Medikamentenmissbrauch

Mit Pillen gegen die Prüfungsangst

Von Insa Schiffmann
02.04.2011
, 07:00
Viele Studenten greifen zu Medikamenten, um ihre Leistungen zu steigern, ihre Prüfungsangst zu lindern oder weil sie glauben, sich Kranksein nicht leisten zu können. Besonders beliebt sind frei zugängliche Schmerzmittel.
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Es ist vier Uhr morgens. Manuel Grafe starrt an die Decke. Der Medizinstudent ist seit zwei Tagen wach. Noch eine Woche bis zu seiner mündlichen Physikumsprüfung. Sobald es hell wird, verlässt er die Wohnung, in der er sich vor lauter Büchern und Unterlagen kaum noch bewegen kann. Er geht spazieren und kann wieder denken. Doch mit jedem Schritt zurück zu seiner Wohnung schlägt sein Herz schneller, die Panik kehrt zurück. Und er muss sich eingestehen: So kann es nicht weiter gehen.

„Bis zum schriftlichen Physikum lief alles super. Eine Woche vor der mündlichen Prüfung hatte ich plötzlich das Gefühl, falsch gelernt zu haben. Ich hätte Haus und Hof verwettet, dass ich durchfalle. Ich konnte nicht mehr schlafen, was alles natürlich nur noch schlimmer gemacht hat“, erinnert sich der 22-jährige Freiburger, der vorher nie unter Prüfungsangst gelitten hatte. Er überlegte, Beta-Blocker gegen die Aufregung zu nehmen oder Schlafmittel, um eine Nacht zur Ruhe zu kommen.

10 Prozent der verordneten Mittel sind Antidepressiva

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Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK) von 2006, die Daten von 130.000 bei der TK versicherten Studenten umfasst, ist Manuel mit seinen Problemen nicht allein. Ein Viertel seiner Kommilitonen leidet nach der Studie unter Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen, ein Drittel an Rücken-, Kreuz- oder Nackenschmerzen, Nervosität oder Konzentrationsstörungen. Der durchschnittliche Student erhält bei 1,47 Arztbesuchen im Jahr Rezepte für 52 Tagesdosen. Das heißt, er könnte an 52 Tagen des Jahres eine definierte Dosis eines Medikaments einnehmen. Zum Vergleich: Erwerbstätige erhalten bei 1,9 Arztkontakten im Jahr Rezepte für 62 Tagesdosen.

16 Prozent der Studenten gaben an, innerhalb des letzten Jahres „eher oder sehr oft unter depressiven Verstimmungen gelitten zu haben“. Dies spiegelt sich auch in den verschriebenen Medikamenten wider. 10 Prozent der verordneten Medikamente waren Antidepressiva. Bei Erwerbstätigen liegt dieser Wert bei nur 5 Prozent. Besonders ältere Studierende scheinen für den erhöhten Gebrauch an Antidepressiva verantwortlich zu sein.

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Jeder siebte Student zeigt Anzeichen für Medikamentenmissbrauch

Die Studie gibt allerdings nur Auskunft über verschreibungspflichtige Medikamente. In einer neuerem Untersuchung, die an der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2010/2011 durchgeführt worden ist, wird auch der Verbrauch von frei erhältlichen Arzneimitteln erfasst. 1334 Studierende der FU beantworteten einen Online-Fragebogen, in dem sie angaben, an wie vielen Tagen des vergangenen Monats sie verschiedene Medikamente konsumiert hatten. 7,5 Prozent der befragten Studenten hatten Schlaf- oder Beruhigungsmittel, 4,2 Prozent hatten Antidepressiva eingenommen.

Besonders beunruhigend findet Katrin Lohmann, dass zwei Drittel der Befragten im angegebenen Zeitraum Schmerzmittel konsumiert hatten. Lohmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Prävention und Gesundheitsforschung an der FU Berlin. „Das hat uns alle überrascht“, sagt sie. „Schmerzmittel wie Paracetamol oder Aspirin sind zwar frei verkäuflich, diese Substanzen sind aber alles andere als harmlos. Aspirin zum Beispiel kann Nieren- und Magenschäden und Paracetamol Leberschäden verursachen.“ Außerdem existiere eine paradoxe Nebenwirkung der Schmerzmittel: Der übermäßigem Konsum könne Kopfschmerzen verursachen, die mit Schmerzmitteln nicht mehr behandelbar seien. „Das wissen die meisten Studenten nicht“, sagt Lohmann. Als übermäßig bezeichnen die Forscher den Konsum, wenn im vergangenen Monat an zehn und mehr Tagen Schmerzmittel eingenommen wurden. „Jeder zwanzigste Student und sogar jede zehnte Studentin befindet sich in diesem gefährlichen Bereich“, sagt Lohmann. Insgesamt, so haben die Forscher herausgefunden, zeige jeder siebte Student Anzeichen für Medikamentenmissbrauch.

