Offene Onlinekurse

Die Avatare rechnen mit

Von Nadine Bös
06.12.2012
, 16:50
Offene Online-Kurse bieten Zugang zu Wissen, das sonst nur in Stanford oder Harvard gelehrt wird. Man braucht dafür nur einen Internetanschluss. Und Disziplin. Ein Selbstversuch.
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Mein neuer Lehrer heißt Sebastian. Sein Avatar ist hellblau, einäugig mit rosa Beinen und roten Scherenhänden. Ständig sehe ich seine rechte Hand, vor allem den Zeigefinger und den Daumen, die den obligatorischen schwarz-grauen Folienstift halten. Und natürlich kenne ich seine Stimme mittlerweile sehr gut, das schnelle, manchmal sich verhaspelnde Englisch mit der kleinen Nuance deutschem Akzent im Hintergrund.

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Sebastian hat mir beigebracht, was lineare und nichtlineare Daten sind und wie ein Scatterplot funktioniert. Gerade erklärt er mir das Bayes-Theorem. Wir sind in Lektion zehn des Kurses „Einführung in die Statistik“. Sebastian ist Sebastian Thrun, ein bekannter Professor der Stanford-Universität. Berühmt wurde der in Deutschland geborene Informatiker vor allem durch seine Gründung des Forschungslabors Google X und durch seine Entwicklung eines fahrerlosen Autos. Jetzt hat er das Thema Bildung für sich entdeckt. Gerade zeichnet seine Hand schnelle Diagramme auf diverse Unterrichtsfolien. Nicht etwa auf einem Overheadprojektor in einem amerikanischen Hörsaal. Sondern direkt bei mir zu Hause auf dem Bildschirm meines Laptops, abends auf dem Sofa, während nebenher die Tagesschau läuft.

160.000 Studenten aus 200 Ländern der Welt

Sebastian Thrun, mein berühmter Professor, ist so etwas wie der Vater eines Phänomens, das sich „MOOCs“ nennt. Besser gesagt: einer von mehreren Vätern und der wohl bekannteste. MOOCs - das ist die Abkürzung für „Massive Open Online Courses“. Das Prinzip: Hochschullehrer stellen mit Hilfe von Videos, Quiz, Foren und Blogs die Inhalte von Vorlesungen online, diskutieren sie im Netz mit ihren Studenten und bieten eine Ausgangsplattform, damit Kommilitonen über die Inhalte sprechen und gemeinsam lernen können. Statt hohe Studiengebühren zu zahlen, harte Auswahltests zu bestehen und hinterher zu fester Zeit an festem Ort zu lernen, öffnen MOOCs jedem Interessierten die Tür zu einem Teil des Wissens, das ansonsten nur den Studenten von Eliteuniversitäten vorbehalten ist. Einzige Voraussetzung: ein Internetanschluss.

Offene Online-Kurse gibt es eigentlich schon lange, doch waren sie in der Vergangenheit oft Computerfreaks und Fans von Spezialwissen vorbehalten. Erst Sebastian Thruns Geschichte sorgte für einen regelrechten Hype: Thrun, damals noch als lehrender Stanford-Professor aktiv, stellte im Herbst 2011 seine Vorlesung über künstliche Intelligenz ins Internet. Nach und nach erschienen immer weniger seiner 200 Studenten zur Vorlesung. Der Kurs im Netz sei praktischer, so lautete die Rückmeldung, die Videos könne man mehrfach ansehen und die Aufgaben in Zusammenarbeit mit der Netzgemeinde besser lösen. Warum noch im Hörsaal aufkreuzen? Stattdessen explodierte die Zahl der Online-Hörer: 160.000 waren es schließlich, aus 200 Ländern auf der ganzen Welt. So motiviert, gründete Thrun gemeinsam mit drei Kollegen „Udacity“, eine virtuelle Lernplattform, die mittlerweile 18 verschiedene Kurse anbietet - und immer mehr Konkurrenten auf den Plan ruft.

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Handgeschriebene Rechnungen und ungelenke Zeichnungen

Dabei ist es keineswegs hohe Videokunst, die Udacity im Netz vollführt. In meiner Statistikvorlesung kommt nicht viel mehr vor als handgeschriebene Rechnungen und ungelenk gezeichnete Skizzen von X- und Y-Achsen. Das Ganze begleitet von Worten und garniert mit einer anklickbaren Übung. Die Beispiele sind anschaulich: Wir berechnen, wie viel man bei bestehenden Häuserpreisen für ein Eigenheim investieren sollte, oder schauen uns an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch an Krebs erkrankt, falls ein bestimmter Test positiv ausfällt. Das können gute Statistiklehrbücher auch. Was sie nicht können: Zwischendurch fragt uns der einäugige blaue Dozenten-Avatar: Was denkt Ihr über die Lektion zum Bayes-Theorem? Zu schwer? Zu leicht? Während der Professor offen über den eigenen Unterricht sinniert, liefert die Netzgemeinde Dutzende Anregungen. Für die meisten inhaltlichen Fragen im Forum wird der Dozent gar nicht erst gebraucht: Die Studenten helfen sich gegenseitig. „Ihre Beiträge sind oft besser als meine Lektionen“, sagt Thrun.

