Diplom und Magister

Gallische Dörfer

Von Julian Trauthig
28.10.2010
, 08:06
Bald soll Schluss sein mit Diplom und Magister. Ende des Jahres läuft auch für Nachzügler die Frist für die Umstellung aus. Doch manche Hochschulen wehren sich hartnäckig.
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Greifswald liegt wahrlich nicht in Gallien. Walter Ried ist bestimmt auch kein Gallier. Und doch kämpft der Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Greifswald wie die von römischen Legionen umzingelten Comic-Helden Asterix und Obelix gegen einen scheinbar übermächtigen Feind. Sein Gegner kommt nicht aus Rom, aber immerhin aus Bologna: Walter Ried kämpft gegen den Bachelor und für den Diplomkaufmann.

Denn eigentlich ist Schluss mit den alten Abschlüssen. Bis Ende 2010, so haben es 29 europäische Bildungsminister 1999 in Bologna festgehalten, soll es einheitliche und vergleichbare Studienabschlüsse in ganz Europa geben. Zum Sommersemester dieses Jahres waren nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) schon mehr als 80 Prozent der Studiengänge auf Bachelor und Master umgestellt. Doch wer Diplom und Magister sucht, der findet sie immer noch. Nicht nur Juristen, Ärzte, Pastoren und Priester genießen mit ihren Staats- und Kirchenexamen einen Ausnahmestatus. Sogar in den wirtschafts- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern, in denen laut HRK mehr als 90 Prozent der Studiengänge umgestellt sind, gibt es noch gallische Dörfer. Bloß nicht auffallen, so hieß für diese wenigen Fachbereiche an vereinzelten Universitäten in den vergangenen Jahren die Devise. Jetzt trauen sie sich aus der Deckung.

Im Schutz des Doms den Diplomkaufmann erhalten

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Die Wirtschaftswissenschaftler um Walter Ried an der Universität Greifswald zum Beispiel. Im Schutz des Doms der Hansestadt haben sie ihren Diplomkaufmann am Leben erhalten. Wenige hundert Meter von der Backsteinkirche entfernt sitzt Ried in seinem Büro. „Wir sind enttäuscht von der Umsetzung der Bolognareform“, sagt er. Es gebe in der Praxis faktisch nur einen dreijährigen Bachelor. „Unser Diplomstudiengang ist aber auf vier Jahre ausgelegt“, sagt er. Dies biete den Studenten eine breitere und tiefere Ausbildung, zudem sei so ein Auslandsaufenthalt ohne eine Verlängerung der Studienzeit möglich. Einem vierjährigen Bachelor würde er zustimmen. Doch solange eine klare Unterscheidung zwischen einem drei- und vierjährigen Abschluss fehle und es kaum einjährige Masterprogramme gebe, sei die Umstellung keine Option.

„Wir wissen noch nicht zuverlässig, ob wir unser Diplom langfristig behalten können“, schränkt Ried ein. Entscheidend sei die Zielvereinbarung zwischen Landesbildungsministerium und Hochschule, die bis Ende des Jahres stehen müsse. Aus dem Ministerium heißt es, dass der Umstellungsprozess bis 2015 weitergeführt werde - das Greifswalder Diplom eingeschlossen. Doch Walter Ried gibt sich „vorsichtig optimistisch“ - und wartet ab. Die Zustimmung der Studenten hat er: Das Studierendenparlament hat sich in einer außerordentlichen Sitzung für den Diplomkaufmann ausgesprochen. Schon seit mehreren Semestern kommen Studenten aus allen Ecken der Republik nur wegen des Diploms an die Ostsee.

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Auch die Ingenieure hängen an ihrem Diplom

