Antworten auf den Weckruf

„Verloren haben wir, erdrückt von euren Erwartungen“

18.07.2014
, 14:00
Viele junge Menschen wollen gar nicht den direkten Weg nach oben gehen. Für Kapriolen bleibt aber keine Zeit mehr, sagen sie.
„Grottenolme am Badesee ohne Weltanschauung und Widerstand“: F.A.Z.-Autoren sorgten sich in sieben Weckrufen um die aktuelle Studentengeneration. Die hat prompt geantwortet.
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Sie sind harmoniebedürftig, angepasst, unpräzise und dabei auch noch schauerlich lustig, ihr Lebenslauf ist eher ein Lebensmarsch und so etwas wie eine Weltanschauung haben sie erst gar nicht: Sieben F.A.Z.-Autoren sorgen sich um die aktuelle Studentengeneration. Und haben deshalb Weckrufe an sie gerichtet.

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Wir haben die Adressaten aufgefordert, zu antworten. Die Resonanz war riesig. Häufiger Tenor: Wir müssen eine Suppe auslöffeln, die ihr uns eingebrockt habt! Andere wiederum hadern ebenfalls mit der eigenen Generation. Doch lesen Sie selbst: Hier eine Auswahl der Antworten aus dem Netz (teilweise gekürzt), die uns via Facebook, Twitter und per Mail erreichten.

Via Facebook

„Ziel erreicht, sie diskutieren wieder! Danke für den Artikel und die Kommentare, war eine nette Abwechslung zum stumpfen Auswendiglernen heute.“ Marc Hans Meier

„Erst haben wir zu lang studiert, dann kam der Bologna-Prozess und plötzlich sind die Absolventen noch zu unreif, klagt die Wirtschaft. Kein Student weiß mehr, was wirklich Erfolg am Arbeitsmarkt bringt. Und was tun wir dann aus Verzweiflung? Uns so breit aufstellen wie es nur geht. Und am Ende dürfen wir uns von denselben Menschen, die dieses System mit aufgebaut haben, anhören, dass unsere Lebensläufe zu glatt wären. Was wollt ihr eigentlich von uns? Am Ende kann man es niemandem recht machen, verloren haben wir, erdrückt von euren Erwartungen.“ Gianna Reich

„Was soll in diesem Artikel eigentlich kritisiert werden? Hilfe, meine Kinder sind anders als ich? Die Gesellschaft hat sich verändert? Oder war früher gar alles besser? Das war schon immer so und ist wohl kaum ein Phänomen der gegenwärtigen Studentengeneration. Wer heute eine Professur hat, eine Bologna-Reform erschafft oder sonst irgendein hohes Tier im Bildungswesen ist, der hat doch mit hoher Wahrscheinlichkeit die Siebziger selbst miterlebt und doch ein System erschaffen, in dem den Studenten keine Zeit mehr für ausgedehnte Debatten bleibt, weil sie dann sehr schnell durch die nächstmehrlernende Person aus ihrem überfüllten Studiengang ersetzt werden.“ Maren Eichler

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„Der öffentliche Dienst erscheint nun mal attraktiv, bietet er doch als eine der wenigen Anstellungen (in bestimmten Berufszweigen) eine gewisse Sicherheit, die so heute leider kaum noch auf dem Arbeitsmarkt geboten ist. Was also sollte daran verkehrt sein, ein Leben anzustreben (mit Familie?), das in geordneten Bahnen verläuft und nicht von Zweijahresvertrag zu Zweijahresvertrag?“ Julian Schulz

„Zu den Themen Lustlosigkeit und Engagementverdrossenheit: Unsere Studiengänge werden zunehmend straffer organisiert, siehe BA, Master, Modulsysteme. Von den Wahlfreiheiten und selbst gesetzten Schwerpunkten bleibt wenig, es ähnelt langsam sehr dem Schulsystem mit seiner Anwesenheitspflicht und dem Zeitplan, wann man welches Seminar besucht haben muss. Wer das erlaubt, braucht sich andersherum auch nicht zu wundern, wenn die Studierenden nicht über ihr Schülerniveau herauskommen, was Engagement und Eigeninitiative betrifft.“ Irina Haas

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„Ein in allen Punkten absolut zutreffender Artikel! Die Universität (ich bin im 6. Semester) ist höchstens noch eine Sammelstelle für unnütze Studien, die keinen anderen Zweck haben, als die Reputation des Autors zu steigern. Aber auf der menschlichen Ebene wird man hier doch ziemlich effektiv von der Schule des Lebens ausgeschlossen.“ Oskar Kaup

„Man sollte mit solchen Pauschalisierungen vorsichtig sein. Stimmt es denn, dass Beamte immer nur schlafen, Bauarbeiter immer Bier trinken und Juristen immer überhebliche Besserverdiener sind? Na also. Die Studenten sind auf die Straße gegangen gegen den Bachelor, aber hat das jemanden interessiert? Mehr Engagement wäre gut gewesen, aber die Studenten von damals waren beim nächsten Protest bereits Geldverdiener. Ein Problem am System. Heutzutage ein Studium durchzuziehen bedeutet oft genug, nicht an den Badesee zu gehen.“ Helen Hockay