Tatsächlich ist im Forum zu sehen, dass manchmal schon Minuten nachdem eine Frage online ging, ein Kommilitone weiterhelfen kann. Bei meiner Frage zu Lektion 10.10 dauert es zwar einen knappen Tag. Doch dann melden sich Aquila Khanam (lila Avatar mit heraushängender Zunge) und John Wheeler (dunkelblauer Avatar mit Stacheln) mit verblüffend verständlichen Erläuterungen des Begriffs „Spezifität“. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Ich selbst habe auf Udacity noch nie auf eine Frage meiner Kommilitonen geantwortet. Ich habe schlicht keine Zeit dazu.

“In der Praxis nehmen natürlich nicht alle gleichermaßen an solchen Kursen teil“, sagt die Informationswissenschaftlerin Claudia Bremer, die an der Frankfurter Goethe-Universität über MOOCs forscht. Es gelte die sogenannte 90-9-1-Regel: „90 Prozent der Teilnehmer sind passive Konsumenten, 9 Prozent beteiligen sich gelegentlich aktiv.“ Lediglich ein Prozent der Teilnehmer sei sehr aktiv und nutze zum Beispiel eigene Blogs zum Austausch mit den Kommilitonen. „Wir lieben diese sehr aktiven Teilnehmer“, drückt Sebastian Thrun es überschwänglich aus. „Sie sind es auch, die hinterher die besten Stellen kriegen.“ Woher er das weiß? Es ist Teil des Geschäftsmodells von Udacity, die besten Absolventen an Headhunter zu vermitteln. Irgendwann in Zukunft will Thrun auf diesem Wege sogar Geld verdienen.

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In meinem Hinterkopf meldet sich einmal mehr das schlechte Gewissen. Eigentlich müsste ich noch die nächste Statistikaufgabe lösen. Irgendetwas mit der Normalisierung von Wahrscheinlichkeiten. Wie lange ich nicht mehr auf Udacity war, wird mir klar, als ich vergeblich versuche, mich an mein Passwort zu erinnern. Ich habe einen Vorschlag für eine neue Beispielrechnung, Herr Thrun. Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass ich einen MOOC anfange und mittendrin das Handtuch werfe? „Sehr wahrscheinlich“, lautet Thruns Antwort. „Bei uns haben sich bislang 900 000 Personen registriert, aber nur 15 Prozent machen die Kurse fertig. Ich finde das wenig.“ Die hohen Abbrecherzahlen begründet er mit der niedrigen Eingangsschwelle: Mit ein paar Klicks kann jeder überall hineinschnuppern. „Außerdem gibt es bei uns keine Deadlines. Dann fällt das Lernen schnell mal hintenan.“

Kleine Orden zum Posten auf Facebook

Thruns Konkurrenten handhaben deshalb die Deadlines ganz unterschiedlich. Manche Lernplattformen legen fest, in welcher Woche die Studenten welche Lektionen ansehen sollen; auch für Hausaufgaben gibt es mancherorts Abgabefristen. Andere Portale experimentieren mit „Badges“, einer Art kleine Orden, mit denen sich Teilnehmer zum Beispiel auf Facebook schmücken können, wenn sie bestimmte Aufgaben gemeistert haben. Auch auf Udacity gibt es Badges, zum Beispiel wenn ein Student eine besonders gute Frage gestellt hat.

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Doch wie weiß eigentlich der Computer, dass ich es gewesen bin, die das „Badge“ verdient hat? Und wie weiß Sebastian Thrun, dass ich persönlich Lektion für Lektion durchgeackert habe, wenn er mir am Ende ein „Certificate of Accomplishment“ ausstellt (online, zum Selbstausdrucken)? Natürlich könne niemand nachprüfen, ob der Student selbst, sein Kumpel oder sein Großvater die Prüfung im Netz gemacht habe, sagt Claudia Bremer. Für Abschlüsse, die außerhalb der Netzwelt von Wert sein sollen, bestellen deshalb einige MOOC-Anbieter ihre Teilnehmer zu Präsenzexamen ein. Auch auf Udacity gibt es diese Möglichkeit, gegen eine Gebühr von rund 90 Dollar. „Das nutzen aber nur weniger als ein Prozent unserer Teilnehmer“, berichtet Sebastian Thrun. „Wir waren ziemlich überrascht darüber.“

Und wie wahrscheinlich ist es nun, dass ich zu den mehr als 99 Prozent gehören werde, die auf eine Präsenzprüfung verzichten, wenn ich meinen Statistikkurs fertig habe? Unter der Voraussetzung, dass nur 15 Prozent der Teilnehmer überhaupt ihre Kurse beenden? Vielleicht könnte mir Bayes Theorem bei der Antwort auf diese Frage helfen. Oder die Udacity-Community. Wie war noch gleich das Passwort?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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