Die Verkehrswende macht die Fahrradbranche für junge Ingenieure immer attraktiver. Dennoch suchen Unternehmen weiterhin nach Nachwuchs.
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Die Ergebnisse ihrer Arbeit sieht Svenja Grauthoff manchmal schon nach wenigen Tagen. Wenn die Ingenieurin mit ihren Kollegen ein neues Fahrrad entwickelt, hilft ihr der Computer. Der wandelt die dreidimensionalen Konstruktionsdaten der vielen Bauteile so um, dass beispielsweise ein 3D-Drucker sie lesen kann – und in wenigen Tagen voll funktionsfähige Prototypen druckt. „Die Technologie hilft uns, neue Ideen viel schneller und öfter zu testen“, sagt die 30-Jährige.

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Grauthoff hat Maschinenbau studiert und arbeitet seit Juli als Ingenieurin in der Produktentwicklung beim Fahrradhersteller Derby Cycle. Zu dem Unternehmen aus dem niedersächsischen Cloppenburg gehören unter anderem die Marken Kalkhoff, Raleigh oder Focus. Mit einem Umsatz von zuletzt mehr als 400 Millionen Euro ist Derby Cycle der größte Fahrradproduzent Deutschlands und auch der größte Arbeitgeber der deutschen Branche – dabei hat das Unternehmen gerade einmal knapp 1000 Mitarbeiter.

Autobranche zahlt besser

Laut einer Studie des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und dem Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule aus dem Dezember 2020 beschäftigten die Hersteller von Komponenten, Fahrrädern und E-Bikes 2019 etwa 21 000 Menschen. Verglichen zu den 833 000 direkt Beschäftigten der deutschen Autoindus- trie, ist die Fahrradbranche damit immer noch ein eher kleiner Arbeitgeber – wenn auch ein wachsender. Im Vergleich zu 2014 wuchs die Anzahl der Beschäftigten um knapp 15 Prozent.

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Auch bei den Gehältern könne die Fahrradbranche nicht ganz mit den Autoherstellern mithalten, berichtet David Eisenberger, Marketingchef des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). „Die Unternehmen zahlen aber durchaus gute Löhne.“

Svenja Grauthoff wechselte von einem Hersteller von Abfallsammelsystemen und Schutzschränken zu dem Fahrradhersteller – eine bewusste Entscheidung: „ Die Leidenschaft für die Mechanik des Rades habe ich bereits als Kind im Fahrradgeschäft meiner Großeltern mitbekommen“, sagt sie. Auch ihre Bachelor- Arbeit schrieb sie über eine modulare Fahrradgarage. Ihr Wechsel ist kein Einzelfall. „Die Branche ist insgesamt als Arbeitgeber deutlich attraktiver geworden“, sagt Eisenberger.

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Spezialisten sind rar

Denn der Markt für Fahrräder boomt – angetrieben auch durch den Trend hin zu umweltschonenderen Verkehrsmitteln und durch die Corona-Krise. Recht schnell war klar, dass Fahrradfahrer an der frischen Luft nur wenig Ansteckungsrisiko haben. Im Lockdown war Radfahren zudem eine der wenigen möglichen Freizeitbeschäftigungen. Im Corona-Jahr 2020 verzeichnete die deutsche Fahrradindustrie ein Absatzplus von knapp siebzehn Prozent, bei E-Bikes waren es sogar 43,4 Prozent. Mehr als fünf Millionen Fahrräder verkauften die Hersteller. Das sorgte für einen Umsatz von 6,44 Milliarden Euro – ein Anstieg um satte 60,9 Prozent.

Ein Ende des Aufwärtstrends ist insbesondere bei E-Bikes nicht in Sicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse der Unternehmensberatung Deloitte. „Der E-Bike-Markt profitiert auch vom gestiegenen Bewusstsein für nachhaltigere Mobilität“, sagt Kim Lachmann, Senior Manager der Sport Business Gruppe bei Deloitte. Besonders in Städten nutzten immer mehr Menschen und Unternehmen E-Bikes oder Lastenräder als Alternative zum Auto.

Doch trotz all dieser Trends: „Ausgebildete Ingenieure mit Erfahrungen aus der Fahrradindustrie sind rar“, berichtet Martina Blum, Personalmanagerin bei Kalkhoff. Die Fahrradbranche sei durchaus vom Fachkräftemangel betroffen, berichtet auch Eisenberger vom ZIV. Das gelte zwar stärker für den Handel als für Hersteller und auch dort eher für die handwerklichen Berufe. Aber: „Die hohe und steigende Nachfrage nach Fahrrädern sorgt dafür, dass noch mehr Arbeitskräfte gebraucht werden – auch Ingenieure.“

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Abwechslung durch E-Bikes

Wer sich für eine Stelle als Ingenieur beim Branchenprimus Derby Cycle in- teressiert, „sollte das Fahrrad lieben“, sagt Personalmanagerin Blum. Bei der Einstellung achte das Unternehmen stark auf die Fahrradaffinität. Und die Ingenieure sollten kreativ denken können. „Wir fragen auch: Was stellst du dir in fünf Jahren in der Fahrradindustrie vor? Welche Gadgets könnte es geben?“ Ein abgeschlossenes Maschinenbau- oder Fahrzeugtechnikstudium oder vergleichbare Qualifikationen sind dennoch überall ein Muss.

Wer nach Ingenieur-Stellen in der Fahrradbranche sucht, wird auf den üblichen Karrierenetzwerken oder auf den Websites der Hersteller fündig. Neben Derby Cycle sind das in Deutschland zum Beispiel Diamant aus Chemnitz, Cube aus Bayern oder Hercules aus Köln. Martina Blum hat einen weiteren Tipp: „Wir unterstützen Studenten mit ihren Bachelor- und Master-Arbeiten. Daraus ergeben sich viele Übernahmen.“

Durch das Aufkommen der E-Bikes sei der Job als Fahrrad-Ingenieur vielfältiger geworden, sagt ZIV-Sprecher Eisenberger. „Der Umgang mit Akkus oder Motoren erfordert völlig neue Kompetenzen.“ Auch Svenja Grauthoff berichtet von einem „sehr abwechslungsreichen Arbeitsalltag“. Mal sei sie mit einem Kunststoffbauteil beschäftigt, mal bespreche sie die Ergebnisse des letzten Rollentests mit dem Prüflabor, mal gehe es um die Analyse der Belastungsfähigkeit von Bauteilen. Ihren Wechsel in die Fahrradindustrie bereut sie bislang nicht.

Quelle: F.A.S.
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