Latein

Tot, aber nützlich

Von Birgitta vom Lehn
21.02.2017
, 14:02
Was soll denn das heißen? Schon in Monty Python’s Klassiker „Das Leben des Brian“ waren Lateinkenntnisse unerlässlich.
Wer Latein lernt, wird oft belächelt. Aber Kenntnisse können Gold wert sein. Viele Fakultäten machen sie sogar zur Pflicht - wenn auch mit Tricks.
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Tote leben länger, heißt es. Aber gilt das auch für tote Sprachen, zu denen im Volksmund die lateinische zählt? Die Antwort lautet: Jein. Denn einerseits haben viele Universitäten die formalen Latein-Anforderungen weitgehend heruntergeschraubt oder die Latein-Schranke komplett fallengelassen. Oder das Lateinische wird auf die Anwendungsform beschränkt, wie etwa in der Medizin, wo kein Latinum mehr verlangt wird, sondern Studenten im Lauf des Studiums nur noch einen Kurs zur medizinischen Terminologie belegen müssen. Andererseits bestehen erstaunlich viele Fakultäten wenn schon nicht auf dem Latinum, so doch zumindest auf „Lateinkenntnisse“.

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Das freut die Altphilologen, denn es gibt ihnen gute Argumente an die Hand, in Schulen auch weiterhin für ihr Fach zu werben. Zwar kann Hans auch an der Uni noch Latein nachholen, aber Hänschen lernt es in der Schule doch meist flinker und leichter. Und das freut jene Eltern, die nach wie vor überzeugt sind, dass ihre Kinder vom Büffeln lateinischer Vokabeln und Grammatik profitieren. Wer der Sprache einen Elitestatus anheftet, wie Kritiker es gerne tun, liegt aber daneben: Latein lässt sich schließlich ohne teure Sprachreise und ohne teuren Auslandsaufenthalt erlernen. Man braucht nur ein paar Lehrbücher, gute Lehrkräfte, Fleiß, Disziplin und vor allem den festen Willen, sich einer Sache zu verschreiben, die statt auf flüchtige Kommunikation und oberflächliche Präsentation auf logisches Denken, präzise Formulierung und unzweideutige Verständigung setzt. Zu Zeiten von Twitter, Facebook und Co. eine für viele befremdlich anmutende Angelegenheit.

„Latein ist letztlich eine Frage der Disziplin“, sagt Simon Ebert vom Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn. „Wir haben hier eine Grundsatzentscheidung getroffen: Latein gehört bei uns zum Geschichtsstudium dazu.“ Auch fürs Lehramt braucht man in Bonn noch Lateinkenntnisse. „Da für den Vorbereitungsdienst das kleine Latinum notwendig ist, fordern wir auch im Lehramtsstudium weiterhin Lateinkenntnisse“, sagt Ebert. Das sind Kenntnisse im Umfang von zwei Lateinkursen, was weniger ist als das kleine Latinum. Dadurch sei in dieser Hinsicht auch eine Gleichstellung mit den fachwissenschaftlichen Bachelor-Studiengängen erreicht.

Die Kenntnisse werden im Verlauf des Studiums verlangt

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen) hatte vor zwei Jahren angekündigt, die Lateinschranke für Lehramtsstudenten abzusenken. Fremdsprachenkenntnisse dürften schließlich nicht mehr für ein Studium vorausgesetzt werden. Strenggenommen sollen also Anglisten keine Englischkenntnisse mehr verlangen dürfen, Romanisten keine Französischkenntnisse und Historiker keine Lateinkenntnisse. Die meisten Fakultäten bedienen sich aber eines Tricks: Die Sprachkenntnisse werden zwar noch nicht zu Studienbeginn, wohl aber im weiteren Verlauf des Studiums verlangt. Spätestens im Master-Studium gilt meist: Ohne Latein geht es nicht.

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Eltje Böttcher, Lehrbeauftragte für Lateinkurse an den Universitäten Hannover und Kiel, beantwortet die Frage, warum Lateinkenntnisse für Historiker, Kunsthistoriker, Archäologen, Theologen, Philosophen und all jene, die mit Originalquellen auf Latein arbeiten, relevant seien, mit einer Gegenfrage: „Gucken Sie Serien oder Filme manchmal auf Englisch? Warum?“ Die Antwort liefert sie gleich mit: „Weil man manche Witze einfach nicht so gut im Deutschen wiedergeben kann, die versteht man nur im Original wirklich. Und genauso ist es mit Ihren Quellen auch.“ Übersetzungen, fordert die Dozentin, sollten daher nur ein Hilfsmittel sein, um Texte zu verstehen und vielleicht leichter die genaue Textstelle zu finden, auf die eine These konkret gestützt wird. „Aber nur der Blick in den Originaltext lässt wirkliche Aussagen zu.“