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Viele glauben, sich Kranksein nicht leisten zu können

In einer repräsentativen Umfrage unter jungen Menschen im Alter von Studenten, die die FU-Wissenschaftler zitieren, gaben 76,5 Prozent der Befragten an, im vergangenen Jahr mindestens ein Medikament eingenommen zu haben. „Wir fanden heraus, dass allein in einem Monat 66 Prozent der Studierenden Medikamente eingenommen hatten. Man kann davon ausgehen, dass sie deutlich häufiger Medikamente konsumieren als die Vergleichsgruppe“, sagt Lohmann. Weibliche Studenten griffen mit 77,3 Prozent öfter zur Pillenpackung als ihre männlichen Kommilitonen mit 50,5 Prozent.

Psychostimulanzien, also leistungssteigernde Mittel, hatte nur ein Prozent der Studenten eingenommen. „Die Hälfte der Studierenden gab aber an, Medikamente zu nehmen, weil sie es sich nicht leisten könnten, krank zu sein. Es ist also durchaus berechtigt davon auszugehen, dass auch andere Medikamente wie Mittel gegen Kopfschmerzen zur Leistungssteigerung oder doch zumindest zum Leistungserhalt eingenommen werden“, glaubt Lohmann. Zu den Psychostimulanzien oder „Neuroenhancern“ gehört das verschreibungspflichtige Medikament Ritalin, das oft Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) einnehmen. Aber auch Ecstasy oder Kokain werden von Studenten zur vermeintlichen Leistungssteigerung missbraucht.

Leistungssteigernde Mittel sind bei Medizin- und Jurastudenten beliebt

„Ein Prozent, das ist nicht epidemisch“, sagt Isabella Heuser von der Charité Berlin. Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie gibt zu bedenken, dass diese Zahlen eher Schätzungen sind. Wenn Studenten verschreibungspflichtige Medikamente ohne Indikation oder illegale Substanzen einnähmen, dann geschehe das unter der Hand. „Ich denke, die Dunkelziffer liegt viel höher.“ Man werde durch diese Mittel nicht klüger oder kreativer, man bleibe aber länger wach und aufnahmefähig und könne so tatsächlich seine Leistungen verbessern, erklärt Heuser. Besonders beliebt seien die leistungssteigernden Medikamente unter Studenten von lernintensiven Fächern wie Jura oder Medizin.

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Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz, erklärt, dass Psychostimulanzien nicht bei jedem gleich wirken: „Solche Substanzen funktionieren eher bei Kandidaten, die sich die Nächte um die Ohren schlagen und deshalb unkonzentriert und müde sind. Ausgeschlafene, ausgeglichene Studenten werden weniger wahrscheinlich einen positiven Effekt verspüren.“ Ganz im Gegenteil könnte es sogar zu einem Leistungsabfall kommen, sagt er und fügt hinzu. „Es gibt keine Studien darüber, welche Langzeitfolgen der Gebrauch von Psychostimulanzien bei gesunden Menschen hat. Aufgrund ihrer Wirkungsweise ist aber zu erwarten, dass Psychostimulanzien Schäden im Gehirn anrichten und psychisch abhängig machen können.“ Besser sei es, „gesunde Dinge“ zu tun: „Früh genug mit dem Lernen anfangen, genug schlafen, Sport machen und Kaffee trinken.“ Dieser habe eine ähnliche Wirkung wie Medikamente.

Wenn man Manuel Grafe, den von Prüfungsangst geplagten Medizinstudenten fragt, gibt es noch eine fünfte Methode: Er bat seine Mutter um Unterstützung. „Sie konnte mir das Lernen nicht abnehmen, aber das Ordnen meines restlichen Lebens hat zu dem Zeitpunkt schon gereicht.“ Das Physikum bestand er mit der Note 1,5 – ganz ohne pharmazeutische Unterstützung.

Quelle: F.A.Z.
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