Deutsch-Französische Studiengänge

Hochschule ohne Campus

Von Heike Schmoll
07.08.2007
, 15:30
Den Nachbarn studieren - die Deutsch-Französische Hochschule macht es möglich
Vor einem Jahrzehnt wurde der Grundstein für ein deutsch-französisches Erfolgsprojekt gelegt: einen Verbund gemeinsamer Studiengänge.
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Die Geburtsurkunde der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) in Saarbrücken wird am 19. September genau zehn Jahre alt. Das sogenannte Weimarer Abkommen konzipierte die binationale Hochschule als Verbund deutscher und französischer Hochschulen mit dem Auftrag, gemeinsame deutsch-französische Studienprogramme zu entwerfen. Finanziert wird sie paritätisch von der deutschen und französischen Regierung sowie von den deutschen Bundesländern. Zum Verbundsystem DFH gehören inzwischen 150 Partnerhochschulen, die 140 grundständige und postgraduale Studiengänge anbieten. Sie enden alle mit einem doppelten Abschluss, der den Zugang zum Arbeitsmarkt in beiden Ländern öffnet. Die insgesamt 4500 Studenten absolvieren einen Teil ihres Studiums an einer deutschen Hochschule, auch an Fachhochschulen, und einen Teil an einer französischen Universität oder Grande École. Neben den binationalen Studiengängen fördert die DFH auch trinationale Studiengänge, die ein Auslandssemester an der Partnerhochschule eines dritten Landes einschließen. Niemand hätte gedacht, dass die binationalen Studiengänge solchen Anklang finden. Vorsichtige Prognosen hatten allenfalls mit 2500 bis 3000 Studenten gerechnet.

Studiengang als Markenzeichen

Die Bewerbung für einen binationalen Studiengang wird nicht bei der DFH eingereicht, sondern bei der Hochschule, die ihn anbietet und entsprechend auswählt. Denn an den Partnerhochschulen hat die DFH einen sogenannten Programmbeauftragten, der genau Auskunft geben und die Bewerbungen entgegennehmen kann. Er weiß auch über die geforderten Sprachkenntnisse (je nach Studiengang unterschiedlich) Bescheid, die dann während des Auswahlverfahrens getestet werden. Die DFH bietet nicht nur eine fachliche und organisatorische, sondern auch eine sprachliche Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt an. Inzwischen genießen die Studiengänge solches Ansehen, dass sich manche Hochschulen um das Markenzeichen bewerben, ohne Geld zu fordern. Alle Studiengänge werden regelmäßig von externen Gutachtern beider Länder, von einem wissenschaftlichen Beirat und vom Hochschulrat überprüft. Auf ihr mehrstufiges Überprüfungsverfahren ist die Hochschule zu Recht stolz.

DFH-Präsident Dieter Leonhard will Kunst- und Musikhochschulen einbinden
DFH-Präsident Dieter Leonhard will Kunst- und Musikhochschulen einbinden Bild: DFH

An der Partnerhochschule erbrachte Studienleistungen werden aufgrund eines bestehenden gemeinsamen Studienplans anerkannt. Dadurch verlängert sich die Studiendauer selbst dann nicht, wenn beide Diplome erworben werden. So gehört es zu den Paradoxien deutscher Hochschulwirklichkeit, dass ein Lehramtsstudent mit einem deutschen und einem französischen Abschluss leichter in einem anderen deutschen Bundesland eine Anstellung findet als ein deutscher Absolvent. In der Lehrerbildung arbeitet die PH Freiburg mit der UHA Mulhouse zusammen (Lehramt für Grund- und Hauptschulen und Europalehramt), Die Universitäten Köln und Lille I und III kooperieren für Deutsch und Französisch oder Geschichte oder Geographie für das Gymnasium. Während bisher nicht einmal ein Auslandsaufenthalt für Lehrer möglich war, sind die bürokratischen Hindernisse bei den Lehramtsstudiengängen inzwischen beseitigt.