Mit ihrem Einsatz für die alten Abschlüsse sind die Greifswalder Wirtschaftswissenschaftler nicht alleine. Auch die Ingenieure hängen an ihrem Diplom. 400 Kilometer südlich von Greifswald sitzt Eckhard Beyer in seinem Büro an der technischen Universität Dresden. Seit einem Dreivierteljahr ist er dort als Dekan der Fakultät Maschinenwesen Herr über die Schublade, in der die Pläne der Fakultät zur Umstellung von Diplom auf Bachelor und Master liegen. Die Schublade wird - so hofft er - für immer verschlossen bleiben. Der Freistaat Sachsen hat nämlich mittlerweile ein Hochschulgesetz, das es der mit 5000 Studenten größten Fakultät der Universität erlaubt, ihren Diplomingenieur beizubehalten. „Wir wollen ein einzügiges Studium“, sagt Beyer. Pauschal gegen die Hochschulreform sei er nicht, betont er, schon jetzt werde das Studium auch in Dresden in Module eingeteilt, die Studenten müssen Leistungspunkte sammeln. Der Knackpunkt aber sei der Einschnitt nach drei Jahren. „Nach sechs Semestern sind die Studenten Dreiviertelingenieure“, sagt er. Wegen der Grundlagenausbildung an einer Universität in den ersten Semestern fehle nach drei Jahren einfach noch Wissen.

Nun, da das Diplom in Sachsen erhalten bleibt, ist Eckhard Beyer dem Bachelor gar nicht mehr so abgeneigt - als Alternative zum Diplom. In Zukunft, so plant er, könnten sich die Studenten nach sechs Semestern entscheiden, ob sie weitermachen oder mit einem Bachelor abgehen wollen. „Wir empfehlen ganz klar, im Diplom zu bleiben“, sagt er. Aber es gebe manchmal persönliche Gründe, früher mit dem Studium aufzuhören. Warum solle man es dann nicht anbieten? Beyer plant noch mehr: Absolventen mit dem Bachelorabschluss von einer anderen Hochschule könnten in das siebte Semester des Diplomstudiengangs einsteigen. Der Wettbewerb zwischen den Abschlüssen werde dafür sorgen, dass sich der bessere durchsetze, sagt er. Mit dem Argument ist er nicht allein. Auch Walter Ried aus Greifswald argumentiert so. „Die Bologna-Idee ist ja vernünftig“, sagt er. „Aber warum lassen wir die Studenten nicht entscheiden?“

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Den Wettbewerb muss man suchen

Tatsächlich gibt es den Wettbewerb - aber auch ihn muss man suchen. Dann findet man Wolfgang Ullrich in Karlsruhe. Er ist Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der staatlichen Hochschule für Gestaltung und betreut den Studiengang Kunstwissenschaft - auf Magister. Etwa 50 Prozent mehr Bewerber habe es für das Wintersemester 2010/11 gegeben. „Normalerweise nehmen wir sechs bis acht Studenten pro Jahrgang auf, diesmal sind es siebzehn“, sagt er. Das seien keine Bummelstudenten, die keine Lust auf den Bachelorstress hätten. Sie wollten auf Magister studieren, weil Bologna sie enttäuscht habe.

Der Grund dafür, dass Wolfgang Ullrich noch Studenten für einen Magisterstudiengang auswählen darf, steht seit Ende 2008 im Hochschulgesetz von Baden-Württemberg. Die Hochschule für Gestaltung erhält darin neben den Kunsthochschulen des Landes das Recht, ihre alten Abschlüsse zu behalten. Die Ausbildung der Künstler lasse sich nicht in Module quetschen, argumentiert Ullrich. Selbst in seinem Theoriestudiengang gebe es einen hohen Praxisanteil, der nicht einfach wie ein Referat, eine Hausarbeit oder eine Klausur mit Punkten - in der Bologna-Welt entspricht einer theoretisch einem Arbeitsaufwand von 30 Stunden - zu bewerten sei. 13 seiner Studenten haben etwa ein Jahr lang eine Ausstellung für das Deutsche Historische Museum in Berlin vorbereitet. Als die Ausstellung im Februar 2010 eröffnete, lagen Monate mit durchgearbeiteten Nächten, aufwändigen Leihanfragen für Kunstwerke sowie Textarbeit für den Katalog hinter den Studenten. „So ein Engagement lässt sich nicht in Punkten messen“, sagt Ullrich.

Asterix und Obelix hilft gegen die Römer ein Zaubertrank. Die Professoren in Greifswald, Dresden und Karlsruhe haben es mit weniger märchenhaften Mitteln wie Hochschulgesetzen und Zielvereinbarungen geschafft, die alten Abschlüsse am Leben zu erhalten. Wolfgang Ullrich sagt: „Dass sich von Jahr zu Jahr mehr ,Bologna-Flüchtlinge' bei uns bewerben, bestätigt das auf sehr schöne Weise.“

Quelle: F.A.Z.
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