Böttcher plädiert deshalb dafür, nicht nur auf mangelnde Lateinkenntnisse der Studenten zu schimpfen, sondern schon in den Schulen viel mehr als bislang üblich den Umgang mit Übersetzungen zu üben. „In der Praxis greifen ja ohnehin alle zur Übersetzung und versuchen nicht als Fachfremde, das Rad völlig neu zu erfinden und sich mit bruchstückhaften Lateinkenntnissen an einen Text zu setzen, für den bereits für 4,90 Euro eine Übersetzung vorliegt.“ Das sei auch völlig legitim. Wichtig sei aber, kritisch den Originaltext mitzulesen und zu erkennen, wo eine Übersetzung allzu viel Interpretation mitliefert - häufig ideologisch gefärbt. „Wenn man nur der Übersetzung vertraut, verfälscht das alle Ergebnisse, die daraus abgeleitet werden.“

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Auch Juristen können Latein noch gebrauchen

So sieht man das auch am Lehrstuhl für Römisches Recht an der Universität Köln. Wer als Jurist wissenschaftlich arbeiten wolle, ist Professor Martin Avenarius überzeugt, der müsse sich bewusstmachen, dass das geltende Recht auf jahrtausendealter Rechtserfahrung basiere, die nun mal auf Latein dokumentiert sei. Zwar brauchen Jurastudenten in Deutschland heute kein Latinum mehr vorzuweisen - anders als in Österreich, wo private Lerninstitute mit Intensiv-Lateinkursen boomen. Aber die Zulassung für die staatliche Pflichtfachprüfung im ersten Staatsexamen ist vielerorts doch an einen Schein gebunden, mit dem man Lateinkenntnisse nachweisen muss.

Filippo Bonin, 35 Jahre alt, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an Avenarius‘ Lehrstuhl und verantwortet dort den Kurs „Latein für Juristen“, an dessen Ende der begehrte Schein steht. Anfangs seien es meist rund 50 Teilnehmer, am Ende aber nur noch zehn, sagt er. Es handele sich nicht um einen Basiskurs, aber Bonin versichert, man könne nach den drei Monaten die Prüfung selbst dann gut schaffen, wenn man ohne Vorkenntnisse komme.

Der Jurist arbeitet täglich mit Textquellen in lateinischer und griechischer Sprache, weil er am Kölner Lehrstuhl zur Augusteischen Ehegesetzgebung promoviert. Dabei brachte Bonin bereits einen Doktortitel aus seinem Heimatland Italien mit, wo er zuvor als Anwalt gearbeitet hat. Seit knapp zwei Jahren ist er nun in Köln, hat sich in dieser Zeit die deutsche Sprache ohne Vorkenntnisse nahezu fließend angeeignet und will künftig nicht mehr als Anwalt arbeiten, sondern sich auf die wissenschaftliche Laufbahn konzentrieren.

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Für italienische Studenten sei es aber auch viel leichter, mit der lateinischen Sprache umzugehen, gibt Bonin zu. Zum einen sei Latein im italienischen Gymnasium Pflichtfach ab der ersten Klasse. Also lernen dort alle Gymnasiasten Latein. Zum anderen sei das Italienische wie alle romanischen Sprachen aus dem Lateinischen entstanden und damit sehr verwandt. „Auch wer als Italiener kein Latein kann, versteht, was gemeint ist.“

„Wir denken oft nur an die Zukunft und vergessen darüber die Vergangenheit“

Aber egal, ob leicht oder schwer zu lernen - Bonin ist ein Vertreter seiner Zunft und vor allem seines aktuellen Lehrers: „Die historische Rechtserfahrung ist in Latein verfasst. Wir denken aber oft nur an die Zukunft und vergessen darüber die Vergangenheit. Deshalb ist es so schwer zu erklären, warum wir als Juristen Latein brauchen“, sagt er. Außerdem findet Bonin, dass Latein eine andere wichtige Funktion hat: „Die Studenten sind gezwungen, präzise zu denken.“

Frederic Weimann hat als Heidelberger Geschichtsstudent selbst in den vermeintlich sauren Apfel beißen und das Latinum an der Uni nachholen müssen. In der Schule sei kein Lateinkurs zustande gekommen, bedauert der 24-Jährige noch heute. „Am Anfang dachte ich: Was soll das?“ Doch dann habe er die positiven Seiten der Beschäftigung mit der alten Sprache schätzen gelernt. „Latein schadet absolut nicht, und es hat einfache mathematische Grundregeln, die man sehr gut lernen kann.“ Den ersten Latein-Versuch im ersten Semester habe er aber abgebrochen, im dritten Semester dann neu gestartet. In Freiburg hat Weimann dann die Latinum-Prüfung zusammen mit Abiturienten eines Gymnasiums abgelegt und bestanden.

„Wir waren dort eine Gruppe von zehn Studenten, davon sind sechs durchgefallen“, sagt er. Als Überforderung habe er die Latein-Sache trotz des hohen Zeitaufwands während des Studiums nie empfunden. Heute ist Weimann, der in der Heidelberger Uni-Studienberatung arbeitet, jedenfalls froh, Latein nachgeholt zu haben, obwohl er sich im Master auf Neuere Geschichte spezialisiert hat. Denn: „Ich verstehe jetzt besser, worum es geht, wenn ich mit alten Quellen zu tun habe.“

Quelle: F.A.Z.
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