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Schwerpunkte: Paris, Berlin und Grenzgebiete

Die räumliche Verteilung der Studiengänge zeigt deutliche regionale Konzentrationen in den Grenzregionen des Saarlandes, Lothringens und Luxemburgs sowie Baden-Württembergs und des Elsass, aber auch zwischen den Hauptstädten Paris und Berlin. Doch es gibt auch erstaunliche Nord-Süd-Verbindungen wie Marseille und Bremen. Im Osten sind insbesondere die sächsischen Hochschulen im Netzwerk der DFH vertreten. Musik- und Kunsthochschulen seien bisher am binationalen Austausch leider nicht beteiligt, meint der amtierende Präsident Dieter Leonhard, der zwar gerade für eine zweite Amtszeit bestätigt wurde, Saarbrücken jedoch verlässt, um Rektor der Hochschule Mannheim zu werden. Für eine Übergangszeit bleibt er weiter ehrenamtlicher Präsident in Saarbrücken, bis die Versammlung der Mitgliedshochschulen im Mai 2008 in Aix-en-Provence ein neues deutsches Präsidiumsmitglied wählt. Da die Studenten sich nicht in Saarbrücken befinden, braucht die Hochschule keinen Campus, sondern nur einen Verwaltungssitz in der Villa Europa in Saarbrücken - natürlich nur zur Miete, wie die beiden Präsidenten, ein Deutscher und ein Franzose (ein Anglist), der Hochschule versichern, um den Neid anderer Universitäten nicht zu schüren.

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Seit 2006 bietet die DFH den deutsch-französischen Doktorandenkollegien, die sich durch einen fortgeschrittenen Grad der strukturierten Doktorandenausbildung auszeichnen, zusätzliche Auslandsstipendien von bis zu 1300 Euro im Monat an. Seit 2005 hat die DFH gute Erfahrungen mit 150 sogenannten Cotutelle-Projekten gemacht, also der deutsch-französischen Betreuung einer Promotion, und stellt dafür insgesamt 400000 Euro zur Verfügung. Die Fördersumme für ein Promotionsverfahren beträgt bis zu 4500 Euro für drei Jahre. Damit sollen die spezifischen Mehrkosten gedeckt werden, vor allem der längere Forschungsaufenthalt. Beendet wird die Promotionsphase mit einer Disputation vor einer binationalen, paritätisch besetzten Prüfungskommission.

400.000 Euro für Forschergruppen

Anfang dieses Jahres wurde zum ersten Mal die Förderung deutsch-französischer Forschergruppen ausgeschrieben, die möglichst über langfristige Erfahrungen in der Zusammenarbeit verfügen. Daraufhin waren 184 Anträge deutscher und französischer Hochschulen und Forschungseinrichtungen eingegangen, wobei 31 von den Gutachtern für die zweite Runde ausgewählt wurden. Bis Ende September können sie ihre endgültigen Projektanträge vorlegen. Bis auf eine Ausnahme mit einem linguistischen Projekt zur gesprochenen Sprache handelt es sich um Anträge aus den Natur- und Lebenswissenschaften. Die DFH stellt für die ein bis vier Jahre dauernde Projektzeit bis zu 400.000 Euro zur Verfügung, was auch einen längeren Austausch von Doktoranden, Postdoktoranden und Wissenschaftlern ermöglicht. Die Anträge hätten gezeigt, wie die Länder längst miteinander verwoben seien, sagt der bilinguale Generalsekretär der DFH, Stephan Geifes.

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Der französische Vizepräsident Albert Hamm verweist darauf, dass der transnationale Blick auf Studienorganisation, Promotion und Forschungsförderung manches relativiere. Angesichts der nicht synchronisierten Studienreformen des Sorbonne-Bologna-Prozesses führt das oft weiter als die Klage über schlechte Zustände. Von Anbeginn hat die DFH den Berufseinstieg ihrer Absolventen durch die Organisation einer Studien- und Rekrutierungsmesse (Deutsch-Französisches Forum) unterstützt, die dieses Jahr am letzten Novemberwochenende zum neunten Mal in Straßburg stattfindet. Über 50 Unternehmen haben dort im letzten Jahr Absolventen mit deutsch-französischem Profil gesucht. Nach einer strengen, von der DFH selbst beantragten Leistungsüberprüfung durch eine binationale Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrats und seines französischen Pendants empfahlen die beteiligten Wissenschaftler der DFH, sich noch stärker auf die Erfüllung des Weimarer Abkommens zu konzentrieren und ihre Eigenständigkeit zu profilieren. "Als Problem ist der geringe Bekanntheitsgrad der Hochschule anzusehen", wird im Evaluationsbericht abschließend festgestellt. Davon wird in zehn Jahren keine Rede mehr sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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