Fernstudium

Studentenleben 2.0

Von Sarah Sommer
19.04.2012
, 06:00
Vom Briefverkehr zur Video-Vorlesung: Das Internet hat das Fernstudium erleichtert.
Über das Internet können sich Fernstudenten vernetzen. Das soll die hohen Abbrecherquoten senken. Wer ein solches Studium schafft, hat gute Berufschancen.
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Kathrin aus Hannover ist frustriert, dass sie mit ihrer Projektarbeit für das Wirtschaftsstudium nicht weiterkommt. Marie aus Berlin hängt mit der Prüfungsvorbereitung für die Statistik-Klausur hinterher, weil ein Zahnarzttermin dazwischenkam. Chryssie zeigt ein Foto von ihrem Studienschreibtisch zu Hause und sucht Partner für eine Lerngruppe. Derweil gibt Stefan mit seiner guten Note in der letzten Prüfung an.

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Ganz normaler Hochschulalltag – Studenten tauschen sich mit Kommilitonen über Sorgen und Nöte aus, lernen gemeinsam und feiern Erfolge. Doch Kathrin, Marie, Chryssie und Stefan haben noch nie zusammen im Hörsaal gesessen. Nur virtuell sind sie Kommilitonen. Denn sie studieren an verschiedenen Fernhochschulen. Ihr Campus heißt Internet.

Eigenständiges lernen ist gleichzeitig Vor- und Nachteil

Fernstudium, das bedeutete seit Gründung der ersten Fernhochschulen in den siebziger Jahren vor allem: Warten auf den Briefträger. Man bekam alle paar Wochen Post: Die „Studienbriefe“ enthielten mehrere hundert Seiten Lernmaterialien je Semester und Kurs. Nach der Lieferung der Unterlagen kam dann lange nichts. Die Studenten paukten am heimischen Schreibtisch juristisches oder medizinisches Fachvokabular, Wirtschaftsmodelle, Geschichtsdaten oder Formeln.

Statt gemeinsam mit Kommilitonen in mündlichen Prüfungen oder Klausuren ihr Wissen unter Beweis zu stellen, arbeiteten sie einsam zu Hause „Einsendearbeiten“ durch: Blätter mit Aufgaben, die sie mit der Post an ihren Professor schickten. Persönlich bekamen sie ihn in der Regel nicht zu Gesicht.

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Der Vorteil des Fernstudiums, nämlich dass man es gut neben Beruf und Familie durchziehen kann, ist gleichzeitig sein Nachteil: Das einsame Lernen überfordert viele Fernstudenten. Die Abbruchquoten liegen je nach Anbieter bei 30 bis 70 Prozent. „Fernstudieren erfordert zuallererst ein gutes Zeit- und Selbstmanagement“, sagt Angela Fogolin, Bildungsforscherin am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. „Das gilt heute noch genauso wie früher. Aber es gibt seitens der Hochschulen verstärkt Bestrebungen, der Vereinzelung entgegenzuwirken.“

Soziale Netzwerke fördern das virtuelle Studentenleben

Immer mehr Fernhochschulen richten für ihre Studenten einen virtuellen Campus ein: Lernplattformen im Internet ermöglichen den Austausch mit Kommilitonen in Online-Lerngruppen. Video-Vorlesungen, Audio-Aufzeichnungen, digitale Aufgabenblätter und Web-Tutorien gehören mittlerweile zum Standard der Fernstudienanbieter.

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„Ein bedeutender Teil des virtuellen Studentenlebens entwickelt sich aber unabhängig von diesen Bemühungen der Hochschulen“, sagt Bildungsforscherin Fogolin. „Viele Fernstudenten bloggen mittlerweile zu ihren Erfahrungen mit dem Fernstudium.“ Verlinkungen, Online-Foren und soziale Netzwerke wie Facebook, Google Plus und Twitter fördern den Austausch mit anderen Studenten - und ermöglichen einen realistischen Einblick in den Alltag eines Fernstudenten.

Sich unter einander zu vernetzen ist wichtig für den Lernerfolg

Markus Jung kann sich noch gut daran erinnern, wie er vor zwölf Jahren sein erstes Fernstudium begann. „Es gab kaum Informationsmöglichkeiten im Internet zu den Anbietern und zu den Herausforderungen, die ein Fernstudium im Alltag bedeutet“, sagt er. Der heute 38 Jahre alte Kölner begann neben seiner Tätigkeit in einer Versicherung ein Informatikstudium bei einer privaten Fernhochschule - und richtete als einer der ersten Fernstudenten ein Blog über seine Erfahrungen ein.

