Bologna

Kein Gewinner, nirgends

Von Sebastian Balzter
09.12.2009
, 10:37
Was bringt Bologna den Studenten? Der Ländercheck des Stifterverbands für die Deutsche Wirtschaft widmet sich dieser Frage
Eine neue Studie kürt Berlin, Brandenburg und Bremen zu Vorreitern der Hochschulreform in Deutschland. Doch als uneingeschränkter Befürworter der Bologna-Reform will inzwischen kaum einer mehr gelten. Und so sind die vermeintlichen Sieger nicht so sicher, wie stolz sie auf ihre Plazierung sein sollten.
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Der heiße Herbst, den die Organisatoren der Studentenproteste den deutschen Bildungspolitikern und Hochschulreformern vor drei Wochen angekündigt haben, ist zu einem frostigen Winter geworden. Immer noch werden Hörsäle und Seminarräume besetzt. Die Bologna-Reform, die einen gemeinsamen europäischen Bildungsraum schaffen und die Berufsaussichten der Hochschulabsolventen verbessern sollte, lautet der Vorwurf, habe das Gegenteil bewirkt: Die neuen Studiengänge seien weniger miteinander vergleichbar und schlechter zu bewältigen als vorher, statt kritischer Reflexion förderten sie stures Pauken.

Als uneingeschränkter Befürworter der Reform will nun kaum jemand mehr gelten. Sogar Bildungsministerin Annette Schavan und die vormals Bologna-selige Hochschulrektorenkonferenz gehen auf Distanz: Die Rektoren schieben die Schiefstände auf mangelnde finanzielle Unterstützung seitens der Politik; die Politikerin macht die Hochschulen dafür verantwortlich, eigenmächtig zu viele Prüfungen und zu viel Stoff in die neuen Studiengänge gepackt zu haben.

Unter diesen Vorzeichen ist der gerade veröffentlichte „Ländercheck“ des Stifterverbands für die Deutsche Wirtschaft ein Dokument mit Tücken. Eigentlich ruft die Studie, ein Vergleich der Fortschritte der 16 Bundesländer in der Umsetzung der Hochschulreform, Brandenburg sowie die Stadtstaaten Berlin und Bremen zu Gewinnern des föderalen Bildungswettbewerbs aus. „Sie haben konsequent auf gestufte Studiengänge umgestellt und schneiden gleichzeitig gut bei den Indikatoren für Employability und Mobilität ab“, heißt es zur Begründung. Jeweils rund 90 Prozent der in den drei Ländern angebotenen Studiengänge entsprechen schon der neuen Bachelor- und Masterstruktur, der Anteil der in ihnen eingeschriebenen Studenten liegt jenseits der 50-Prozent-Marke, beide Werte übertreffen den Durchschnitt deutlich. Außerdem können die Bologna-Musterschüler viele integrierte Praxissemester und Fernstudiengänge vorweisen, positiv vermerkt wird auch der hohe Anteil der Bildungsausländer und englischsprachigen Studiengänge, die als Beleg internationaler Attraktivität dienen. „Das Beispiel der drei Länder zeigt“, resümiert der Stifterverband: „Bologna kann gelingen.“

Ausgezeichnet oder gebrandmarkt?

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Wenn Bologna allerdings, wie viele Kritiker jetzt zu verstehen geben, des Teufels ist, dann sind diese aufmunternden Worte für die Länder auf dem Treppchen ein betrübliches Zeugnis. Umso schlimmer, dass der Norden und Nordosten ohnehin nicht als Schatzkammer der deutschen Hochschulbildungslandschaft gilt; deren Kronjuwelen vermuten die meisten vielmehr im Süden und Südwesten. Jetzt auch noch der Spitzenplatz im Bologna-Ranking - sind Brandenburg, Bremen und Berlin damit in Wahrheit nicht ausgezeichnet, sondern gebrandmarkt? Und sind stattdessen die vom Stifterverband identifizierten Reform-Nachzügler wie Thüringen die wahren Gewinner?

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Die Antwort ist ernüchternd: Gejubelt hat über das Ergebnis offenbar weder die eine noch die andere Seite. An der Uni Bremen, die schon 2003 mit der Umstellung ihrer Studiengänge begonnen hat, haben jedenfalls keine Sektkorken geknallt. Der frühe Start habe nicht vermeiden können, dass es an manchen Stellen hake, räumt ein Sprecher ein. Aber auch wenn es Nachbesserungsbedarf gebe, stehe die Hochschulleitung hinter der Reform. „Doch, wir freuen uns über die Plazierung“, sagt er schließlich, es klingt fast trotzig.

Und in Jena, wo sich viele Fachbereiche bis 2008 gegen Bachelor und Master gewehrt haben? „Weil wir so spät dran sind“, ächzt Janine Hofmann, die Sprecherin der Konferenz der Thüringer Studierendenschaft, „müssen wir jetzt umso schneller umstellen.“ Ob es da nicht besser wäre, ganz auf Bologna zu verzichten? Nein, sagt sie, im Prinzip sei die Reform ja sinnvoll. „Und die Studienbedingungen waren ja auch schon in den Diplomstudiengängen schlecht.“

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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