„Die meisten Kommentare hier bestätigen genau den Artikel - „das System ist Schuld“, „die ältere Generation ist Schuld, dass alles so weit gekommen ist“, „die Unternehmen verlangen dies und das“ - und meinen „Protest“ dagegen demonstriere ich mit einem Facebook-Kommentar, und spiele ansonsten brav das Spielchen mit, bis zur Rente (also Privatvorsorge, Rente ist ja nicht mehr bis wir alt sind)...eine junge dynamische Alexander Dobrindt- oder Philip Mißfelder-Elite, die Deutschland noch weit nach vorne bringen wird.“ Alexander Srajer

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„Die Universitäten von heute sind doch nur Abfertigungswerke für hohe (?) Qualität zum kleinen Preis. Kaum einer setzt sich mit den wichtigen Fragen dieser Zeit auseinander. Gefährliches Halbwissen regiert den Alltag und der Staat muss sich nicht wundern, wenn er sich irgendwann mit einer Wählerschaft abfinden muss die mehr Zombies gleicht, als frei denkenden Menschen. Auf der einen Seite fordert ihr uns auf aus der Masse auszutreten, um uns dann wieder in die Reihe zurückzuscheuchen. Der Alptraum eines jeden Studenten ist eine Lücke im Lebenslauf. Die Auslandserfahrungen, die man heute macht sind doch eh stereotypisiert. Es ist fast schon Pflicht in Australien gewesen zu sein.“ Roland Vanhöfen

„Der Artikel ist wertend, erklärt aber nicht, woher er seine Wertungen bezieht. Warum ist es schlecht bzw. schlechter als in 68er-Zeiten, wenn das Verhältnis zur Elterngeneration entspannter ist? Wenn die weltanschaulichen Differenzen tatsächlich klein sind und man auf einem Nenner ist, ist Rebellion nicht erforderlich. Jene hat ja schließlich keinen Selbstzweck. Ich bin zumindest sehr dankbar, ein harmonisches Verhältnis zu meinem Elternhaus zu pflegen und möchte ehrlichgesagt auch nicht tauschen.“ Niels Grotjohann

„Es ist schön, liebes FAZ-Team, dass Ihr Euch um die Nachwuchsakademiker sorgt. Allerdings ist der Artikel kein Weckruf. Das ist eher ein undifferenziertes Anklagen, oder nicht...? Nur Ankreiden, was schlecht ist, weckt niemanden auf. Vor allem, wenn einem oft keine andere Wahl bleibt, als den ganzen Zirkus mitzumachen.“ Michaela Kah

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„Ihr habt ein System aufgebaut in dem Revolution keinen Platz mehr hat, weil eure Kinder keine Freiräume mehr bekommen, eigenständig zu denken! Die Universitäten von heute bieten keine Plattform mehr für Diskussion, sondern sind reine Ausbildungsbetriebe, die uns junge Leute darauf vorbereiten, euch eine Rente zu bezahlen, die wir niemals bekommen werden.“ Leif Zehrt

Via Twitter

Via Mail

„Alle Beiträge scheinen eines zu vergessen oder zu übersehen: Wir sind die Generation, an der sich – wenn überhaupt – der Kapitalismus kaputtsiegen wird. Es ist genau unsere nichtssagende und vor allem nichtswollende Haltung, die ein ebenso tiefer Ausdruck empfundener (und von einer jetzigen Erwachsenengeneration anerzogener!) Alternativlosigkeit ist, wie es jene ebenfalls in unserer Generation vorfindbaren verzweifelten und bald darauf realistisch-abgeklärten Versuche eines Weltverbesserertums sind. Was kann man schon noch ernsthaft wollen, in unserer schicken neuen westlichen Welt?“ Hartmut Robert Gatzsche

„Ich bin ebenfalls der Meinung, dass die Studenten mehr Selbständigkeit nötig hätten. Ich arbeite bei einer Startup Initiative und studiere BWL mit Schwerpunkt Entrepreneurship und gehöre damit zu der Minderheit, die plant nach dem Studium selber zu gründen. Viele meiner Mitstudenten denken absolut nicht ans Gründen, noch viel schlimmer, viele wollen eben in den öffentlichen Dienst. Ich denke, dass ist aber eine logische Konsequenz davon, dass alle Medien seit 2009 predigen, wie schlecht es nicht der Wirtschaft geht, ob man sich überhaupt sicher sein kann einen Arbeitsplatz zu bekommen und diesen länger zu behalten.“ Patrick Fuchs

