Betrug an Unis

Erschlichene Stellen, erkaufte Titel

Von Nadine Bös
09.12.2015
, 13:00
Dafür wird Karl-Theodor zu Guttenbergs Gesicht wohl noch lange stehen: Schummelei bei der Promotion
An deutschen Hochschulen wird gemauschelt was das Zeug hält, glaubt man einer neuen Umfrage. Dass es bei Promotionen nicht immer sauber zugeht, ist seit Fällen wie Guttenberg bekannt. Noch schlimmer wird es bei der Vergabe akademischer Stellen.
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Spätestens seit den Fällen Guttenberg und Schavan ist klar: Schummelei in der akademischen Welt ist keineswegs ein Phänomen, das nur in Ländern wie Russland, China oder Pakistan vorkommt. Gemauschelt wird auch an den Hochschulen direkt vor unserer Haustür - und zwar mehr als gedacht, wie die bislang größte Umfrage zum Thema akademische Korruption in Europa nun gezeigt hat.

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Im Auftrag des Headhunters Paul Milata hat das Umfrageinstitut Yougov 5217 Hochschulabsolventen aus zehn europäischen Staaten dazu befragt, ob sie während ihres Hochschulbesuchs schon einmal Mauscheleien beobachten konnten - das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hatte zuerst darüber berichtet. Deutschland schnitt dabei erschreckend schlecht ab und kam im Ranking nur auf Platz sechs. Personalvermittler Milata hat die Erhebung der Daten finanziert, weil er als Headhunter seine Hand ins Feuer legen muss für die Ehrlichkeit seiner Kandidaten: „Menschen neigen auch in ihrem späteren Berufsleben zu Betrug, Mauschelei und Wirtschaftskriminalität, wenn sie das schon an der Uni in ihrem sozialen Umfeld eingeübt und beobachtet haben. Dann schwindet die Hemmschwelle“, sagt er.

Bild: F.A.Z.

Am „saubersten“ waren die Hochschulen den Befragten zufolge in Großbritannien, gefolgt von Schweden und Frankreich. Aber selbst in Polen und Ungarn wurden weniger Fälle von Tricksereien an Unis beobachtet als hierzulande. Ganz am Ende des Rankings finden sich Italien und Spanien. „Dass Betrugsfälle an Hochschulen in diesen von der Wirtschaftskrise schwer gebeutelten Ländern in den letzten Jahren offensichtlich stark zugenommen haben, verwundert nicht“, findet Milata. „Dass Deutschland aber im Ranking nur sehr mittelmäßig abschneidet, ist schon ernüchternd.“

Dass Deutschland nur im Mittelfeld gelandet ist, mag an einem wichtigen Unterschied zu anderen, ähnlichen Umfragen liegen: In der Umfrage ging es nicht nur um gekaufte Noten und Diplome. Als akademische Korruption wertet die Untersuchung auch, wenn Menschen etwa aufgrund von Beziehungen für wissenschaftliche Stellen rekrutiert werden, die dies nach objektiven Kriterien wie Notendurchschnitt oder Lebenslauf gar nicht verdient hätten. „Nichtakademische Kriterien wie Parteizugehörigkeit oder Verwandtschaftsverhältnisse spielen zum Beispiel eine überraschend große Rolle, wenn in Deutschland darüber entschieden wird, wer Lehrstuhlinhaber oder wissenschaftlicher Mitarbeiter wird“, sagt Milata. 27 Prozent der Befragten in Deutschland erwähnen, mindestens einen Fall von Seilschaften oder anderen Mauscheleien bei der Stellenvergabe beobachtet zu haben. Zum Vergleich: Im bestplazierten Großbritannien waren es nur 7 Prozent.

Besonders schlecht liegt Deutschland im Ranking auch im Bereich der gekauften oder sonstwie unakademisch erschlichenen Promotionen. 15 Prozent der Befragten in Deutschland berichten von mindestens einem Fall von Unsauberkeit bei der Vergabe von Doktortiteln. In Frankreich, das in diesem Bereich am besten abschnitt, waren es nur 8 Prozent. Auch bei den Zulassungen zum Studium und bei der Vergabe von Diplomen wird an deutschen Unis mehr gemauschelt als anderswo in Europa. Besser schneiden die Hochschulen hierzulande nur in der Kategorie „gekaufte Noten“ ab. Hier wird in Deutschland der Umfrage zufolge sehr viel weniger betrogen als in den europäischen Vergleichsländern.

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„Wir haben akademische Korruption nicht nur auf die Zahlung von Bestechungsgeldern reduziert. Eine interessante Folge davon ist, dass in unseren Ergebnissen die bisher vermutete Kluft zwischen Universitäten in Ost- und Westeuropa weniger eindeutig ist, als bisher angenommen“, sagt Milata.

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Ein weiteres interessantes Ergebnis ist: Frauen berichten in jedem der zehn untersuchten Länder und in jedem untersuchten Bereich seltener als Männer davon, Korruptionsfälle beobachtet zu haben. Die größte Diskrepanz gibt es in Spanien, wo 40 Prozent der Männer, aber nur 29 Prozent der Frauen akademische Betrugsfälle wahrnahmen. „Das könnte daran liegen, dass in bestimmten Fachrichtungen an den Unis die Betrugsinzidenz deutlich höher ist als in anderen - und dass Frauen seltener die besonders korruptionsträchtigen Fächer studieren“, vermutet Milata; seine Daten reichen allerdings nicht aus, um diese These zu untermauern.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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