Bild: Tresckow

Das Interesse anderer Studenten war so groß, dass er das Blog zu einem Internetforum mit Informationsportal ausbaute. Viele Fernstudenten seien auf sich allein gestellt, sagt Jung. Die Belastung, neben Beruf und Familie 15 bis 20 Stunden in der Woche in ein Studium zu investieren, sei für viele eine große Herausforderung. „Die Hochschulen begannen zwar schon früh, Unterrichtsmaterialien per E-Mail zu verschicken und Lernplattformen einzurichten“, erinnert er sich. „Aber es gab wenig Möglichkeiten, sich untereinander mit anderen Studenten zu vernetzen.“

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Das ist heute anders: In Internetforen und sozialen Netzwerken lässt es sich nicht nur gut gemeinsam lernen – sondern auch über Kommilitonen und Dozenten plaudern und voneinander abschreiben. „Die Kommunikation zwischen den Studenten nicht nur zu fachlichen Fragen, sondern auch im Privaten ist sehr wichtig für den Lernerfolg“, sagt Helmut Hoyer, Rektor der Fernuniversität Hagen, der mit 80 000 Studenten größten Fernhochschule Deutschlands. „Ein Fernstudium zu beginnen ist einfach, weil es sich flexibel an die eigenen Lebensumstände anpassen lässt. Es ist aber auch einfach, wieder auszusteigen.“

Bis spät in die Nacht sind mehr als tausend Studenten eingeloggt

An der staatlichen Fernuniversität Hagen kostet das Studium einige hundert Euro im Jahr, an privaten Hochschulen fällt oft dieselbe Summe im Monat an. Deshalb ist die Abbrecherquote in Hagen deutlich höher als an privaten Hochschulen. Wenn Studierende untereinander eine Gemeinschaft bilden, hilft das über Formtiefs, Misserfolge und persönliche Schwierigkeiten hinweg und sollte auch die Abbrecherquoten senken, erklärt Hoyer.

Auf der Lernplattform der Fernuniversität bietet die Hochschule deshalb nicht nur Foren zu Fachthemen an, sondern auch „Cafés“, in denen sich die Studenten zu privaten Themen austauschen können. 60 000 der 80 000 Hagener Fernstudenten haben sich auf der Lernplattform angemeldet – und vom frühen Morgen bis spät in die Nacht sind stets mehr als tausend Studenten gleichzeitig auf der Seite aktiv. „Für die Fernstudenten, die oft abends spät nach der Arbeit noch lernen, ist das besonders wichtig“, sagt Hoyer. „Denn sie finden jederzeit einen Ansprechpartner.“

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Viele Fernstudenten bringen keine klassische Bildungskarriere mit

Sabine Siemsen ist auch wegen dieser engen Verbindung zu Kommilitonen in der ganzen Bundesrepublik überzeugte Anhängerin eines Fernstudiums. „Würde ich an einer Massenuniversität mit mehreren hundert Kommilitonen im Hörsaal sitzen, wäre das viel anonymer als das Fernstudium“, sagt sie. Siemsen hat wie viele Fernstudenten erst spät mit dem Studium begonnen und nicht die klassische Bildungskarriere Abitur, Hochschule, Beruf hinter sich.

Mit 40 Jahren holte die Reiseverkehrskauffrau ihr Abitur in einem Fernlehrgang nach, absolvierte dann ein Bachelorstudium in Bildungswissenschaften und begann vor einem Jahr ein Masterstudium für Bildung und Medien. „Manche Lerngruppen und Freundschaften mit Kommilitonen lösen sich zwar nach kurzer Zeit wieder auf, weil jeder sein individuelles Studientempo hat“, sagt sie. „Einige bleiben aber auch bis zum Ende des Studiums zusammen.“

Verstärkt nachgefragt – und angeboten

Die Möglichkeit, sich über den virtuellen Campus ein Stück Studentenleben an den heimischen Schreibtisch zu holen, zieht immer mehr Studenten an – und immer mehr Anbieter entdecken den Markt für sich. Lange war die Fernuni in Hagen der einzige große Anbieter von Fernstudien. Heute tummelt sich eine Vielzahl privater und staatlich anerkannter Hochschulen auf dem Markt; die größten sind die Hamburger Fern-Hochschule mit 10 000 Studierenden, gefolgt von den AKAD Fernhochschulen, der Wilhelm Büchner Hochschule und der Europäischen Fernhochschule Hamburg.

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Zudem bieten immer mehr Präsenz-Hochschulen auch Fernstudiengänge an. Insgesamt absolvieren derzeit mehr als 110 000 Studierende ein Fernstudium. Ihre Zahl werde weiter ansteigen, sagt Bildungsforscherin Fogolin voraus.

Studien zeigen, dass die Absolventen in Unternehmen gerngesehene Bewerber sind: Wer Beruf, Familie und Fernstudium unter einen Hut gebracht hat, gilt als diszipliniert und motiviert. Die Aussicht auf einen Karrieresprung durch den akademischen Abschluss zieht vor allem ehrgeizige Berufstätige an, die nicht ganz aus dem Beruf aussteigen wollen. „Die Fernhochschulen öffnen sich dabei auch immer mehr für Menschen, die nicht über ein Abitur verfügen“, erklärt Fogolin. Die Bildungswege werden flexibler: So können erfahrene Manager an einigen Fernhochschulen mittlerweile auch ohne einen Bachelor ein Masterstudium beginnen.

Quelle: F.A.Z.
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