Masterstudium

Nur die Note zählt

Von Julian Trauthig
07.09.2010
, 14:30
Zum Masterstudium wollen die Hochschulen nur die klügsten Köpfe zulassen. Doch für das Auswahlverfahren zählt oft allein die Note. Aber ist eine 1,9 an der Uni Köln dasselbe wie eine 1,9 an der Uni Paderborn? Viele abgewiesene Bewerber sagen: Nein - und klagen vor Gericht.
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Die Bewerbung auf einen Masterplatz ist reine Formsache, dachte Robin Rantzsch. Mit einer Bachelorabschlussnote von 1,9 gehörte er schließlich in diesem Sommer zu den besten 10 Prozent seines Studiengangs Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln, außerdem arbeitete er schon lange als studentische Hilfskraft. „Ich habe fest damit gerechnet, dass ich genommen werde“, sagt der Zweiundzwanzigjährige. Doch Anfang August erhielt er per E-Mail eine Absage. Für den Masterstudiengang hätte er einen Durchschnitt von 1,8 gebraucht.

Noch vor wenigen Jahren konnten Studenten bis zu ihrem Diplom, Magister oder Staatsexamen durchstudieren. Auswahlverfahren gab es frühestens bei der Bewerbung auf die erste Stelle. Das hat sich - wie die gesamte deutsche Hochschullandschaft - radikal verändert, seit sich die europäischen Bildungsminister 1999 auf die Studienreform namens „Bologna“ geeinigt haben. „Die Logik des ,Durchstudierens' greift nicht mehr“, sagt Barbara Michalk von der Hochschulrektorenkonferenz dazu. Der Bachelor sei schon für sich genommen berufsqualifizierend, der Master ein daran anschließendes zusätzliches Studium, für das bewusst weniger Plätze zur Verfügung stünden. An der Universität Köln etwa gibt es in BWL zum kommenden Wintersemester 430 Bachelorstudienplätze, aber nur 215 Masterplätze. Wenn es mehr Bewerber gibt, dann müssen die Universitäten auswählen.

So war Robin Rantzsch nicht der einzige Bachelorabsolvent, der in diesem Sommer von einer Absage überrascht wurde. 1164 Bewerber hatten an der Universität Köln die Zugangskriterien für einen der begehrten Plätze in BWL erfüllt, etwa 70 Prozent erhielten aber keinen Platz. Auch an anderen großen Universitäten, etwa in München und Frankfurt, hagelte es Absagen.

Die Abschlussnoten unterscheiden sich von Hochschule zu Hochschule stark

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Einige Fakultäten, zum Beispiel die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Köln, scheinen bei der Auswahl ihrer Masterstudenten unterschätzt zu haben, wie stark sich die Abschlussnoten in Deutschland von Hochschule zu Hochschule unterscheiden. An der Kölner Wirtschaftsfakultät, die mit etwa 10.000 Studenten die größte Wirtschaftsfakultät an einer Präsenzuni des Landes ist, wurden die Masterstudenten ausschließlich nach Abschlussnote ausgewählt. Die Folge: Viele der eigenen Bachelorabsolventen bekamen keinen Platz. Denn die Kölner BWL-Studenten schneiden mit einer Durchschnittsnote von 2,33 deutlich schlechter ab als etwa Studenten der Universität Paderborn mit einem Durchschnitt von 1,7, wie eine Studie des Wissenschaftsrats unter Diplomabsolventen aus dem Jahr 2005 zeigt. Absolventen von Fachhochschulen und Berufsakademien, die sich seit der Bologna-Reform auch an Universitäten für ein Masterstudium bewerben dürfen, sind auf dem Papier teilweise noch besser.

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Entsprechend laut sind die Proteste der Studenten gegen die Auswahlverfahren. Der Asta der Universität Potsdam hatte schon im Februar 2009 zwei Normenkontrollverfahren gegen die Masterzulassungsordnungen in BWL und Informatik am Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eingereicht. Entschieden sei aber noch nichts, heißt es aus dem Gericht. Auch am Kölner Verwaltungsgericht sind die ersten Klagen eingegangen. „Es kann nicht angehen, dass für die Frage der Studienzulassung an der Universität Köln der Bachelorabschluss einer kleinen Fachhochschule das gleiche Gewicht hat wie der einer anspruchsvollen Universität“, schimpft Christian Birnbaum. Der Fachanwalt für Verwaltungsrecht vertritt einige der Kläger. Für die Abiturnoten, argumentiert er, müssten schließlich auch Länderquoten gebildet werden, wenn von ihnen die Zulassung zu einem Studium abhänge.