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„Wissen Sie warum viele meiner Generation, liebevoll auch Gen Y genannt, gerade fanatisch damit beschäftigt sind, sich um ihren Lebenslauf aufzupolieren, ihren „Wirkungskreis“ stetig zu erweitern und ihre „Likes“ zu maximieren?
Weil wir so aufgewachsen und erzogen wurden. Als wir im zarten Teenageralter waren, wurden wir groß in einer Atmosphäre der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland (Gab es je eine Zeit wo die Arbeitslosenquote unter 10 % lag?!), Schuldenmachens und der Vetternwirtschaft. Wir sahen, dass wir den Gürtel enger schnallen sollten; wir lernten, dass wir besser sein sollten als die Konkurrenz; wir merkten aber auch, wie dieselben Herren in der Politik unangetastet blieben. Kurz um, wir lernten dank Ihrer Generation und Lebensläufe wie wir es anzustellen haben: Polier deinen Schein und hab die richtigen Freunde!“ Ruben Drews

„Schon lange lese ich die FAZ, mal mit Begeisterung mal mit hochgezogener Augenbraue. Bis jetzt habe ich Zweifel und Ärger manches Mal runtergeschluckt und ganz in der „Anti-Widerstand-Generation“ Manier nicht getan. Euer Weckruf jedoch hat bei mir gewirkt - so gewirkt, dass ich auch endlich mal aufbegehren und laut „NEIN“ sagen möchte. Kurz und knapp: Dieser Weckruf ist herrlich provozierend und unheimlich arrogant. Eine ziemlich einseitige Bestandsaufnahme, die Schuld bei den Leidtragenden und nicht bei der Quelle des Problems sucht. Es stimmt, so manchen Alt-68ern mag es so erscheinen als würde unsere Generation keine Weltanschaung mehr haben, für die wir zu kämpfen bereit sind. In Wirklichkeit aber hat sich seit 1968 das Weltbild verändert und ist detaillierter und kleinteiliger geworden. Die Schwarz-Weiß-Aufteilung, die die Generation meiner Eltern geprägt hat (böses Amerika, böse Polizisten, böser böser Kapitalismus), ist nicht mehr unsere Realität. Vielleicht sind wir die Einerseits- Andererseits-Generation - Globalisierung, Wirtschaftskrisen, internationale Kooperationen und interkultureller Austausch aber haben unsere Generation geprägt und uns gelehrt, dass Lösungen nicht einseitig und einfach sind.“ Svenja Pauly

„Nachdem ich in Hoffnung auf wirkliche Weckrufe den Artikel der Autoren in der FAZ gelesen habe empfand ich nach erstem Lesen Enttäuschung und nach zweitem Lesen war ich schon verärgert. Die Fakten mögen stimmen. Studenten widersprechen nicht mehr. Studenten sind nur am lernen und müssen dabei trotzdem gut aussehen. Studenten haben einen dicken fetten Lebenslauf und unzählige Praktika. Studenten nutzen die Technik die ehemalige Studenten entwickelt haben. Nun frage ich mich, wie um alles in der Welt man auf die Idee kommt, dass dies ein Weckruf für Studenten sein muss. Fangen wir beim Lebenslauf und den Praktika an. Wer ist dafür verantwortlich, dass Studenten das machen? Die Akademiker von gestern. Die Unternehmen und auch die Verlage. Verlangt wird es fast überall, was will man da bei Studenten wachrütteln? Nichts mehr tun? Auf unzählige Praktika pfeifen und einen Lebenslauf nur mit dem nötigstem abgeben? Na, dann geben Sie mir mal auf diese Art und Weise einen Job.“ André Bosle

„Ihre Weckruf-Kommentare gehören mal ordentlich dekonstruiert. „Viele Konsumenten, wenige Erfinder“, dem stimme ich zu, wenn auch die Ursache-Wirkung-Kette verdreht dargestellt wird. Denn die Ursache für dieses „Ich konsumiere, also bin Ich“ - Dogma muss mal hinterfragt werden. In Anlehnung an Slavoj Zizek könnte man auch sagen, dass der Geist der Sechziger-Bewegungen neue Rechte forderte, beispielsweise die sozio-ökonomische Ausbeutung zu stoppen. Hinzu kamen Themen der Kulturkritik in Form der Verwarenförmigung des Konsums. Die Forderungen dieser Bewegungen wurden also durch neue Rechte erfüllt. Rechte, die in Gestalt von Genehmigungen und Permissionen auftreten, die fortwährend den Rahmen des Erlaubten für die Gesellschaft erweitern. Man könnte annehmen, die Machthabenden wüssten genau, dass es einen Unterschied zwischen Recht und Genehmigungen gibt, nämlich dass Genehmigungen die Macht derjenigen, die sie erteilen, nicht mindern. All jene Genehmigungen ändern aber nicht das geringste an den Machtverhältnissen, sondern ändern schlicht den Konsum. Der Geist der Revolten bleibt eben nur bei jenen hängen, die ihn beschworen hatten.“ Dominik Schlett

Weitere Antworten von Lesern auf den Artikel „Studenten, was geht“ können Sie in den Wochenendausgaben der F.A.Z. am 19.07. und 20.07. im Ressort „Beruf und Chance“ lesen.

Quelle: evah./FAZ.NET
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