Auswahlverfahren jenseits von Noten und Quoten

Mira Joch hält solche Quoten alleine jedoch nicht für die Lösung aller Schwierigkeiten. Die 22 Jahre alte Studentin hat sich deshalb in einem Brief an das nordrhein-westfälische Forschungsministerium gewandt und darin ihrem Ärger Luft gemacht. „Andere Faktoren wie ehrenamtliches Engagement, Auslandserfahrung, Praktika und ein persönliches Auswahlgespräch finden keine Beachtung“, schreibt sie. Denn eigentlich schien auch sie alles richtig gemacht zu haben. In fünf Fachsemestern zog sie ihr BWL-Studium durch, war zwischendurch für ein Semester in Mexiko und nahm im vergangenen Semester eine Stelle als studentische Hilfskraft an. Ihre Abschlussnote war eine respektable 2,2. Aber auch sie darf nicht in Köln weiterstudieren.

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Wie Auswahlverfahren jenseits von Quoten und Noten aussehen können, weiß Hans-Jörg Didi. Er arbeitet für das Unternehmen ITB Consulting in Bonn, das schon seit den siebziger Jahren Tests wie das Auswahlverfahren für die Studienstiftung des deutschen Volks und den Medizinertest entwickelt hat. Noten sagten nur etwas über die Kenntnisse und das Wissen der getesteten Studenten aus, sagt er; kognitive Fähigkeiten und weiche Faktoren wie Motivation ließen sich aus ihnen aber nicht direkt ableiten.

Im vergangenen Jahr hat ITB Consulting einen Masterzulassungstest für die Universität Hamburg entwickelt. Er dauert vier Stunden und soll kognitive Fähigkeiten ermitteln. Dafür müssen die Studenten beispielsweise wirtschaftliche Zusammenhänge analysieren. Denn die Universität Hamburg hatte genau das befürchtet, was nun in Köln eingetreten ist. Der Test soll die von Hochschule zu Hochschule auftretenden Unterschiede zwischen den Bachelorabschlussnoten relativieren, indem objektiv die kognitiven Fähigkeiten untersucht und zu einem gewissen Prozentsatz mit der Abschlussnote gewichtet werden. „Es besteht natürlich eine Korrelation zwischen Note und Testergebnis“, berichtet Didi. „Aber an den Grenzstellen ist es durchaus zu einem Austausch gekommen.“

Nach den ersten positiven Resultaten hält er solche Tests auch für andere Massenuniversitäten für sinnvoll. Weiche Faktoren wie Motivation, die nach seiner Darstellung am sichersten in strukturellen Interviews erfragt werden könnten, seien hingegen nur bedingt geeignet. Solche Interviews seien wegen des Arbeitsaufwands und der hohen Kosten für große Universitäten schwierig umzusetzen.

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„Es ist unplausibel, dass die Paderborner viel klüger sind als die Kölner“

Werner Mellis, der Prodekan für Lehre, Studium und Studienreform der wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät in Köln, denkt mittlerweile auch darüber nach, den Hamburger oder einen ähnlichen Test zu verwenden. „Es ist unplausibel anzunehmen, dass die Paderborner so viel klüger sind als die Kölner“, kommentiert er die Ergebnisse des Wissenschaftsrats. Bis zum nächsten Wintersemester sollten die eigenen Studenten nicht mehr benachteiligt werden, verspricht er.

Der Nachteil für die Studenten: Solche Tests sind teuer. Der Hamburger Test beispielsweise kostet 97 Euro, der von vielen privaten Wirtschaftshochschulen eingesetzte GMAT (Graduate Management Admission Test) sogar 250 Dollar. Ändern muss sich aber auf jeden Fall etwas an der Situation - schon, um eine Welle von Klagen zu vermeiden. Denn in den nächsten Jahren wird die Zahl der Bachelorabsolventen kontinuierlich steigen, zudem drängen die von der Verkürzung der Gymnasialschulzeit bedingten doppelten Abiturjahrgänge an die Hochschulen. Gute Auswahlverfahren für die wenigen Masterplätze werden deshalb für die Universitäten immer wichtiger.

Für Robin Rantzsch kommt diese Einsicht zu spät. Er sucht schon nach einer Wohnung in Münster. Dort hat er einen Platz gefunden. Und Mira Joch schaut sich nach einem Praktikum um, danach will sie sich in ganz Deutschland um einen Masterplatz bewerben. Mit der Uni Köln möchten beide nichts mehr zu tun haben.

Quelle: F.A.Z.
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